Freie Universität Berlin


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Gründerinnengeneration „Y“

Rückblick auf 25 Jahre Gründungen von Frauen in Ost- und Westdeutschland / Nach der Zukunftskonferenz an der Freien Universität

21.01.2015

Constanze Buchheim, Berliner Gründerin der i-potentials GmbH.
Constanze Buchheim, Berliner Gründerin der i-potentials GmbH. Bildquelle: Sharon Adler
René Leicht vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim.
René Leicht vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim. Bildquelle: Sharon Adler

25 Jahre nach dem Mauerfall diskutierten kürzlich mehr als 120 erfahrene Unternehmerinnen, Gründerinnen und Gründungsexpertinnen aus ganz Deutschland an der Freien Universität Berlin über die Hintergründe und die aktuelle Situation weiblichen Unternehmertums: Die Zukunftskonferenz „Frauen gründen (in) Ost und West“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) nahm dabei erstmalig die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Ost- und Westdeutschland in den Blick, lieferte Einblicke in Erfolgsstrategien und wagte einen ersten Ausblick in die Zukunft der neuen Gründerinnengeneration „Y“.

„Unsere Konferenz hat gezeigt, dass ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall Ost- oder Westdeutschland als Herkunft oder Standort für Unternehmerinnen keine Rolle mehr spielen“, sagt Steffen Terberl, Projektleiter und Leiter von profund – der Gründungsförderung der Freien Universität Berlin. „Dennoch gibt es Unterschiede in den Entwicklungen des weiblichen Unternehmertums in Ost und West, die wir erstmalig identifizieren konnten. In nächsten Schritten möchten wir gemeinsam mit Unternehmerinnen, Gründerinnen und Experten konkrete Lösungswege erarbeiten.“

„Stau in der Entwicklung von Frauengründungen“

Aktuell sind nach Angaben des KfW-Gründungsmonitors 43 Prozent der Unternehmensgründerweiblich. Dies ist der höchste bisher gemessene Anteil. Diesen Zahlen gegenüber stehen aktuelle Auswertungen des Mittelstandsforschers und Gründungsexperten René Leicht, die erstmalig auf der Konferenz bekanntgegeben wurden. So ergeben Untersuchungen des Experten vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim (ifm) einen „Stau“ in der Entwicklung von Frauengründungen: „Die Gründungsaktivitäten von Frauen steigen zwar leicht an und die Selbstständigen-Quoten von Frauen in Ost und West haben sich angeglichen. Im Vergleich zur männlichen Selbstständigen-Quote liegen Frauen jedoch noch weit zurück, und diese Kluft zwischen den Geschlechtern hat sich seit 1991 fast verdoppelt“, sagte Leicht.

Rolle der Unternehmerin sichtbar machen

Gleichzeitig zeige sich allein schon an der hohen Bildung von Frauen ein unzureichend ausgeschöpftes Gründungspotenzial: „2011 entfielen auf eine Million erwerbsfähige Männer im Osten rund 12.000 und im Westen 19.000 Neugründungen“, erläuterte der Experte. „Bei den Frauen seien im selben Jahr lediglich 7.000 Gründungen im Osten und 11.000 im Westen zu verzeichnen gewesen.

Auf der Zukunftskonferenz wurde deutlich, wie wichtig es ist, die Rolle der Unternehmerinnen sichtbarer zu machen – und frühzeitig unternehmerische Kompetenzen in Schulen und an Hochschulen zu fördern.

Erste Auswertungen einer Medienanalyse an der Universität Siegen zeigten, dass auch in den Medien noch immer stereotype Vorstellungen vom Unternehmertum dominierten, sagte Professorin Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und Lehrstuhlinhaberin an der Universität Siegen: Demnach seien im vergangenen Jahr in den untersuchten Zeitungen allein 8.345 Artikel über Unternehmer – aber lediglich 403 Beiträge über Unternehmerinnen erschienen. „Hier besteht zweifellos noch Handlungsbedarf", sagt Welter, „sowohl seitens der Unternehmerinnen, die ihre Öffentlichkeitsarbeit verstärken müssen, als auch seitens der Medien, die noch mehr über erfolgreiche weibliche Geschäftsaktivitäten berichten könnten.“

Berufswahlverhalten von jungen Mädchen verändern

Wie das Rollenmodell der Unternehmerin beispielsweise über fiktionale Formate in den audiovisuellen Medien konstruktiv eingebracht werden könnte, um damit das Berufswahlverhalten von jungen Mädchen zu verändern, sei daher eines der nächsten Forschungsziele. Ebenso sei ein jährlicher bundesweiter „Unternehmerinnentag“ geplant. „Die Stellschrauben für eine stärkere unternehmerische Präsenz von Frauen liegen in Ost und West bei Fragen der Sozialisation und der Auflösung von geschlechtsspezifischen Rollenmustern“, lautete René Leichts Fazit.

Constanze Buchheim, Berliner Gründerin der i-potentials GmbH und Expertin der sogenannten Generation Y, appellierte in ihrem Vortrag eindringlich für eine komplexere Ausbildung von Schlüsselqualifikationen für erfolgreiche Gründerinnen und Unternehmerinnen an Hochschulen. Neben Analytik und dem Denken in Geschäftsmodellen gehörten dazu auch Beziehungsmanagement und Selbstmarketing, verbunden mit Medien-Kompetenz, der Übernahme von Eigenverantwortung, Kontrolle und Selbstmanagement.

Welche Unterstützung gibt es?

Weitere Themen der Tagung waren die Entwicklung neuer oder auch die Überarbeitung bisheriger Förderprogramme und Unterstützungsmaßnahmen für Gründungen im Hightech-Bereich sowie für Gründungen aus der Hochschule von Frauen. Vor welchen Herausforderungen stehen Frauen, die Unternehmen übernehmen? Wie steht es um die Unterstützung selbstständiger Frauen auf dem Land oder auch in Metropolregionen?

Fragen wie diese und grundsätzliche Rahmenstrukturen sollen auch im Rahmen der  „grOW! – Initiative" im Frühjahr 2015 in sechs Regionalworkshops und interdisziplinären Expertengruppen weiterentwickelt werden. Ziel es zu evaluieren, welche Förderkonzepte reformiert werden müssen – und wie diese Reform aussehen könnte.

Am 2. Oktober 2015 sollen die Ergebnisse dann als konkrete Handlungsempfehlungen der Politik und den Medien vorgestellt werden.

Weitere Informationen

Die Zukunftskonferenz „Frauen gründen (in) Ost und West“ ist ein Verbundprojekt von profund – Gründungsförderung der Freien Universität Berlin, der Universität Siegen, dem Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn, science2public – Gesellschaft für Wissenschaftskommunikation e.V. sowie der bundesweiten gründerinnenagentur (bga). Die Veranstaltung wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Weitere Informationen zur Konferenz und dem weiteren Verlauf der Initiative unter www.fu-berlin.de/grOW.