Freie Universität Berlin


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Schlaflos in Dahlem

In der zweiten Langen Nacht der Bibliotheken öffneten die Philologische Bibliothek sowie die Bibliotheken der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität ihre Türen

01.11.2013

Zumba zwischen Bücherregalen: Während der Langen Nacht der Bibliotheken konnte in der Philologischen Bibliothek auch getanzt werden.
Zumba zwischen Bücherregalen: Während der Langen Nacht der Bibliotheken konnte in der Philologischen Bibliothek auch getanzt werden. Bildquelle: Annika Middeldorf
"Was gilt heute in der Literatur", fragte die Literaturkritikerin Sigrid Löffler in ihrem Vortrag in der Philologischen Bibliothek.
"Was gilt heute in der Literatur", fragte die Literaturkritikerin Sigrid Löffler in ihrem Vortrag in der Philologischen Bibliothek. Bildquelle: Annika Middeldorf
Partnertausch nach zehn Minuten: Beim Book Dating ging's darum, einander jeweils fünf Minuten lang vom eigenen Lieblingsbuch zu erzählen.
Partnertausch nach zehn Minuten: Beim Book Dating ging's darum, einander jeweils fünf Minuten lang vom eigenen Lieblingsbuch zu erzählen. Bildquelle: Annika Middeldorf
Die promovierte Kunsthistorikerin Harriet Häußler hielt in der Wirtschaftswissenschaftlichen Bibliothek den Vortrag  „Kunst als Assett Class? Kunstwerke zwischen Liebhaberei und strategischem Investment – der Kunstmarkt heute“.
Die promovierte Kunsthistorikerin Harriet Häußler hielt in der Wirtschaftswissenschaftlichen Bibliothek den Vortrag „Kunst als Assett Class? Kunstwerke zwischen Liebhaberei und strategischem Investment – der Kunstmarkt heute“. Bildquelle: Annika Middeldorf
Schaurig-schöne Lesung: Die promovierte Publizistin Hazel Rosenstrauch hat eine Biografie über Karl Huß verfasst, den letzten Henker von Eger (Westböhmen). Aus dem Buch las sie in der Jura-Bibliothek.
Schaurig-schöne Lesung: Die promovierte Publizistin Hazel Rosenstrauch hat eine Biografie über Karl Huß verfasst, den letzten Henker von Eger (Westböhmen). Aus dem Buch las sie in der Jura-Bibliothek. Bildquelle: Annika Middeldorf

In dieser Nacht ist alles anders: Vor der gläsernen Drehtür der Philologischen Bibliothek werden Kekse, frisches Gebäck und sogar Speise-Eis angeboten. Wo sonst vorübergehend auf Nahrung verzichtet werden und ein temporäres Schweigegelübde abgelegt werden muss, ist an diesem Abend alles erlaubt. Fast alles: Natürlich muss auch in der Langen Nacht der Bibliotheken ausreichend Abstand zwischen Eiswaffel und Bücherschrank gewahrt werden. In dieser Nacht zeigten sich die Bibliotheken der Freien Universität in Dahlem von einer anderen Seite.

Um halb acht erklingt lateinamerikanische Musik aus dem Erdgeschoss der Philologischen Bibliothek. Als Antwort auf die fragenden Blicke derjenigen, die sich zum Lernen in den sonst eher ruhigen Abendstunden in die Bibliothek zurückgezogen haben, ruft Sylvia Ndoye ins Mikrofon: „Ich darf das heute.“ Und wer mag, darf mit der Zumba-Trainerin zwischen den Regalen die Muskeln lockern.

Parallel dazu findet zwei Etagen höher ein „Book-Dating“ statt. Gabriele Leschke, stellvertretende Leiterin der Sozialwissenschaftlichen Bibliothek und Bibliothek des Osteuropa-Instituts, erklärt die Spielregeln: „Jedes Paar tauscht sich zehn Minuten über sein Lieblingsbuch aus. Also fünf Minuten pro Buch, dann wird der Partner gewechselt.“ Kurz darauf eilt sie zur Glocke, die den Partnerwechsel ankündigt. Dazu gibt es, noch eine Ausnahme, ein Glas Wein und Snacks.

Zum letzten Henker in die Bibliothek der Rechtswissenschaft

Geradezu gruselig statt romantisch geht es kurze Zeit später in der Bibliothek der Rechtswissenschaft zu. Es ist 20 Uhr und mittlerweile finster in Dahlem. Wo am Tage Tausende von Studierenden über den Campus ziehen, weht jetzt der Wind das trockene Herbstlaub durch die Luft. Der Weg zur Jura-Bibliothek stimmt ein wenig auf Hazel Rosenstrauchs Vortrag zum Thema „Der letzte Henker von Eger“ ein. „Ich bin nur Dilettantin im Bereich der Rechtswissenschaft, aber ich erzähle Ihnen trotzdem, was ich herausgefunden habe“, sagt Hazel Rosenstrauch.

In ihrer 2012 veröffentlichten Biografie „Karl Huß. Der empfindsame Henker“, zeigt die promovierte Publizistin die Versuche des letzten Scharfrichters von Eger (Westböhmen) auf, seinem Status als Verfemter zu entkommen. Ein gutes Dutzend Zuhörer hat sich für die schaurig-schöne Veranstaltung im Lesesaal zusammengefunden.

"Lesen Sie doch bitte, was Sie wollen!"

In der Philologischen Bibliothek geht es derweil um Grundsätzliches: Wie kommen der richtige Leser und das richtige Buch zusammen? Diese Frage verhandelt Sigrid Löffler, ehemalige Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Zeit“ in ihrem Vortrag „Was gilt heute in der Literatur? Der literarische Kanon im post-kanonischen Zeitalter“. Die Literaturkritikerin ist Mitglied der Jury des Literaturpreises der Leipziger Buchmesse und gehörte der Jury des Heinrich-Heine-Preises an – ihr Wort hat Gewicht. Und ihre Antwort – eine „ganz persönliche Empfehlung“ – ist so charmant wie einfach: „Lesen Sie doch bitte, was Sie wollen.“

Das Publikum in der Philologischen Bibliothek applaudiert und diskutiert anschließend begeistert mit der prominenten Kritikerin, die einem größeren Publikum nicht zuletzt durch die TV-Sendung „Das Literarische Quartett“ mit dem kürzlich verstorbenen Marcel Reich-Ranicki bekannt geworden ist.

Ästhetischer Genuss bei Investitionen in Kunst

Wer sich anschließend auf den Weg zur Bibliothek der Wirtschafswissenschaft machte, wurde mit Getränken und Süßspeisen belohnt. Im Lesesaal wägt die Galeristin und promovierte Kunsthistorikerin Harriet Häusler das Für und Wider von Geldanlagen in Kunstobjekte ab. Ihr Vortrag „Kunst als Assett Class? Kunstwerke zwischen Liebhaberei und strategischem Investment – der Kunstmarkt heute“ findet mehr als 20 interessierte Zuhörer. Auch für den Laien nachvollziehbar: Der ästhetische Genuss sei bei einem Kunstwerk deutlich höher als beim Ankauf von Aktien. Kunst bleibe aber ein „komplexes Wirtschaftsgut“, sagt Häusler. Gegen 22 Uhr endet ihr Vortrag. Wer jetzt Entspannung sucht, läuft zurück zur Philologischen Bibliothek – zum Beispiel zum Yoga-Kurs.


40 Berliner Bibliotheken hatten am 24. Oktober zur Langen Nacht der Bibliotheken eingeladen. Veranstaltet wird sie von den drei bibliothekarischen Interessenverbänden dbv-Berlin, BIB Berlin und VDB Berlin/Brandenburg.