Freie Universität Berlin


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Die Erinnerung aufrechterhalten

In einem Forschungsprojekt der Freien Universität werden Opfer des DDR-Grenzregimes mit ihren Biografien vorgestellt / Gedenkbuch in Vorbereitung

12.08.2016

An der innerdeutschen Grenzen kamen Menschen bei Fluchtversuchen ums Leben. Deren Biografien sind nun an der Freien Universität erforscht worden.
An der innerdeutschen Grenzen kamen Menschen bei Fluchtversuchen ums Leben. Deren Biografien sind nun an der Freien Universität erforscht worden. Bildquelle: CC0: Wikimedia Commons
Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat erforscht mit seinen Kolleginnen und Kollegen die Biografien von Opfern des DDR-Grenzregimes.
Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat erforscht mit seinen Kolleginnen und Kollegen die Biografien von Opfern des DDR-Grenzregimes. Bildquelle: Manuel Krane

Im Februar 1987 war Detlef Armstark so hoch verschuldet, dass die staatliche Großhandelsgesellschaft der DDR den 26-jährigen Gastwirt nicht mehr beliefern wollte. Außerdem wurde er von der Stasi in der „Vorverdichtungs-, Such- und Hinweiskartei“ geführt, in der gelistet wurde, wo sich Informationen über bestimmte Personen befinden. Armstark sieht für sich keine Zukunft mehr in der Deutschen Demokratischen Republik und entschließt sich zur Flucht. In Wittenberge, wo die Elbe noch kein Grenzfluss ist, wagt er sich nachts auf das Wasser. Er will sich auf zwei zusammengeschnürten Luftmatratzen flussabwärts in Richtung Niedersachsen treiben lassen. Doch Armstark kommt nie in der Bundesrepublik an. Sein Gefährt kentert, er ertrinkt. Seine Leiche wird am nächsten Tag in der Elbe auf der Höhe von Lenzen von einem Patrouillenboot der DDR-Grenztruppen entdeckt.

Armstark ist eines von vielen Opfern des DDR-Grenzregimes, die bisher nicht als solche erfasst worden sind. Das soll sich ändern. Jochen Staadt und Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität wollen nun an die vergessenen Schicksale dieser Menschen erinnern. In ihrem Projekt „Die Opfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze“ haben sie zahlreiche Biografien von Todesopfern an der innerdeutschen Grenze recherchiert. Das Forschungsprojekt wird von der Staatministerin für Kultur und Medien und den Ländern Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Hessen gefördert.

Nach dem Ende der DDR erfasste die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) etwa 400 Todesfälle an der innerdeutschen Grenze. Allerdings wurden von der ZERV nur solche Fälle dokumentiert, bei denen der Tod durch direkte Fremdeinwirkung wie beispielsweise Waffengewalt herbeigeführt worden war. Diese Fälle waren strafrechtlich relevant, im wiedervereinigten Deutschland gab es in den 1990er Jahren zahlreiche Prozesse gegen ehemalige Grenzsoldaten der DDR und ihre Befehlsgeber. Nicht erfasst wurden Todesfälle, bei denen keine direkte Fremdeinwirkung vorlag. „Beispielsweise, wenn Menschen bei Fluchtversuchen ertrunken sind, wie Detlef Armstark“, erklärt der Historiker Jochen Staadt.

Mehr als 1400 Verdachtsfälle

Mehr als 1400 Verdachtsfälle hat das Team des Forschungsverbundes SED-Staat untersucht. Die Forscher zählen auch Menschen zu den Opfern, die versehentlich ins Grenzgebiet geraten sind und dann ums Leben kamen. „Das betrifft sowohl West- als auch Ostdeutsche“, erklärt Staadt.

Die Idee zur ihrem Forschungsprojekt hatten Staadt und Schroeder, als eine ähnliche Dokumentation zu den Opfern der Berliner Mauer entstanden ist. „Wir waren der Auffassung, dass das nicht ausreicht, sondern man schauen muss, wie viele Personen dem DDR-Grenzregime insgesamt zum Opfer gefallen sind“, sagt Staadt, „dazu gehören eben auch die Menschen, die an der über 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze ums Leben gekommen sind.“

Auch Grenzsoldaten sind Opfer

Die Forschungsgruppe zählt teilweise auch DDR-Grenzsoldaten zu den Opfern. „Das waren keineswegs alles überzeugte Leute“, sagt Staadt, „da sind junge Menschen in den Grenzdienst geholt worden, die das schon bei der Musterung nicht wollten.“ Die DDR brauchte zur Sicherung der innerdeutschen Grenze 30 000 bis 40 000 Soldaten. Diese wurden nach strengen Kriterien ausgewählt und von der Stasi überwacht, um zu verhindern, dass unsichere Kantonisten wie Ausreisewillige ihren Dienst an der Grenze zur Flucht nutzen. Trotz der strengen Auswahl hätten viele Soldaten eine ablehnende Haltung gegenüber ihrem Dienst gehabt. „Viele hatten ein Problem damit, im Zweifel auf Zivilisten schießen zu müssen, sie wollten die Waffe nur zu ihrer eigenen Verteidigung einsetzen“, sagt Staadt. Die Folge: Soldaten baten um Entlassung aus dem Grenzdienst und wurden versetzt. Zwischen 500 und 1000 junge Männer wurden so jedes Jahr aus der Truppe abgezogen. „Die Grenzsicherung hatte deswegen ständig Personalprobleme.“

Das Forschungsteam stellte fest, dass es sich bei den Todesopfern, die bei Fluchtversuchen ums Leben kamen, überwiegend um junge Männer unter 25 Jahren handelt. Diese Gruppe mache etwa 70 Prozent der Flüchtlinge aus. Außerdem seien die meisten Opfer Arbeiter, Handwerker oder in der Landwirtschaft tätige Menschen gewesen, es sind nur wenige Akademiker unter den Opfern. „Die Ironie der Geschichte ist, dass gerade diejenigen die gefährliche Flucht wagten, die ihrer sozialen Stellung nach als die herrschende Klasse in der DDR bezeichnet wurden“, sagt Staadt.

Gedenkbuch in Vorbereitung

Alle dokumentierten Fälle werden nun in einem biografischen Gedenkbuch zusammengeführt. Neben Informationen zu den Todesumständen soll dieses auch Berichte zu den Lebensgeschichten der Todesopfer enthalten. „Wir wollen die Betroffenen so vorstellen und an sie erinnern, wie sie eben waren“, sagt Staadt. Deswegen nahm das Forschungsteam Kontakt mit Angehörigen von Opfern des DDR-Grenzregimes auf, um sie nach ihrer persönlichen Erinnerung an die ums Leben gekommenen Verwandten oder Freunde zu befragen. Dadurch konnten in vielen Fällen Falschdarstellungen, die sich vielfach in den DDR-Überlieferungen finden, korrigiert werden. Rund 260 bereits ausrecherchierte Biografien sind auf der Webseite des Forschungsprojektes veröffentlicht, manchmal haben sich Angehörige auch bei den Wissenschaftlern gemeldet, nachdem sie von der Seite erfahren hatten. Die meisten seien laut Staadt „dankbar und erfreut darüber, dass die Erinnerung an ihre Verwandten oder Freunde im öffentlichen Bewusstsein bewahrt bleibt.“