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Grenzüberschreitung der Künste

Das internationale Graduiertenkolleg InterArt lädt zu seiner Abschlusstagung vom 25. bis 27. Juni ein

24.06.2015

"F(r)iction of Art" heißt die Abschlußtagung des Graduiertenkollegs, bei der auch Gäste aus Dänemark und London erwartet werden.
"F(r)iction of Art" heißt die Abschlußtagung des Graduiertenkollegs, bei der auch Gäste aus Dänemark und London erwartet werden. Bildquelle: Jens Ludewig
Professorin Erika Fischer-Lichte ist Leiterin des Graduiertenkollegs InterArt.
Professorin Erika Fischer-Lichte ist Leiterin des Graduiertenkollegs InterArt. Bildquelle: Melanie Hansen

Welche Konsequenzen hat die zunehmende Verflechtung künstlerischer Ausdrucksweisen, wie sie sich aktuell in den unterschiedlichen Künsten beobachten lässt, für die daraus resultierende Ästhetik? Was passiert, wenn künstlerische Projekte in ökonomische und politische Prozesse eingreifen, während sich Politik und Ökonomie selbst vermehrt künstlerischer Verfahrensweisen bedienen? Und wie können die einzelnen Kunstwissenschaften adäquat auf diese Entwicklungen reagieren? Diese Fragen sind Gegenstand der Tagung „F(r)ictions of Art“, mit der das Graduiertenkolleg InterArt nach neun Jahren seine erfolgreiche Forschungsarbeit beendet. Zu welchem Ergebnis die Forscher gekommen sind und was die Besucher der Abschlusstagung erwartet, darüber sprach die Leiterin des Kollegs Professorin Erika Fischer-Lichte mit campus.leben.

Frau Professorin Fischer-Lichte, nach neun Jahren endet das internationale Graduiertenkolleg InterArt, das sich mit der „Grenzüberschreitung der Künste" befasst hat. Welche Grenzen und Künste wurden bei InterArt erforscht?

Bei seiner Einrichtung 2006 reagierte das Kolleg auf eine in allen Künsten zu beobachtende starke Tendenz, neue Formen des Austauschs zwischen unterschiedlichen Kunstmedien zu entwickeln, die sich von traditionell etablierten Formen der Kombination von Kunstmedien absetzen. Ausgangspunkt unserer Forschungsarbeit waren neuere und neueste Entwicklungen in den Künsten, die nicht zuletzt zeigen, dass die einzelnen Künste nicht getrennt nebeneinander, sondern in einem dynamischen Verhältnis zueinander stehen. Im Laufe der Jahre hat das Kolleg zunehmend auch Phänomene in den Blick genommen, die in einem Grenzbereich der als konventionell bezeichneten Kunst einerseits und gesellschaftlichen Bereichen der „Nicht-Kunst“ andrerseits liegen.

Können Sie Beispiele für diese Bereiche der Kunst und Nicht-Kunst nennen?

Sowohl in der künstlerischen Produktion als auch in der Aufführung kultureller Alltagspraktiken zeigen sich aktuell zunehmende Tendenzen einer Aufhebung der Grenze von Kunst und Nicht-Kunst. Diese Entwicklung schlägt sich zum einen in Form partizipativer, dokumentarischer und sozial engagierter Ästhetiken nieder, zum anderen in einer zunehmenden Ästhetisierung der alltäglichen Lebenswelt. Die daraus für die Kunstwissenschaften resultierende Kreuzung ästhetischer und soziopolitischer Fragestellungen wird im Rahmen des Kollegs zum einen in Form von Promotionsprojekten verhandelt, die sich beispielsweise der politischen Wirkkraft ästhetischer In(ter)ventionen im öffentlichen Raum oder dem Theater als sozialem Experiment widmen und daraus neue, interartistische Ästhetiken ableiten. 

In unserem letzten internationalen Joint Symposium „The Art of Speculation“ stand das Zusammenspiel von Kunst und Ökonomie im Zentrum der Diskussionen. Unsere aktuelle Ringvorlesung „The Art of Protest“ befragt die Rolle der Künste im Rahmen zeitgenössischer Protestbewegungen nicht nur in Hinblick auf ihre spezifischen Ästhetiken, sondern insbesondere auch auf das ihnen inhärente politische Potenzial und also auf ihre soziopolitische Relevanz. 

Ein Ziel des Graduiertenkollegs war die Entwicklung neuer Methoden und Theorien der Interart Studies. Gibt es hier Ergebnisse? Wie sehen konkrete Anwendungsfelder aus?

Das Innovative am Forschungsansatz des Kollegs liegt darin, die bislang implizit bestehende und dominierende Annahme, die Künste würden getrennt voneinander bestehen und könnten damit ebenso isoliert voneinander betrachtet und untersucht werden, zu verabschieden. Während zuvor die Kombination, Fusion oder Vermischung von Kunstmedien eher als Ausnahme von der Regel angesehen wurde, geht das Kolleg von einer grundsätzlichen Durchlässigkeit der Künste zueinander aus.

Dieser neue Ansatz wirkt letztlich auf das Selbstverständnis der unterschiedlichen kunstwissenschaftlichen Einzeldisziplinen zurück. Das zeigt sich etwa in der Literaturwissenschaft an dem großen Stellenwert, den mittlerweile die Intermedialitäts­forschung gewonnen hat, oder aber in der Theaterwissenschaft, in der mithilfe des auch für das Kolleg zentralen Begriffs der Performativierung zunehmend Phänomene untersucht werden, bei denen die traditionelle Grenze zwischen Theaterkunst und Alltagspraxis brüchig wird.

Worum geht es bei der Konferenz „F(r)ictions of Art"?

Die Tagung greift eine der zentralen Fragen des Kollegs auf: Wie entstehen bestimmte Annahmen über die Künste durch historisch situierte Grenzziehungen, die notwendig zu bestimmten Konstrukten von Kunst, zu ‚Fiktionen’ über Kunst führen. Ein Beispiel für ein solches Konstrukt ist etwa Lessings berühmte Unterscheidung zwi­schen der „Zeitkunst“ Literatur und der „Raumkunst“ Malerei. Unsere Abschlusstagung untersucht, welche Rolle Friktionen, also Reibungsmomente zwischen unterschiedlichen Genres, Traditionen und Auffassungen von Kunst ebenso wie zwischen Kunst und anderen sozialen Bereichen bei der Entstehung solcher ‚Fiktionen’ spielen.

Die Konferenz ist gleichzeitig die Abschlusstagung des Graduiertenkollegs. Mit welchem Gefühl sehen Sie der Konferenz entgegen? Worauf freuen Sie sich besonders?

Zunächst freue ich mich sehr, dass wir mit der Fokussierung auf das Moment der Friktion noch einmal eine neue und vielversprechende Perspektive für eine unserer Leitfragen eröffnen konnten. Das Potenzial dieser Perspektive zeigt sich auch daran, dass wir für unsere Abschlusstagung hochrenommierte Gastwissenschaftler gewinnen konnten, die drei Tage lang mit aktuellen und ehemaligen Promovierenden des Kollegs diskutieren werden. Besonders freue ich mich nicht zuletzt darüber, dass wir mit dieser Tagung, an der auch unsere internationalen Kooperationspartner, die Copenhagen Doctoral School in Cultural Studies und die Graduate School des Goldsmiths College, London, teilnehmen, den außerordentlich ertragreichen Austausch mit diesen Partnern während der neun Jahre unseres Bestehens würdigen können.

Weitere Informationen

Abschlusstagung F(r)ictions of Art

 25. bis 27. Juni 2015, Beginn 14.00 Uhr am 25. Juni und 10.00 Uhr am 26. und 27. Juni

  • Seminarzentrum Silberlaube, Raum L113 und L 116, Habelschwerdter Allee 45, 14 195 Berlin-Dahlem, U3 Dahlem-Dorf oder Thielplatz; Bus 110 oder M11 Hittorfstraße
  • Die Tagung ist öffentlich, der Eintritt frei