Freie Universität Berlin


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Nein heißt Nein – auch im Nachtleben

Studentinnen machten mit dem von ihnen initiierten Projekt „Verstehste?“ bei der Feier zum internationalen Frauentag auf das Thema sexuelle Belästigung aufmerksam

14.03.2016

Professorin Carola Richter, Alexa Keinert, Valerie Marouche und Professorin Mona Magdy (v. l.) stellten ihre Projekte gegen sexuelle Belästigung in Berlin und Kairo vor.
Professorin Carola Richter, Alexa Keinert, Valerie Marouche und Professorin Mona Magdy (v. l.) stellten ihre Projekte gegen sexuelle Belästigung in Berlin und Kairo vor. Bildquelle: Marina Kosmalla
Beate Rudolf (l.), Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, folgte gern der Einladung Mechthild Koreubers (r.), zentrale Frauenbeauftragte der Freien Universität, die Festrede zu halten.
Beate Rudolf (l.), Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, folgte gern der Einladung Mechthild Koreubers (r.), zentrale Frauenbeauftragte der Freien Universität, die Festrede zu halten. Bildquelle: Marina Kosmalla
Im Rahmen der Festveranstaltung wurden die zentralen und dezentralen Frauenbeauftragten der Freien Universität bestellt bzw. verabschiedet.
Im Rahmen der Festveranstaltung wurden die zentralen und dezentralen Frauenbeauftragten der Freien Universität bestellt bzw. verabschiedet. Bildquelle: Marina Kosmalla

Wo hört Flirten auf, wo fängt Belästigung an? Welche Annäherungsversuche sind in Ordnung? Welche nicht? Wie reagiere ich? – Während am Arbeitsplatz relativ klar ist, wann eine Grenze überschritten wird, gibt es nachts beim Ausgehen viele Unklarheiten und Unsicherheiten. Auf dieses Problem macht das von Studierenden der Freien Universität Berlin gegründete Projekt „Verstehste? – Sexuelle Belästigung ist KEIN Kompliment“ aufmerksam. Im Rahmen der Festveranstaltung zum Internationalen Frauentag wurde die Initiative vorgestellt.

„Berlin ist für sein Nachtleben und seine tolerante Einstellung bekannt“, sagte Alexa Keinert. „Das nächtliche Feiern ist aber auch ein Raum, in dem der Grat zwischen Komplimenten und sexueller Belästigung sehr schmal ist.“ Die Studentin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität besuchte im Wintersemester 2014/2015 das Seminar „Social Media, Global Change and Women“. Im Rahmen der Lehrveranstaltung gründeten die Teilnehmer das Projekt „Verstehste? – Sexuelle Belästigung ist KEIN Kompliment“ mit eigener Homepage, Facebookseite und Twitteraccount.

„Wir haben diese Kampagne einerseits entwickelt, um für das Thema sexuelle Belästigung im Nachtleben zu sensibilisieren, wovon auch Studierende betroffen sind“, sagte Seminarleiterin Carola Richter, Juniorprofessorin für Internationale Kommunikation der Freien Universität. „Andererseits wollten wir als Kommunikationswissenschaftler die Möglichkeiten der sozialen Medien für eine derartige Aktion erforschen.“

Wichtig sei den Studierenden gewesen, einen positiven Ansatz und eine positive Atmosphäre zu schaffen, sagte Projektteilnehmerin Valerie Marouche: „Wir wollten keine Verbote aufstellen, sondern auf das Problem aufmerksam machen und mit jungen Leuten ins Gespräch kommen.“ Im Gegenzug hätten sie überwiegend positives Feedback zurückbekommen.

„Darüber sprechen ist wichtig“

Neben den Aktivitäten in den sozialen Medien haben sich die Studierenden an einem Wochenende ins Berliner Nachtleben gestürzt, um mit den Feiernden direkt in Kontakt zu kommen und für den schmalen Grat zwischen sexueller Belästigung und Kompliment zu sensibilisieren. Für Aufmerksamkeit sorgten ihre Schilder mit Sprüchen wie „Respect is the best pick up line“ oder „Sexual harassment is not a compliment“. „Was wir erreicht haben, war toll“, sagte Valerie Marouche. „Wir haben nicht nur viele Facebook-Likes bekommen, sondern auch die Presse auf uns und das Thema aufmerksam gemacht. Es ist wichtig, über sexuelle Belästigung zu sprechen, auch wenn es nicht angenehm ist.“ Der größte Erfolg sei ein Themen-Special von Radio Fritz gewesen, die dieser Problematik am Montag nach dem „Action Weekend“ mehrere Sendungen gewidmet hätten.

Carola Richter bot die Lehrveranstaltung in Kooperation mit einem Seminar der Cairo University an. Dort startete Mona Magdy, Professorin am Fachbereich Massenkommunikation, mit ihren Studierenden die Kampagne „Speak up!“ („Sprich lauter!“). Sie verfolgte die Absicht, Studentinnen zu ermutigen, über ihre Erlebnisse mit sexueller Belästigung an der Hochschule zu sprechen. „Unser Ziel war es, innerhalb von drei Wochen 50 Geschichten zu sammeln und zu veröffentlichen“, erklärte Magdy. Die 50 Erfahrungsberichte hatten sie bereits nach einer Woche, nach drei Tagen hatten sie schon 5000 Facebook-Likes. Der größte Erfolg sei für Magdy jedoch gewesen, dass aufgrund einer von ihnen angeschobenen formellen Untersuchung ein Professor, gegen den über 150 Beschwerden wegen sexueller Belästigung eingegangen waren, suspendiert wurde.

„Jeder Fall ist zu viel“

Auch an der Freien Universität käme es – wenn auch nicht oft – zu sexueller Belästigung, sagt Mechthild Koreuber, zentrale Frauenbeauftragte der Hochschule. Daher hat das Präsidium Anfang 2015 die Richtlinie zum Umgang mit sexualisierter Diskriminierung und Gewalt verabschiedet. „Wir wollen präventiv arbeiten und darüber aufklären, was im Fall von sexueller Belästigung getan werden kann“, sagt Koreuber. „Wir haben an jedem Fachbereich eine Frauenbeauftragte und eine Stellvertreterin, an die man sich jederzeit wenden kann.“ Die Frauenbeauftragten sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die Betroffene entscheidet selbst, wie sie vorgehen will – ob sie sich nur aussprechen möchte, um sich über ihre Situation klar zu werden, oder eventuell weitere Schritte gehen will. „Genauere Zahlen über die Häufigkeit sexualisierter Diskriminierung und Gewalt liegen nicht vor“, sagt Mechthild Koreuber. „Aber es passiert, und ich finde, jeder Fall ist zu viel.“