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Der Weltraum über Berlin

Historiker und Kulturwissenschaftler erkunden, wie man sich im 20. Jahrhundert in Berlin dem Weltall näherte

30.03.2015

Alte Ansichtskarte zur Berliner Gewerbeausstellung 1896 im Treptower Park - Ansicht des Riesenfernrohres.
Alte Ansichtskarte zur Berliner Gewerbeausstellung 1896 im Treptower Park - Ansicht des Riesenfernrohres. Bildquelle: Kunstanstalt J. Miesler, Berlin

Denkt man an Berlin, fällt einem wahrscheinlich nicht sofort der Weltraum ein. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in der Metropole viele Orte, an denen man mit Teleskopen ins All schaute oder Weltraumvorstellungen auf Theaterbühnen inszenierte. Berlins Rolle als Schauplatz der Weltraumerkundung und Wissensvermittlung stand im Zentrum des Workshops „Berliner Welträume im 20. Jahrhundert, der in dieser Woche an der Freien Universität stattfand. 

Wie beeinflusste die wissenschaftlich-technische Pionierarbeit unser Verständnis vom Universum, und welche Rolle spielten dabei damals neue Medien wie das Projektionsplanetarium und der Film? Diesen Fragen gingen Historiker und Kulturwissenschaftler aus Deutschland und den USA in ihren Vorträgen nach.

Sie beleuchteten, welchen Einfluss Berliner Bildungsinstitutionen wie die Urania, der sogenannte Raketenflugplatz in Tegel, das Planetarium am Zoologischen Garten und Berliner Sternwarten auf das Weltraumdenken ausübten. Im Mittelpunkt standen in den Vorträgen und Diskussionen die Beziehungen zwischen der wechselvollen Geschichte einer Metropole und unterschiedlichen Weltraumkonzeptionen, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts stark wandelten.

Der Weltraum: ein unbereister Ort

Der Weltraum war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch unbereist, Mondlandungen und Exkursionen zu fernen Planeten waren noch fiktionale Unternehmungen. „Solange niemand wirklich die Erde verlassen hatte, diente das All als Projektionsfläche für gesellschaftliche Utopien und Dystopien“, sagt Tilmann Siebeneichner, der den Workshop zusammen mit Jana Bruggmann und der Forschergruppe „Die Zukunft in den Sternen“ organisiert hatte.

Filmemacher wie Fritz Lang, dessen letzter Stummfilm „Frau im Mond“ zum Klassiker des Science-Fiction-Kinos werden sollte, ließen sich von Experten der frühen Weltraumbewegung beraten. Die UFA berief für die Filmproduktion eigens einen wissenschaftlichen Beirat, an dessen Spitze ein Begründer der Raketentechnik, Hermann Oberth, stand.

Die Raketenkonstrukteure kämpften mit Vorbehalten, die ihrer Arbeit zunächst entgegengebracht wurden. Hermann Oberth und auch Wernher von Braun, der später für die Nationalsozialisten eine weltraumtaugliche Waffe in Raketenform konstruierte – die sogenannte V2 –  waren darauf bedacht, die Seriosität ihrer Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen.

„Die Grenzen zwischen Science und Fiction waren jedoch fließend“, sagt Tilmann Siebeneichner. Ein Jahr, nachdem Fritz Langs Film-Rakete auf der Kinoleinwand zum Mond flog, plante der Verein für Raumschifffahrt, mit einer echten Postrakete den Briefverkehr zwischen Europa und den USA zu revolutionieren.

Berliner Weltraumorte 

Quer über die Stadt verteilt erkundete man den Mond und die Nachbarplaneten der Erde als mögliche Reiseziele. Die 1889 eröffnete Urania und mehrere Sternwarten präsentierten neue wissenschaftliche Erkenntnisse und versprachen Einblick in ungeahnte Tiefen des Weltraums. 1896 wurde im Treptower Park die Archenhold-Sternwarte eröffnet, die bis heute das längste bewegliche Fernrohr der Welt beherbergt. Und 1930 wurde in Reinickendorf der weltweit erste Raketenflugplatz gegründet, auf dem erste Flüssigkeitsraketen entwickelt und erprobt wurden.

„Berlin galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als die am schnellsten wachsende Stadt der Welt und entwickelte sich zu einem Zentrum der Wissenschaftspopularisierung“, sagt Jana Bruggmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschergruppe, über die Stadt, in der der Begründer der Elektrotechnik, Werner von Siemens, 1886 das naturwissenschaftliche Zeitalter ausrief.

Mit dem wissenschaftlichen Theater – einer Erfindung des Schriftstellers und Astronomen Max Wilhelm Meyer – konnte die Berliner Bevölkerung in der Urania den Weltraum in bisher nicht dagewesener Form erleben. So wurde der Flug zum Mond, auf die Venus und den Mars inklusive Spaziergang auf deren Oberfläche simuliert. „Ziel war es, in einer Zeit, in der die Naturwissenschaften im Schulunterricht als Fächer noch wenig etabliert waren, Weltraumvorstellungen zu verwissenschaftlichen“, sagt Jana Bruggmann.

Die Berliner selbst waren von den Weltraum-Orten in der Stadt angezogen. Eine Reise ins All schien plötzlich nicht mehr nur ein Spleen weltfremder Tüftler zu sein, sondern rückte in der zukunftsversessenen und fortschrittsgläubigen Weimarer Republik in anscheinend greifbare Nähe. „Ohne ein naturwissenschaftlich-physikalisches Weltraumverständnis wäre an Raumfahrt wohl kaum zu denken gewesen“, sagt Jana Bruggmann.

Berlin überstand in der Folge einen weiteren Weltkrieg, wurde geteilt und wiedervereinigt. Viele ihrer Weltraumorte aber überlebten, allen voran die Urania, wenn auch an anderem Standort. Dort ist das All allerdings heute nur noch ein Randthema.

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