Optimistisch und materialistisch

„Politisch oder nicht? Oder anders politisch?“ – auf Inforadio ist die an der Freien Universität mit Studierenden geführte Diskussion nachzuhören

11.11.2015

Philipp Bahrt engagiert sich im AStA der Freien Universität, Oliver Sartorius ist Senior Projektleiter in der Politikforschung bei TNS Infratest.
Philipp Bahrt engagiert sich im AStA der Freien Universität, Oliver Sartorius ist Senior Projektleiter in der Politikforschung bei TNS Infratest. Bildquelle: Jonas Huggins
Harald Asel von Inforadio moderierte die Diskussionsveranstaltung.
Harald Asel von Inforadio moderierte die Diskussionsveranstaltung. Bildquelle: Jonas Huggins
Vincent-Immanuel Herr studiert Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaft und engagiert sich für die „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“. Antje Kapek ist Fraktionsvorsitzende Bündnis90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus.
Vincent-Immanuel Herr studiert Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaft und engagiert sich für die „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“. Antje Kapek ist Fraktionsvorsitzende Bündnis90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Bildquelle: Jonas Huggins

„Ihr werdet keinen Job bekommen“, hieß es noch in den 1990er Jahren, auch in den Achtzigern war die Zukunftsangst unter Studierenden groß. So berichten es die Grünen-Politikerin Antje Kapek und der rbb-Moderator Harald Asel bei einer Podiumsdiskussion, die der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Freien Universität gemeinsam mit rbb Inforadio veranstaltete. Anlass für die Frage nach der politischen Haltung von Studierenden ist eine Studie von TNS Infratest, der zufolge von Existenzängsten heute keine Rede mehr sein kann: Studierende seien optimistisch und selbstbewusst – und, wie manche befürchten, marktkonform und unkritisch.

Vincent-Immanuel Herr ist enttäuscht. Obwohl das Interesse grundsätzlich da sei, gebe es unter seinen Kommilitonen so gut wie kein politisches Engagement, sagt der Student der Geschichte, Soziologie und Geschichtswissenschaft, der für die „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“ aktiv ist. Als bei der großen Rentenreform im vergangenen Jahr mit einem Flashmob vor dem ARD-Hauptstadtstudio demonstriert werden sollte, hätte der Sender im Vorfeld umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Zum Flashmob erschienen seien dann aber nur drei Personen. „Junge Menschen glauben nicht, dass sie Einfluss nehmen können“, sagt Vincent-Immanuel Herr. Dies erkläre das geringe Interesse.

„Weniger ideologisch, hedonistisch und materialistisch"

Vincent-Immanuel Herr nimmt mit seinem Kommilitonen Philipp Bahrt vom AStA an der Podiumsdiskussion teil, außerdem sitzen Antje Kapek, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, und Oliver Sartorius von TNS Infratest in der Runde. Die beiden Studenten plädieren dafür, dass Studierende politischer werden sollten. Antje Kapek befürchtet, dass sich politisches Engagement in Zukunft nur finanziell privilegierte Studenten würden leisten können, da auch das eine Zeitfrage sei.

Vor allem gewissermaßen für den Faktencheck zuständig ist Oliver Sartorius, Senior Projektleiter in der Politikforschung bei TNS Infratest. Er steuert Hintergründe aus der Meinungsforschung bei. Er zeichnet ein Bild, das sich von der politischen Achtundsechziger-Generation scharf unterscheidet: Die Studierenden von heute seien weniger ideologisch, nicht mehr so links, hedonistischer und materialistischer als ihre Vorgänger. Sie seien zufrieden, selbstbewusst und vor allem ausgesprochen optimistisch. Nur jeder Fünfte habe das Gefühl, den Lebensstandard der Eltern nicht halten zu können.

Unterschiedliche Rezepte für mehr Engagement

Dabei ist der bereits hoch. Hinzu komme, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg stärker sei als noch vor 20 Jahren, berichtet Sartorius. Die Gesellschaft werde in wachsendem Maße ungleich, findet auch Philipp Bahrt. Der Einfluss der Wirtschaft sei zu groß, etwa bei der Studiengangsreform. Studierende würden zu „Futter für die Arbeitsmärkte, statt zu mündigen, kritischen, vielleicht etwas unbequemen Bürgern“, kritisiert er.

So zufrieden wie die Studierenden der Infratest-Studie zufolge sind, ist man auf dem Podium nicht. Die Rezepte für mehr Engagement sind unter den Diskutanten allerdings verschieden. Philipp Bahrt – Informatikstudent und diplomierter Volkswirt – fordert mehr Gehör für die Forderungen aus dem Studierendenparlament, die dem offiziellen Kurs der Universität häufig entgegenstünden. Meinungsforscher Oliver Sartorius plädiert dafür, dass sich Engagement etwa in der Lokalpolitik stärker auszahlen müsse, um die Demokratie lebendig zu halten. Grünen-Politikerin Antje Kapek betont, dass Politiker junge Menschen nicht gegen andere benachteiligte Gruppen ausspielen dürfe, etwa wenn eine als prekär empfundene Wohnungslage mit Verweis auf die Flüchtlingskrise nicht verbessert werde. Vincent-Immanuel Herr dagegen möchte eine Jugend-Quote in den Parteien einführen.

Kleines Publikum

Die Diskussion verläuft kontrovers und lebhaft – vor kleinem Publikum. Was wie eine Bestätigung des Ausgangsbefundes erschien, demzufolge Studierende heute zufrieden und unpolitisch sind. Moderator Asel machte dafür auch die mittägliche Veranstaltungszeit der Diskussionsrunde verantwortlich: „Wer unzufrieden ist, geht in die AStA-Villa“, fasste er zusammen. „Die Zufriedenen sitzen schon in der Mensa.“

Weitere Informationen

Die Diskussion, die am 5. November an der Freien Universität aufgezeichnet worden ist, wurde am 8. November auf Inforadio ausgestrahlt. Hier ist sie nachzuhören.