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Ausgezeichneter Freidenker

Der amerikanische Historiker und Literaturwissenschaftler Hayden White ist mit der Ehrendoktorwürde der Freien Universität ausgezeichnet worden

19.06.2015

Hayden White nimmt die Urkunde zur Ehrendoktorwürde von Professorin Claudia Olk entgegen, Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften.
Hayden White nimmt die Urkunde zur Ehrendoktorwürde von Professorin Claudia Olk entgegen, Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer waren in den Henry-Ford-Bau zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an Hayden White gekommen.
Zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer waren in den Henry-Ford-Bau zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an Hayden White gekommen.
Mit seinem Werk „Metahistory“ hat der amerikanische Historiker und Literaturwissenschaftler Hayden White mehrere Generationen von Wissenschaftlern beeinflusst.
Mit seinem Werk „Metahistory“ hat der amerikanische Historiker und Literaturwissenschaftler Hayden White mehrere Generationen von Wissenschaftlern beeinflusst.
Das Publikum bedankte sich mit stehenden Ovationen bei Ehrendoktor Hayden White.
Das Publikum bedankte sich mit stehenden Ovationen bei Ehrendoktor Hayden White.

Seine Monografie „Metahistory“ gilt als eine der wichtigsten akademischen Schriften des vergangenen Jahrhunderts: Der amerikanische Historiker und Literaturwissenschaftler Hayden White machte sich unter anderem mit seiner Forschung zu Narrativik und Rhetorik in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts weltweit einen Namen. Für seine einflussreichen Publikationen und herausragenden akademischen Leistungen ehrte ihn die Freie Universität kürzlich mit der Ehrendoktorwürde.

„Erst hieß es, mein Buch sei zu lang, dann, es sei zu kurz. ‚Metahistory‘ wurde gleich zweimal abgelehnt, bevor es schließlich veröffentlicht wurde“, erklärte Hayden White im Rahmen des Festaktes im vollbesetzten Henry-Ford-Bau einem sichtlich amüsierten Publikum. 

Verpackt in kurzweilige Anekdoten aus seiner akademischen und persönlichen Laufbahn machte sich White in seinem Vortrag für das Überschreiten innerdisziplinärer Grenzen stark. „In meinem Studium habe ich mich stets durch das Dogma, innerhalb der Disziplinen denken zu sollen, begrenzt gefühlt“, sagte der amerikanische Wissenschaftler, der unter anderem an der Stanford University gelehrt hat. „Häufig dominiert im akademischen Betrieb die Vermittlung dessen, was man nicht tun soll", sagte Hayden. Um sich mit Literatur oder Geschichte zu beschäftigen, brauche man aber keine Lizenz, kein Zertifikat: „Jeder sollte sich damit beschäftigen können.“

Fusion von Kunst und Wissenschaft

Sein Interesse an Geschichte sei primär ein philosophisches, so White. „Mich fasziniert die Historiografie und wie sie sich als Form des literarischen Schreibens begreifen lässt. Ich schreibe also über das Schreiben.“ Lange Zeit sei in der Geschichtswissenschaft zwischen Fiktionalem und Faktischem unterschieden worden, diese Vorstellung weiche aber nach und nach einem neuen Verständnis von Texten. „Das historische Schreiben speist sich in seiner Wirkkraft aus dem Schreiben selbst. Die Form ist Teil und vielleicht sogar der wichtigste Teil der Botschaft“, sagte White. Daher sei die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt alles andere als einfach. „Das Unbewusste durchdringt das Bewusste. Das Schreiben bringt uns dazu, Dinge zu sagen, die wir bewusst gar nicht vermitteln wollten.“ Diesen Umstand begreife er nicht als Hindernis, sondern als Chance, so Hayden White. „Die Fusion von Kunst und Wissenschaft birgt großes, kreatives Potenzial.“

Das Denken in den historischen und literaturwissenschaftlichen Fakultäten revolutioniert

Die Ehrendoktorwürde sei eine Auszeichnung, die aus gutem Grund nur sehr selten verliehen werde, betonte der Vizepräsident der Freien Universität, Professor Klaus Mühlhahn, in seiner Ansprache im Rahmen des Festaktes. Whites „radikal neuer Forschungsansatz“, der sich unter anderem in seinem Werk „Metahistory“ zeige, sei breit rezipiert und kontrovers diskutiert worden und habe „die Art und Weise, wie in den historischen und literaturwissenschaftlichen Fakultäten gedacht wird, revolutioniert“.

Auch Professorin Ulla Haselstein vom John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien (JFKI) lobte Whites unkonventionellen Forschungsansatz und seine Bereitschaft, neue Wege zu gehen. „Hayden White hat mindestens drei Generationen von Studierenden der Geschichte, der Literatur und der Kunst inspiriert. ‚Metahistory‘ ist ein bahnbrechendes Buch, das unseren Blick auf die politischen und kulturellen Funktionen des Schreibens verändert hat“, so die Literaturwissenschaftlerin.

Wichtige Stimme in den Geisteswissenschaften

Die Freie Universität ehre mit Hayden White einen Wissenschaftler, der dem kritischen Wahrheitsbegriff eine neue, literaturtheoretisch fundierte Perspektive verliehen habe, so die Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften und Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft Claudia Olk. Whites provokante Publikationen seien geprägt von unabhängigem Denken und kritischem Forschergeist. „Er ist eine wissenschaftliche Ausnahmeerscheinung, seine Arbeiten markieren einen Wendepunkt in unserem Verständnis von Geschichte und Literatur“, so Claudia Olk. „Es sind Stimmen wie die Hayden Whites, die wir heute in den Geisteswissenschaften dringend brauchen.“