Freie Universität Berlin


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„Unhaltbare Vorwürfe“

Ein Interview mit Universitätspräsident Peter-André Alt zu den Anschuldigungen im Umgang mit den Knochenfunden auf dem Campus

04.02.2015

Die Gedenktafel am Gebäude in der Ihnestraße 22 wurde am 15. Juni 1988 offiziell enthüllt. Sie erinnert daran, dass hier von 1927 bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik untergebracht war.
Die Gedenktafel am Gebäude in der Ihnestraße 22 wurde am 15. Juni 1988 offiziell enthüllt. Sie erinnert daran, dass hier von 1927 bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik untergebracht war. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Präsident Professor Peter-André Alt: „Ich fühle mich persönlich zutiefst getroffen von den unhaltbaren Vorwürfen, die jeder Grundlage entbehren."
Präsident Professor Peter-André Alt: „Ich fühle mich persönlich zutiefst getroffen von den unhaltbaren Vorwürfen, die jeder Grundlage entbehren." Bildquelle: David Ausserhofer

Unter dem Titel „Geistlos und roh an der FU Berlin“ ist gestern in der Berliner Zeitung eine Kolumne erschienen. Darin beschuldigt der Autor den Präsidenten der Freien Universität Berlin, Professor Peter-André Alt, er habe die Anfang Juli 2014 auf dem Campus der Universität gefundenen menschlichen Knochen „stillschweigend einäschern“ lassen und damit weitere Untersuchungen verhindert. Die Knochen wurden bei Bauarbeiten in der Nähe des Gebäudes Ihnestraße 22 gefunden, in dem sich von 1927 bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik befand. Dorthin hatte der KZ-Arzt Josef Mengele Körperteile von ermordeten Häftlingen aus Auschwitz geschickt. Heute ist in dem Gebäude das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft untergebracht. Campus.leben sprach mit Präsident Peter-André Alt über die Vorwürfe.

Herr Professor Alt, Sie werden in der Kolumne persönlich angegriffen. Was sagen Sie dazu?

Ich fühle mich persönlich zutiefst getroffen von den unhaltbaren Vorwürfen, ganz abgesehen von dem beleidigenden Ton des Artikels: Die Vorwürfe entbehren jeder Grundlage, sie sind diffamierend, fahrlässig und falsch. Der Autor unterstellt mir einen verantwortungslosen Umgang mit der Geschichte. Das trifft mich besonders, weil mir sehr am Herzen liegt, die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit wachzuhalten. Das schließt auch die Erinnerung an das unethische Handeln einer Wissenschaft ein, die sich politisch-ideologisch von einem menschenverachtenden Regime hat instrumentalisieren lassen. Aber der Artikel zielt nicht nur auf mich, er verunglimpft auch die gesamte Freie Universität und fügt ihr Schaden zu.

Der Autor behauptet, Sie hätten die gefundenen Knochen „klammheimlich vernichten lassen“.

Das ist völlig unzutreffend und geradezu eine böswillige Unterstellung. Noch einmal zum Hintergrund: Anfang Juli wurden bei Bauarbeiten an den Außenanlagen der Universitätsbibliothek menschliche Knochen gefunden, daneben lagen zehn Plastikmarken mit handschriftlichen Zahlen darauf sowie eine Ampulle mit dem eingetrockneten Rest eines Anästhetikums. Der Fund wurde der Polizei übergeben, die die Gerichtsmedizin mit einer gutachterlichen Untersuchung beauftragte. Das Gutachten ergab, dass es sich um menschliche Knochen von mindestens 15 Personen handelt. Aufgrund des Zustandes der Knochen gingen die Rechtsmediziner davon aus, dass die Knochen mehrere Jahrzehnte in der Erde gelegen haben müssen. Die Plastikmarken erinnern laut Gutachten an Markierungen für biologische oder medizinische Präparate. Das hat natürlich die Vermutung nahegelegt, dass die Knochen mit dem benachbarten ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Verbindung stehen, an das der KZ-Arzt Mengele auch Knochen von Menschen geschickt hat, die in Auschwitz ermordet wurden.

Ich betone ausdrücklich: Von „klammheimlich vernichten lassen“ kann keine Rede sein. Das ganze Verfahren war Sache der Polizei und der Rechtsmedizin. Wir haben alle gutachterlichen Ergebnisse selbst erfragen müssen und sie dann in unserem Online-Magazin campus.leben in einer für die Beschäftigten der Freien Universität eingerichteten Rubrik publiziert und bei journalistischen Anfragen detailliert Auskunft gegeben.

Warum hat der vermutete Zusammenhang mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut nicht zu weiteren Nachforschungen geführt?

Wir wollten uns nicht an Spekulationen beteiligen, denn für die Richtigkeit dieser Vermutungen gibt es keinen eindeutigen Nachweis. Im Kaiser-Wilhelm-Institut lagerten bis zum Kriegsende unter anderem auch menschliche Knochen aus Museums-Sammlungen. Nach unseren Informationen wäre eine exakte Datierung der Knochen auf einen Zeitraum von nur wenigen Jahren nicht möglich gewesen, ein eindeutiger Zusammenhang des Fundes mit Auschwitz-Opfern hätte somit nicht zweifelsfrei belegt werden können. Nach Absprache mit der Max-Planck-Gesellschaft haben wir uns deshalb entschieden, keine weiteren Untersuchungen bei den Behörden zu beantragen.

Warum war die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) beteiligt?

Weil sie die Rechtsnachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ist und damit des ehemaligen Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik an der Ihnestraße 22. Das ist das Gebäude, in dem heute das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität untergebracht ist. Schon seit vielen Jahren erinnert eine Gedenktafel am Eingang an die Geschichte des Hauses.

Wir haben uns von Anfang an eng mit der MPG abgestimmt. Es geht hier ja gar nicht um die Frage einer moralischen Einschätzung, die ist völlig eindeutig. Es geht um die Frage, wer wann und was zu veranlassen hatte, und das musste abgestimmt werden. Die Leitungen der MPG und der Universität waren sich einig, dass diese Knochen würdig beigesetzt werden sollen. Selbst wenn der Fund nicht im Zusammenhang mit den NS-Opfern stehen sollte: Es sind Menschen gewesen, deren Gebeine dort gefunden wurden. Der Respekt vor den Toten verlangt eine würdevolle Bestattung. Ein besonders geeigneter Ort wäre etwa der Münchner Waldfriedhof für Opfer des NS-Regimes gewesen, wie es die Max-Planck-Gesellschaft auch vorgeschlagen hatte und veranlassen wollte.

Wenn beide Seiten, die Freie Universität und die MPG, den Wunsch nach einer Bestattung auf dem Waldfriedhof hatten, warum ist es nicht dazu gekommen?

Als die MPG die Bestattung veranlassen wollte, hat sie erfahren, dass die Knochen bereits vom Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin zur Einäscherung an das Krematorium Ruhleben gegeben und auch schon auf dem dortigen Friedhof anonym bestattet worden waren. Nun muss es darum gehen, den Toten auch am Fundort auf dem Campus ein ehrendes Gedenken zu geben. Wenn die Bauarbeiten auf dem Gelände der Universitätsbibliothek abgeschlossen sind, werden wir an dieser Stelle einen Gedenkstein setzen.

Wenn Sie auf die vergangenen Monate zurückblicken: Würden Sie aus heutiger Sicht etwas anders machen?

Ja. Es hat in der Abstimmung zwischen allen Beteiligten ganz sicher keine optimale Koordination gegeben. Man hätte insbesondere mit den Behörden besser kommunizieren müssen, um sich frühzeitig über das weitere Vorgehen abzustimmen. Ich bedauere das sehr.

Die Fragen stellten Christa Beckmann und Christine Boldt