Freie Universität Berlin


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Zum Tod von Professor Dr. Helmut Coper

Zwei Nachrufe auf den Gründungsstudenten der Freien Universität

27.09.2013

Prof. Dr. Helmut Coper (1925 – 2013)
Prof. Dr. Helmut Coper (1925 – 2013) Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Professor Dr. Helmut Coper, einer der Gründungsstudenten der Freien Universität Berlin, ist tot. Der Mediziner starb am 30. August 2013. Er wurde 87 Jahre alt. Helmut Coper war – als „Matrikelnummer 2“ eingeschrieben – der Freien Universität seit ihrer Gründung im Jahr 1948 eng verbunden. Mit Karol Kubicki, „Matrikelnummer 1“ der Freien Universität, erinnert sich ein Weggefährte der jungen Jahre an Helmut Coper; mit Siegward Lönnendonker gedenkt ein Achtundsechziger des Gründungsstudenten.

Helmut Coper begann nach dem Zweiten Weltkrieg ein Medizinstudium an der damaligen Universität unter den Linden, die zunehmend unter ideologischen Druck der kommunistischen Führung im Ostsektor des geteilten Berlins geriet. Nach der Exmatrikulation von drei systemkritischen Studierenden forderte Coper gemeinsam mit zahlreichen Kommilitonen und Dozenten die Gründung einer freien Universität in den Westsektoren; ihr Ziel war es, ohne politischen Einfluss zu lernen und zu forschen. Mithilfe der amerikanischen Alliierten und unterstützt von Berliner Politikern wurde am 4. Dezember 1948 – während der Berlin-Blockade – die Freie Universität Berlin gegründet. 

Helmut Coper ist der erste gewählte Vorsitzende des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (AStA) der Freien Universität Berlin gewesen. Nach seiner Promotion und Habilitation im Fach Pharmakologie wurde er 1967 zum Direktor des Instituts für Neuropsychopharmakologie berufen, das er bis zu seiner Emeritierung 1994 leitete. Helmut Coper war der erste Inhaber eines Lehrstuhls für Neuropsychopharmakologie in Deutschland überhaupt. Im Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit standen die Gerontologie und die Suchtforschung. Für seine Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen wurde Helmut Coper von der polnischen Akademie der Wissenschaften geehrt.

„Er war einer der ehrlichsten und anständigsten Menschen, die ich je erlebt habe“

Wann ich Helmut Coper näher kennenlernte, kann ich heute nicht mehr sagen. Er gehörte zum engeren Kreis um Otto H. Hess und Horst W. Hartwich – beide ebenfalls Gründungsstudenten der Freien Universität, Hartwich leitete später jahrzehntelang das Außenamt der Universität.Sie kannten sich wohl über ihre Zwangsarbeit bei der Organisation Todt, einer Bautruppe des NS-Regimes. Über die persönliche Freundschaft zu Hartwich rückte auch ich in den Kreis der Gruppe.

Coper war einer der ehrlichsten und anständigsten Menschen, die ich erlebt habe. Er war zunächst einmal für jedermann offen. So unterhielten wir auch längere Zeit Kontakte zu einigen Medizinstudenten, die der SED verschrieben waren, etwa Klaus Floericke und Ulrich Schultze-Frenzel, weil wir über gemeinsame Gespräche versuchten, an der Linden-Universität wenigstens einigermaßen demokratische Verhältnisse zu erreichen. (Ulrich Schultze-Frenzel lockte im März 1947 die Studentin Gerda Rösch in ein Theater im sowjetischen Sektor, wo sie verhaftet wurde.)

Coper war prinzipiell konzessionsbereit, was ja eine Voraussetzung demokratischen Lebens ist. Er hatte aber – wenn auch relativ weit gezogene – absolute politisch-ethische Grenzen, nämlich ab da, wo demokratisches Miteinander ausgeschlossen würde. Da er stets sehr genau – und zuweilen auch recht lange – über die Dinge nachdachte, wurde er zu unserem „Bedenkenträger" – wie wir das etwas flaumig nannten. Manchmal führte das auch dazu, dass er Verabredungen nicht einhielt, weil er inzwischen wieder Bedenken bekommen hatte. So fiel er für taktische Winkelzüge, die wir manchmal verabredeten, aus. Aber keiner nahm ihm das je übel, weil er eben ein so reiner Charakter war. Der erste Fragebogen der Freien Universität zur Zulassung zum Studium, der von mir stammte, wurde viel gelobt wegen seiner exorbitanten Kürze. Im Zulassungsausschuss war Coper zunächst dagegen, ließ sich dann aber doch überzeugen und stand fürderhin voll dahinter. Coper hielt zu zwei Gelegenheiten Reden zu meinem Leben, zum einen zu einem Geburtstag, zum anderen zu meiner Verabschiedung von der Freien Universität mit 65 Jahren. Beide Reden waren sehr eindrucksvoll, freundschaftlich und wohlwollend recherchiert. Auch sie zeigten wieder ganz den zutiefst anständigen und grundehrlichen Menschen, der Helmut Coper nun einmal war.

Karol S. Kubicki

Wie viele Studenten der ersten Generation leistete er Unvorstellbares"

Kopf oder Zahl? Helmut Coper wählte und ging mit der Matrikelnummer 002 in die Liste der Studenten der Freien Universität ein, Nummer 001 ging an Karol S. Kubicki.

Eine Aufzählung der Leistungen von Helmut Coper für die Freie Universität ist kaum zu erbringen. Geboren am 30. Dezember 1925, nach 1933 rassisch verfolgt, 1942 vom Staatlichen Luisengymnasium in Berlin verwiesen, anschließend Lehrzeit in der Porzellanmanufaktur, 1944 Verpflichtung zur Organisation Todt und Arbeit als Tiefbauhilfsarbeiter in Jena, am 4. Januar 1946 Reifeprüfung am Charlottenburger Gymnasium, Realgymnasium und dann im Februar Aufnahme des Medizinstudiums an der Linden-Universität.

Schon am 1. Mai 1946 protestierte er mit anderen Kommilitonen, die meisten wie er Mitglieder der „Studentischen Arbeitsgemeinschaft“, beim Rektor schriftlich gegen die Beflaggung der Universität mit dem Emblem der SED. Der Protest hatte einen mehrstündigen Aufenthalt in einem Keller der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, SMAD, der obersten sowjetischen Besatzungsbehörde, in Karlshorst und weitere politische Einschüchterungsversuche zur Folge. Dies stärkte Copers Widerstand gegen die Politisierung der Universität und deren Umwandlung in eine Kaderausbildungsstätte aber noch.

Helmut Coper war als Vorkliniker Mitglied des ersten Fakultätsrats der Medizinischen Fakultät der Freien Universität und wurde als dessen Vertreter in den ersten Studentenrat gewählt, wo er das Kulturreferat leitete.

An der Linden-Universität schlug die Verfolgung oppositioneller Studenten und Professoren in offenen Terror um, die SMAD verhaftete mit Duldung ihrer kommunistischen deutschen Freunde mehrere Studenten, unter ihnen Georg Wradzidlo, Gerda Rösch und Manfred Klein, und verschleppte sie zur Zwangsarbeit in sibirische Lager. Alle Studenten der Linden-Universität mussten Pflichtvorlesungen über den Marxismus-Leninismus hören, die Zulassungen zum Studium wurden mehr nach politischer Gesinnung denn nach fachlicher Eignung erteilt. Als schließlich der Rektor Hermann Dersch die Zulassung zum Studium der Studenten Otto H. Hess, Joachim Schwarz und Otto Stolz wegen kritischer Artikel in der Studentenzeitschrift Colloquium widerrief, da hatte es selbst bei Coper ein Ende mit dem Verstehen der anderen Seite, um das er sich auch bei offensichtlicher Verletzung von Recht und Freiheit bemühte. Ohne zu zögern, ging er mit anderen das Risiko der Gründung einer neuen, einer freien Universität ein, was den Bruch mit der später umbenannten Humboldt-Universität und dort den Verlust des Studienplatzes bedeutete.

Die Gründung gelang, und der Student mit der Matrikelnummer 002 wurde zusammen mit dem Medizinprofessor Hans Freiherr von Kress erster Zulassungsreferent, dann wurde Coper Vorsitzender des ersten gewählten AStA, des Allgemeinen Studentenausschusses. Dazu kamen die „alltäglichen“ Arbeiten: Ausarbeitung einer Geschäftsordnung, Beratung des Statuts, Definition der Referate und eine Vielzahl weiterer Aufgaben. Dann wurde Helmut Coper Landesdelegierter des Landes Berlin im Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) und schloss nebenher sein Studium ab. Wie viele Studenten der ersten Generation leistete er Unvorstellbares.

Und das berechtigte ihn auch zu seiner Kritik: Der Mangel an politischem Engagement der ersten Studentengeneration und die geringe Nutzung seiner Angebote als Kulturreferent veranlassten ihn bei allem Verständnis für die allgemeine Notlage der Kommilitonen zu empfindlichem Tadel vor allem in der Zeitschrift Colloquium. Das fast völlige politische Desinteresse der zweiten Studentengeneration der „grauen Mäuse“ schmerzte ihn noch mehr.

Mit dem starken politischen Engagement der dritten studentischen Generation der Achtundsechziger konnte Helmut Coper – inzwischen Professor für Neuropsychopharmakologie – allerdings wenig anfangen. Schließlich hatte er die Maßnahmen der Kommunisten bei ihrer konsequenten Abschaffung der Ideale Wilhelm von Humboldts an der Universität selbst erfahren müssen und war aus dieser Erfahrung zum überzeugten Antikommunisten geworden. Dass Rudi Dutschke als Widerständler gegen das SED-Regime und DDR-Flüchtling nichts mit dem Sowjetkommunismus im Sinn hatte, sondern andere kommunistische Utopien vertrat, war ihm wie auch den meisten Gründern der Freien Universität nicht mehr verständlich.

Siegward Lönnendonker

– Dr. Siegward Lönnendonker, Jahrgang 1939, Soziologe, damaliger Aktivist der Studentenbewegung und langjähriger Leiter des Archivs der Außerparlamentarischen Opposition (APO)