Freie Universität Berlin


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„Ich liebte Berlin sehr“

Der französische Filmregisseur Claude Lanzman war anlässlich einer Tagung zu seinem Lebenswerk an seinem 90. Geburtstag an der Freien Universität

03.12.2015

Ein Blumenstrauß für das berühmte Geburtstagskind: Die Romanistikprofessorin Susanne Zepp hatte die Tagung zu und mit Claude Lanzmann initiiert und konzipiert.
Ein Blumenstrauß für das berühmte Geburtstagskind: Die Romanistikprofessorin Susanne Zepp hatte die Tagung zu und mit Claude Lanzmann initiiert und konzipiert. Bildquelle: Nina Diezemann
Blick eines Mannes, der am liebsten hinter der Kamera stand: Claude Lanzmann bei der mit „Le regard du siècle“ („Der Blick des Jahrhunderts“) überschriebenen Tagung anlässlich seines 90. Geburtstags.
Blick eines Mannes, der am liebsten hinter der Kamera stand: Claude Lanzmann bei der mit „Le regard du siècle“ („Der Blick des Jahrhunderts“) überschriebenen Tagung anlässlich seines 90. Geburtstags. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
„Le regard du siècle“ auf einen Mann des Jahrhunderts.
„Le regard du siècle“ auf einen Mann des Jahrhunderts. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Am Morgen des ersten Kolloquiumstages hatte der französische Botschafter H. E. Philippe Etienne dem französischen Dokumentarfilmer an der Freien Universität gratuliert: Der 27. November war Claude Lanzmanns 90. Geburtstag.
Am Morgen des ersten Kolloquiumstages hatte der französische Botschafter H. E. Philippe Etienne dem französischen Dokumentarfilmer an der Freien Universität gratuliert: Der 27. November war Claude Lanzmanns 90. Geburtstag. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Ein kleiner Gang über den Dahlemer Campus führte Claude Lanzmann an die Boltzmannstraße 3, einen Ort, den er aus seiner Zeit an der Freien Universität noch gut kannte.
Ein kleiner Gang über den Dahlemer Campus führte Claude Lanzmann an die Boltzmannstraße 3, einen Ort, den er aus seiner Zeit an der Freien Universität noch gut kannte. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Mit den Orten und Fotos aus dem Jahr 1949 kam die Erinnerung zurück. Zwei Semester hatte der französische Autor und Filmemacher damals an der Freien Universität gelehrt.
Mit den Orten und Fotos aus dem Jahr 1949 kam die Erinnerung zurück. Zwei Semester hatte der französische Autor und Filmemacher damals an der Freien Universität gelehrt. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Mit seinem Film „Shoa“ gehört Claude Lanzmann zu den wichtigsten Dokumentarfilmern Europas. Zu seinem 90. Geburtstag am 27. November kehrte der Franzose nach 67 Jahren an den Ort zurück, an dem er von 1948 bis 1949 zwei Semester lang gelehrt hatte: an die Freie Universität. Anlass für den Besuch war das zweitägige Kolloquium „Le regard du siècle“ („Der Blick des Jahrhunderts“), das von Susanne Zepp konzipiert worden war und sich dem Schaffen Lanzmanns in allen Facetten widmete. Die Romanistikprofessorin hatte den Dokumentarfilmer eingeladen, der wissenschaftlichen Beschäftigung mit seinem Jahrhundertwerk selbst beizuwohnen. In ihrer Eröffnung nannte Susanne Zepp Lanzmann „einen unverzichtbaren und mutigen Chronisten des 20. Jahrhunderts“.

Der französische Botschafter, H. E. Philippe Etienne, lobte in seinem Grußwort die „glückliche Hand“ der französischen Militärregierung, den jungen Lanzmann an eine Universität entsendet zu haben, die die Freiheit im Namen trägt. Freiheit sei ein zentrales Grundmotiv in Lanzmanns Werk, sagte Etienne, und verwies darauf, dass Lanzmann selbst in der Résistance für die Freiheit gekämpft habe. Frankreich und die Freiheit seien unauflöslich miteinander verbunden, sagte der Botschafter auch mit Blick auf die Terroranschläge in Paris.

 „Abgesandter des französischen Geistes“

Auch der Präsident der Freien Universität Peter-André Alt gratulierte Lanzmann zum Geburtstag. Das besondere an dessen filmischem Blick auf das Jahrhundert sei, dass Geschichte nicht vorgeführt werde, sondern sie „im Betrachter evoziert“. Alt zitierte in seiner Ansprache aus einem Brief des damaligen Dekans der Geisteswissenschaftlichen Fakultät an den französischen Kulturattaché. Darin bescheinigte Professor Friedrich Wilhelm Goethert Lanzmann großes pädagogisches Talent: Mit ihm sei kein „Lehrer der französischen Sprache, sondern ein Abgesandter des französischen Geistes“ für die Universität gewonnen worden.

Das bewies schon der junge Lanzmann, der 1949 als 24-Jähriger eine Lektorenstelle an der neu gegründeten Freien Universität angetreten hatte. Die Studierenden, die wussten, dass Lanzmann Jude war, baten ihn, ein Seminar über Antisemitismus zu halten. Das führte zu Komplikationen: Lanzmann stand seinerzeit in Diensten des französischen Außenministeriums, und die Befehlshaber der französischen Besatzungszone wollten nicht, dass er dieses Seminar gab: Er sollte keine „Politik“ machen. Lanzmann ignorierte das Verbot, der Kurs fand statt – bis er ein zweites Mal verboten wurde.

Gespräch mit Claude Lanzmann vor vollem Hörsaal

Warum er damals, im November 1948, in das komplett zerstörte Berlin gekommen sei, wollte am Abend des ersten Kolloquiumstages Joachim Küpper wissen. Der Romanistikprofessor führte vor einem gut gefüllten Hörsaal ein Gespräch mit Lanzmann. „Ich liebte Berlin sehr“, sagte dieser schlicht. Er erinnere sich an die „komplexen Ruinen" am Kurfürstendamm, an die Trümmerfrauen, die mit „ägyptischer Disziplin“ Steine geschichtet hätten, an den Volkswagen mit Chauffeur, der ihn zwischen seinen beiden Arbeitsstätten – dem Institut français am Kurfürstendamm und der Freien Universität in Dahlem – hin- und hertransportiert hätte.

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Rückkehr nach 67 Jahren: Claude Lanzmann sah sich den Seminarraum an der Boltzmannstraße 3 an, in dem er als 24-Jähriger unterrichtet hatte.
Rückkehr nach 67 Jahren: Claude Lanzmann sah sich den Seminarraum an der Boltzmannstraße 3 an, in dem er als 24-Jähriger unterrichtet hatte. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Sich erinnern und davon erzählen: Romanistikprofessor Joachim Küpper plauderte vor vielen interessierten Zuhörern mit Claude Lanzmann. Der berichtete vom zerstörten Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen Begegnungen in Deutschland.
Sich erinnern und davon erzählen: Romanistikprofessor Joachim Küpper plauderte vor vielen interessierten Zuhörern mit Claude Lanzmann. Der berichtete vom zerstörten Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen Begegnungen in Deutschland. Bildquelle: Nina Diezemann
Nach dem Gespräch an der Freien Universität gab es in der Französischen Botschaft am Pariser Platz einen Empfang für Claude Lanzmann.
Nach dem Gespräch an der Freien Universität gab es in der Französischen Botschaft am Pariser Platz einen Empfang für Claude Lanzmann. Bildquelle: Privat

12 Jahre Vorbereitung für  „Shoah“

Antisemitismus war und blieb Lanzmanns Thema: 1973 wurde der Publizist, der bislang als Autor für die von Jean-Paul Satre und Simone de Beauvoir gegründete Zeitschrift „Les temps modernes“ geschrieben hatte, zum Dokumentarfilmer. „Pourquoi Israel“ („Warum Israel“) war sein erster Film. Kurz danach begann er mit der Arbeit an „Shoah“ – bis heute einer der wichtigsten Filme über den Holocaust – an dem er 12 Jahre lang arbeitete, bis er 1985 erstmals gezeigt wurde. Aus den Interviews mit Zeitzeugen, Tätern und Opfern, den Besuchen an den Orten der Shoah entstand ein neunstündiger Film.

Ob es für ihn deprimierend gewesen sei, sich über so lange Zeit und so intensiv diesem Thema zu widmen, wird Lanzmann an diesem Abend an der Freien Universität gefragt. Er neige nicht zur Melancholie, sagt der: „Das war einfach eine Arbeit, die es zu tun galt.“ Als er angefangen habe, für Shoa zu recherchieren, habe es nur die Propaganda-Bilder der Wehrmacht gegeben: „Ich wollte diesen Bildern etwas entgegensetzen.“

Rückkehr auf den Campus

Die Zuhörer, die an diesem Novemberabend in den Hörsaal der Freien Universität gekommen waren, bedankten sich bei Claude Lanzmann für sein Kommen, seine Erinnerungen und sein Erzählen: mit langem stehendem Applaus. Nachdem der 90-Jährige einige Bücher signiert hatte, klang der Abend für ihn mit einem Empfang in der Französischen Botschaft am Pariser Platz aus.

Am Nachmittag hatte er den Ort besucht, an dem er vor 67 Jahren unterrichtet hatte: die Boltzmannstraße 3. Zwar sei er seit 1949 immer wieder in Berlin gewesen, sagte er, aber niemals in der Dahlemer Boltzmannstraße. Auch heute saßen in dem Hörsaal im dritten Stock wieder Studierende. Sie staunten über den berühmten alten Herrn, der den Seminarraum betrat und sie mit einem charmanten „Bonjour“ begrüßte. Mit der kleinen tour sentimentale hatte sich Lanzmann womöglich ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk gemacht.

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