Freie Universität Berlin


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„Den Blick nach draußen wagen“

Die „International Week“ vom 27. Juni bis 1. Juli bot zahlreiche Möglichkeiten, an der Freien Universität mit Menschen aus aller Welt ins Gespräch zu kommen

07.07.2016

Der Empfang der Internationalen Wissenschaftler bot Forschern aus aller Welt die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Der Empfang der Internationalen Wissenschaftler bot Forschern aus aller Welt die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Bildquelle: Michael Fahrig
Der Vizepräsident der Freien Universität Klaus Mühlhahn beim Empfang für die Internationalen Wissenschaftler.
Der Vizepräsident der Freien Universität Klaus Mühlhahn beim Empfang für die Internationalen Wissenschaftler. Bildquelle: Michael Fahrig
Forscher aus rund 60 Ländern, die zurzeit an der Freien Universität Berlin arbeiten, waren zum Internationalen Wissenschaftler-Empfang eingeladen.
Forscher aus rund 60 Ländern, die zurzeit an der Freien Universität Berlin arbeiten, waren zum Internationalen Wissenschaftler-Empfang eingeladen. Bildquelle: Michael Fahrig
Bei einer Podiumsdiskussion gingen Wissenschaftler der Frage nach, wie akademische Kooperationen in Krisenzeiten funktionieren können.
Bei einer Podiumsdiskussion gingen Wissenschaftler der Frage nach, wie akademische Kooperationen in Krisenzeiten funktionieren können. Bildquelle: Michael Fahrig
Bei der Diskussion zu den „Internationalen Karrierewegen“ berichteten Alumni der Freien Universität von ihrem Weg ins Ausland.
Bei der Diskussion zu den „Internationalen Karrierewegen“ berichteten Alumni der Freien Universität von ihrem Weg ins Ausland. Bildquelle: Michael Fahrig
90 Universitätsmitarbeiter aus 28 Ländern kamen im Rahmen der „International Week“ an die Freie Universität. Zum Programm gehörte auch ein Besuch im Botanischen Garten.
90 Universitätsmitarbeiter aus 28 Ländern kamen im Rahmen der „International Week“ an die Freie Universität. Zum Programm gehörte auch ein Besuch im Botanischen Garten. Bildquelle: Manuel Krane
Erasmus-Hochschulkoordinatorin Gesa Heym-Halayqa beim Besuch im Botanischen Garten.
Erasmus-Hochschulkoordinatorin Gesa Heym-Halayqa beim Besuch im Botanischen Garten. Bildquelle: Manuel Krane
„Wir werden uns auf lange Verhandlungen einstellen müssen“, sagte Nicolai von Ondarza von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ in der Diskussion über die Folgen des Brexit.
„Wir werden uns auf lange Verhandlungen einstellen müssen“, sagte Nicolai von Ondarza von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ in der Diskussion über die Folgen des Brexit. Bildquelle: Manuel Krane

„Ich bin überrascht, wie unterschiedlich wir sind“, sagt Anja Pederson von der Syddansk Universitet in Odense. Sie ist Bibliotheksmitarbeiterin und hat an einer Austauschwoche für Universitätsangestellte aus aller Welt im Rahmen des Programms Erasmus+ teilgenommen. Neben diesem Austauschprogramm bot die International Week, die zum zweiten Mal stattfand, zahlreiche Informations- und Diskussionsangebote. So berichteten Alumni der Freien Universität von ihren internationalen Karrierewegen. Auch über die Herausforderungen von Internationalisierung wurde gesprochen, etwa über die Folgen des Brexit oder über Hochschulkooperationen in Zeiten politischer Krisen.

Anja Pederson war eine von insgesamt 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von ausländischen Universitäten, die im Rahmen der „International Week“ an die Freie Universität gekommen waren, um sich die Hochschule anzusehen und mit ihren Kollegen an der Freien Universität in Kontakt zu treten. 70 der Teilenehmer sind an ihren Heimatuniversitäten für internationale Austauschprogramme zuständig, die anderen 20 arbeiten in Universitätsbibliotheken. Zu dieser Gruppe gehörte auch Anja Pederson. Sie war überrascht von den großen Unterschieden, die es alleine auf einem Kontinent gibt. „Man wird in Europa keine zwei gleichen Bibliothekssysteme finden“, sagte sie. Beispielsweise würde in ihrer Heimat Dänemark erwartet, dass sich Studierende Lehrbücher selbst anschaffen, während in Polen diese von der Bibliothek bereitgestellt würden. Dafür sei man in Dänemark in Bezug auf Ausleihfristen weniger streng als zum Beispiel in Deutschland. „Wir sind als Bibliothek froh, wenn wir die Bücher nicht lagern müssen“, sagte Pederson.

Beispiele guter Praxis

Die Mitarbeiter ausländischer Hochschulen haben in der vergangenen Woche in kleineren Gruppen jeweils über ihre Arbeit berichtet. Die Treffen begannen mit Vorträgen von einzelnen Kolleginnen und Kollegen. „Im Anschluss daran sind lebhafte Diskussionen entstanden, es wurden Beispiele guter Praxis präsentiert und Erfahrungen ausgetauscht – das mag ich sehr“, sagte Robert de Gea Cánovas, der an der Universität Murcia in Spanien für internationale Austauschprogramme zuständig ist. „Im Rahmen der Internationalisierung der Freien Universität Berlin halten wir gerade den Austausch von Ideen, guter Praxis und administrativen Ansätzen innerhalb der Universitätsverwaltungen für eine wichtige Komponente zur institutionellen Entwicklung“, erklärte Vizepräsident Professor Klaus Mühlhahn bei der Begrüßung der Teilnehmer das Prinzip des Austauschs.

Dieser erfreut sich auch unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Freien Universität wachsender Beliebtheit. „Seit Jahren gibt es eine steigende Nachfrage besonders von Kolleginnen und Kollegen, die für den internationalen Austausch zuständig sind“, sagte Gesa Heym-Halayqa, Erasmus-Hochschulkoordinatorin der Freien Universität. Die Teilnehmer kamen in diesem Jahr aus 28 Ländern – größtenteils über Erasmus-Partnerschaften in Europa, aber auch über das neue weltweite Erasmus+ Programm mit Partnerhochschulen in den USA, Israel, Ägypten, China und Indien. Shyamalalyer Iyer war aus Mumbai angereist, wo sie für das Indian Institute of Technology arbeitet. „Wir suchen nach Partnern für unser Austausch-Programm, dafür ist die International Week eine gute Möglichkeit, weil man hier so viele verschiedene Leute aus unterschiedlichen Ländern treffen kann“, sagte sie.

„Generation Europe“

Die Zukunft Europas war das Thema einer Umfrage von Studierenden des Postgraduierten-Studiengangs Europawissenschaften, der von der Freien Universität, der Humboldt-Universität und der Technischen Universität gemeinsam koordiniert wird. Auf der International Week präsentierten sie ihr Projekt „Generation Europe“. Dazu haben die Studierenden Interviews mit jungen Menschen aus ganz Europa geführt und sie gefragt, was Europa für sie bedeutet und wie sie sich die Zukunft des Kontinents vorstellen.

Großbritannien hat diese Frage für sich bereits beantwortet. Aus aktuellem Anlass wurde im Rahmen des Berliner Europa-Dialogs über den Brexit diskutiert. „Wir werden uns auf lange Verhandlungen einstellen müssen“, sagte Nicolai von Ondarza von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ in der international besetzten Gesprächsrunde.

„Eine Kultur der Offenheit“

Welche Folgen wird der Brexit für den europäischen Arbeitsmarkt haben? Mit Börries Brandenburg und Carolin Ollivier waren bei der vom Alumni-Netzwerk und dem Career Service angebotenen Veranstaltung zu „Internationalen Karrierewegen“ zwei Ehemalige der Freien Universität Berlin zu Gast, die beide inzwischen im EU-Ausland arbeiten. Börries Brandenburg hat 2005 an der Freien Universität promoviert, heute entwickelt er für Johnson & Johnson in den Niederlanden Impfstoffe. Der internationale Charakter der Freien Universität, sagt Brandenburg, sei für seinen Weg – der ihn über verschiedene Länder schließlich in die Niederlande führte – von Vorteil gewesen. „Hier habe ich gelernt, mich auch außerhalb des universitären Umfelds zu bewegen, nach links und rechts zu schauen und auch mal den Blick nach draußen zu wagen“, sagte er. „Es gibt an der Freien Universität eine Kultur der Offenheit, die diesbezüglich sehr hilfreich ist.“ Einen linearen Lebenslauf hatte fast keiner der Alumni vorzuweisen, oft waren es gerade die Umwege, die neue Möglichkeiten eröffnet haben. „Wenn ich den Studenten heute einen Rat mitgeben kann, dann ist es der: Zögert nicht, auch mal hinzuschmeißen“, sagt Carolin Ollivier, die heute bei dem deutsch-französischen TV-Sender Arte in Straßburg arbeitet. Der Weg dahin sei ihr auch deshalb möglich gewesen, weil sie aus einem Arbeitsverhältnis, in dem sie nicht glücklich war, ausgestiegen sei. „Damals habe ich gemerkt: Ich kann es selbst in die Hand nehmen“, sagt Ollivier heute rückblickend.

Ungeahnte Begegnungen

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus rund 60 Ländern, die zurzeit an der Freien Universität Berlin arbeiten, sowie ihre Gastgeberinnen und Gastgeber – insgesamt rund 200 Personen – kamen zum Internationalen Wissenschaftler-Empfang. Ein schöner Anlass und eine gute Gelegenheit, mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fächern und Ländern ins Gespräch zu kommen, sagten ein israelischer Literaturwissenschaftler und ein pakistanischer Tierphysiologe – die einander sonst kaum begegnet wären.

Nicht nur auf Empfängen – auch in Laboren, Arbeitsgruppen der Freien Universität oder in gemeinsamen Studienprogrammen gibt es solche Begegnungen. Hier arbeiten Wissenschaftler zum Teil so eng zusammen, wie es ihnen aus politischen Gründen in ihren jeweiligen Heimatländern oftmals nicht ohne weiteres möglich wäre. Hochschulkooperationen – vom Studierendenaustausch bin zu gemeinsamen Forschungsprojekten – bieten auch Chancen für die wissenschaftliche Zusammenarbeit in Zeiten politischer Krisen. Sie können sogar Versöhnung befördern und gelten deswegen heute als Feld der „soft foreign policy“, der „niederschwelligen Außenpolitik“, wie es eine Teilnehmerin der Podiumsdiskussion „Hochschulkooperationen in Zeiten politischer Krisen“ umriss.

Umgang mit Einschränkungen akademischer Freiheit

Denn wenn Hochschulen weltweit kooperieren, findet die Zusammenarbeit nicht in geschützten Räumen statt, in die die politische und gesellschaftliche Realität, die diese Räume umgibt, nicht eindringt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten allesamt Erfahrungen mit der Gratwanderung sammeln müssen, die solche Kooperationen bedeuteten können: Ali Fathollah-Nejad, promovierter Politikwissenschaftler, hat für das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) eine Studie über die künftigen Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und dem Iran verfasst.

Eine „diplomatic university“, eine Hochschule, die selbst diplomatisch handelt, sei für ihn ein Widerspruch in sich, erklärte Ali Fathollah-Nejad. Dennoch bewegten sich Universitäten natürlich nicht im diplomatiefreien Raum und müssten verantwortungsbewusst handeln. Vor dem Hintergrund seiner Studie zu iranisch-deutschen Wissenschafts- und Kulturbeziehungen plädierte er daher für eine Doppelstrategie: Eine institutionelle Zusammenarbeit, die durchaus von diplomatischen Erwägungen geprägt sei und Vertrauen schaffe sowie eine kritische Reflexion von Formen der individuellen Zusammenarbeit.

Akademische Kooperationen könnten zu einem „Space of retreat“, zu einem Rückzugsraum für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden, sagte auch Anna Holzscheiter, Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin und Leiterin einer Nachwuchsgruppe zum Thema „Globale Gesundheitspolitik“ in Kooperation mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Die Politikwissenschaftlerin hat sich sowohl theoretisch als auch praktisch mit der Zusammenarbeit von internationalen Organisationen und anderen Akteuren im Ausland auseinandergesetzt.

Um politische Arbeit käme man mit einem Außenbüro im Nahen Osten gar nicht herum, berichtete Florian Kohstall, der die Veranstaltung moderierte. Das von ihm geleitete Büro der Freien Universität in Kairo hatte während des „arabischen Frühlings“ eine Vielzahl von Veranstaltungen angeboten. Einzelne Vorhaben, wie etwa das Projekt „Geschlechtergleichheit im ägyptischen Hochschulwesen“, hätten zudem direkt in die Hochschulen hineingewirkt.

Anders die Situation in Russland, wie Tobias Stüdemann, Leiter des Moskauer Verbindungsbüros, berichtete. Hier habe man es nicht mit einer politischen Krise zu tun, sondern mit strukturellen Problemen, die Kooperationen erschweren könnten. Dazu zählten eine andere akademische Tradition und andere gesellschaftliche Rahmenbedingungen.

Alle Diskutanten hoben jedoch die Chancen hervor, die im Austausch von Wissenschaftlern und Studierenden lägen und plädierten dafür, trotz Einschränkungen und Krisen daran festzuhalten. Ministerialrat Peter Hassenbach vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMBF), der dort für den internationalen Austausch im Hochschulbereich verantwortlich ist, wies auch auf die langfristigen Auswirkungen hin, wenn etwa frühere Alexander-von-Humboldt-Stipendiaten später in ihrem Heimatland Karriere machten. Gerade im Studierendenaustausch liege zudem eine Möglichkeit, nicht nur auf die Eliten, sondern auch breiter und langfristiger in die jeweilige Gesellschaft hineinzuwirken.

Die Internationalisierung der Universitäten – so zeigte nicht nur diese Podiumsdiskussion, sondern die ganze International Week – verändert nicht nur die Hochschulen.