Freie Universität Berlin


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Zum 90. Geburtstag von Professor Eberhard Lämmert

Ein Gespräch mit Professorin Barbara Naumann über den Literaturwissenschaftler und ehemaligen Präsidenten der Freien Universität, ihren Lehrer

20.09.2014

Eberhard Lämmert: Der 1924 geborene Literaturwissenschaftler und ehemalige Präsident der Freien Universität Berlin feiert am 20. September 90.Geburtstag.
Eberhard Lämmert: Der 1924 geborene Literaturwissenschaftler und ehemalige Präsident der Freien Universität Berlin feiert am 20. September 90.Geburtstag. Bildquelle: Henning Dahl

„Angesichts dieser Lebensleistung wird man als Gratulantin sehr bescheiden“, sagt Barbara Naumann mit Blick auf die wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Erfolge Eberhard Lämmerts. Die Germanistikprofessorin von der Universität Zürich war in den achtziger Jahren Schülerin des renommierten Literaturwissenschaftlers, der 1965 Mitbegründer des Peter-Szondi-Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität war und von 1976 bis 1983 deren Präsident. Am heutigen Sonnabend, 20. September, wird Eberhard Lämmert 90 Jahre alt.

Frau Professor Naumann, wie gratuliert man einem so renommierten Literaturwissenschaftler und Lehrer, wie dem Menschen Eberhard Lämmert zum 90. Geburtstag?

Eberhard Lämmert hat im Laufe seiner langen Karriere zahlreiche eminente Positionen und Funktionen innegehabt: Er war Präsident der Freien Universität, dort Mitgründer und später Leiter des heute nach Peter Szondi benannten Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Er war Gründungsdirektor des Zentrums für Literaturforschung (später Literatur- und Kulturforschung) in Berlin, Ko-Direktor des Forschungszentrums für Europäische Aufklärung in Potsdam, Präsident der Schillergesellschaft und des Literaturarchivs Marbach, Ehrenmitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Vorstandsmitglied des Deutschen Volkshochschulverbandes, Manager der Wissenschafts- und Bildungspolitik und Professor an der Freien Universität Berlin und in Heidelberg. Er war vielfacher Doktorvater und Prüfer, ist Autor wegweisender literaturwissenschaftlicher Beiträge. Angesichts dieser Lebensleistung wird man als Gratulantin sehr bescheiden! In jedem Fall ist sein 90. Geburtstag eine hochwillkommene Gelegenheit, um Eberhard Lämmert gebührend zu feiern und dies mit einem Rückblick zu verbinden.

Was zeichnet ihn als Germanisten aus, was als Menschen?

Eine Trennung zwischen dem Germanisten und dem Menschen vorzunehmen, ist gar nicht möglich – und könnte jedenfalls das große Werk des Literaturwissenschaftlers auch nicht erklären. Wenn man Eberhard Lämmerts Erinnerungen, etwa in dem zu seinem Geburtstag veröffentlichten Buch „Gesteine und Gedichte“ liest, wird deutlich, dass das Ungenügen an misslichen Verhältnissen, vor allem an solchen, die ohne Not schlecht sind, für ihn schon als Gymnasiast ein Stachel im Fleisch gewesen sein muss. Einsichten in reparaturbedürftige Verhältnisse haben bei ihm von Kindheit an große Energien, vor allem einen festen Änderungswillen freigesetzt. Und das ist auch in seinem akademischen Leben immer so geblieben. Wenn Eberhard Lämmert politisch und wissenschaftlich zweifelhafte Bedingungen vorfand, wie etwa angesichts der personalen und konzeptionellen Struktur der Germanistik der 1950er Jahre, suchte er den Dialog, die Bewegung, die Veränderung. Und wenn es nicht anders möglich war, nahm er auch den Konflikt in Kauf.

Welche Erinnerung kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Eberhard Lämmert denken?

Er hatte die Gabe – während seiner Zeit als Präsident der Freien Universität und natürlich auch davor und danach –, auch in schwierigen Zeiten Quellen aufzutun, um Arbeitsmöglichkeiten für junge Wissenschaftler zu schaffen. Gelegentlich wirkten sie sogar wie herbeigezaubert. Irgendwie schien er eine besondere institutionelle Phantasie zu besitzen, ein untrügliches Gespür für das, was möglich war.

In persönlicher Hinsicht sind es vor allem seine Konzilianz und sein freundlich-ermunterndes Wesen, das stets auch eine gewisse Distanz beinhaltete und im Umgang mit uns jungen Assistenten der achtziger Jahre dazu führte, dass man große Freiheiten im eigenen Forschen und Schreiben hatte, dies aber auch als einen starken Ansporn bzw. Anspruch empfand. Und natürlich erinnere ich mich gern an einige sehr lustige Geburtstagsfeste am Institut und an die glänzenden und humorvollen Stegreifreden, die Eberhard Lämmert hielt.

Welche Verdienste hat er um die Freie Universität Berlin?

In den siebziger Jahren war der Ruf der Freien Universität vor allem innerhalb Deutschlands nicht der beste – obwohl dies in großem Widerspruch zu den tatsächlichen wissenschaftlichen Leistungen der Hochschule stand. Sowohl im deutschsprachigen Raum, aber auch international, hat Eberhard Lämmert durch sein entschiedenes Eintreten für die Freie Universität und zugleich durch sein Renommee als einer der führenden Literaturwissenschaftler seiner Generation erheblich zur öffentlichen und wissenschaftlichen Anerkennung der Leistungen der Freien Universität beitragen können. Mir scheint besonders bemerkenswert, dass die wissenschaftspolitische Gestaltungskraft Eberhard Lämmerts nicht getrennt von den Tätigkeiten des Germanisten und Komparatisten entstanden ist, sondern sich geradezu aus den Einsichten des Literaturwissenschaftlers heraus entwickelte. Eberhard Lämmert war nie reiner Administrator, sondern immer zugleich Wissenschaftler.

Ganz besonders möchte ich die Gründung des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft – seit 2005 Peter-Szondi-Institut – 1965 erwähnen, bei der Eberhard Lämmert eine zentrale Rolle spielte, wie auch bei der Vergabe des ersten Lehrstuhls an den jungen Peter Szondi. Mit dem Institut ist ein Dach für eine moderne Literaturwissenschaft errichtet worden, unter dem sie sich als international orientierte, mehrsprachige und zugleich theoretisch reflektierte Disziplin entfalten konnte. Daraus sind vielfältige nationale und bis heute wachsende internationale Verbindungen hervorgegangen, etwa zu US-amerikanischen Universitäten (Yale und Princeton an erster Stelle zu nennen), Verbindungen nach Paris, aber auch zu osteuropäischen – besonders polnischen – und sogar chinesischen Institutionen. Nicht zuletzt sind es Innovationen und Pionierleistungen wie die Kontaktaufnahme zur Peking Universität im Jahre 1981, als Eberhard Lämmert als Erster mit einer Germanistengruppe nach China reiste und damit eine bis heute Früchte tragende Universitätspartnerschaft begründet hat.

Sein Wirken als Präsident war nach innen vor allem durch Unaufgeregtheit und Konzilianz gekennzeichnet – auch in politisch aufgeregten Zeiten; meine Kollegen haben seinen Gestus einmal sehr zutreffend als Noblesse bezeichnet. Diese Haltung hatte Teil am grundsätzlich menschenfreundlichen, demokratischen Klima, das Eberhard Lämmer immer zu stiften suchte.

Die Fragen stellte Christine Boldt

Weitere Informationen

Prof. Dr. Eberhard Lämmert

Eberhard Lämmert wurde am 20. September 1924 in Bonn geboren. Er studierte zunächst in München Geologie und Mineralogie sowie Germanistik, Geschichte und Geografie. 1952 promovierte er in Bonn mit einer viel beachteten Dissertation über die Bauformen des Erzählens, die zu einem Standardwerk der Germanistik wurde. 1960 habilitierte er sich in Mittelalterlicher und Neuerer Deutscher Philologie.

1961 folgte er einem Ruf auf einen germanistischen Lehrstuhl an der Freien Universität Berlin und vertrat dort seit 1992 auch die Allgemeine Literaturwissenschaft.1970 nahm er einen Ruf nach Heidelberg an und kehrte 1976 an die Freie Universität zurück, nachdem er vom Konzil zum zweiten Präsidenten der Hochschule gewählt worden war. Schon in den sechziger Jahren trat Lämmert für eine Hochschulreform ein. Aufgeschlossen für die bildungs- und gesellschaftspolitischen Forderungen der „68er“-Studentengeneration hatte er wesentlichen Anteil an der Reformierung der Lehrinhalte und des Seminarbetriebs sowie besonders an der Neugestaltung der Prüfungsordnung für das germanistische Studium. Er wandte sich als Präsident gegen politische Überprüfungen im Öffentlichen Dienst („Radikalenerlass“) und vertrat die Idee einer weitgehend selbstbestimmten ‚Universitas litterarum‘.

Nach 1983 blieb Lämmert Professor der Freien Universität und baute seinen Ruf als Literaturwissenschaftler weiter aus. Zu den Schwerpunkten seines von der Faszination für methodische Innovation gekennzeichneten Werks zählen neben der Literaturtheorie die Geschichte der literarischen Gattungen und die Erzählkunst, die Sozialgeschichte des Schriftstellers und die Wirkungsgeschichte der Literatur vom 18. Jahrhundert, sowie die Wissenschaftsgeschichte und die Bildungspolitik.

Auch nach seiner Emeritierung 1992 blieb Lämmert weiterhin engagiert und aktiv – sei es als Gründungsdirektor des Zentrums für Literaturforschung, als Vorstandsmitglied des DAAD oder als Präsident der Deutschen Schillergesellschaft und des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. In solchen Funktionen suchte er stets auch den Dialog der Fachwissenschaft mit der breiteren Öffentlichkeit zu fördern und war dabei auf nationaler wie internationaler Ebene gleichermaßen erfolgreich.