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Erinnerung erhalten – Geschichte vermitteln

Zusammenarbeit zum Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“ wird fortgesetzt

23.05.2013

Gegen das Vergessen: Im Online-Archiv Zwangsarbeit 1933 - 1945 sind 583 Zeitzeugenberichte hinterlegt.
Gegen das Vergessen: Im Online-Archiv Zwangsarbeit 1933 - 1945 sind 583 Zeitzeugenberichte hinterlegt. Bildquelle: CeDiS / Freie Universität
Professor Peter-André Alt, Günter Saathoff und Professor Alexander Koch unterzeichneten die Fortsetzung der Zusammenarbeit zum Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945".
Professor Peter-André Alt, Günter Saathoff und Professor Alexander Koch unterzeichneten die Fortsetzung der Zusammenarbeit zum Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945". Bildquelle: Bianca Schröder

„Man fing zu spät an, sich damit zu beschäftigen, und nicht alles bleibt im Gedächtnis“, sagt Iossif G. Trotz einiger Skepsis gab der jüdische Weißrusse im Jahr 2005 vor der Kamera Auskunft über seine Zeit als Zwangsarbeiter in Minsk, die sein gesamtes Leben geprägt hat: „Manchmal taucht etwas auf, ich sehe im Traum, dass man mich ermordet, da wird geschossen, in letzter Zeit öfter und öfter. Mit dem Alter wird es wahrscheinlich schmerzhafter.“ Iossif G.s Geschichte ist einer von 583 Zeitzeugenberichten im Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“. Um das Projekt weiterzuentwickeln, haben die Freie Universität, das Deutsche Historische Museum Berlin und die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ vereinbart, ihre 2007 begonnene Zusammenarbeit fortzusetzen.

„In Zukunft werden immer weniger Zeitzeugen ihre Lebensgeschichte persönlich erzählen können. Wir werden in eine Zeit kommen, in der es nur noch solche archivisch dokumentierten Grundlagen geben wird“, sagte Günter Saathoff, Vorstand der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Die drei am Projekt „Zwangsarbeit 1939-1945“ beteiligten Institutionen wollen die Sammlung nun um neue Angebote erweitern und in Bildung, Forschung und Lehre verbreiten. Die Fortsetzung der Kooperation vereinbarten Saathoff sowie der Präsident der Freien Universität Berlin, Professor Peter-André Alt, und der Präsident des Deutschen Historischen Museums Berlin, Professor Alexander Koch.

In Zusammenarbeit mit Partnern in Deutschland und im Ausland sollen die vielsprachigen Interviews international noch besser nutzbar gemacht werden. Dazu werden unter anderem Suchfunktionen, Inhaltsverzeichnisse und Kurzbiografien ins Englische und Russische übersetzt und Bildungsangebote in anderen Sprachen vorbereitet. Um den Nutzungsgewohnheiten von Schülern entgegenzukommen, entwickelt das Center für Digitale Systeme an der Freien Universität Angebote für mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablet-PCs.

Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern aus 27 Ländern geführt

Die Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern aus 27 Ländern wurden 2005/2006 geführt, anschließend in den Jahren 2007 bis 2012 wissenschaftlich erschlossen und über das Online-Archiv weltweit zugänglich gemacht. Für angemeldete Nutzer ist eine Volltextsuche in den Interviews möglich. Durch Kategorien wie Verfolgungsgruppe, Einsatzbereich oder Sprache können die Interviews gefiltert werden. Über eine Karte lassen sich biografische Stationen der Interviewten recherchieren. Die Interviews ergänzen die Forschung zur Zwangsarbeit während der Zeit des Nationalsozialismus, die sich zuvor vor allem auf Akten und schriftliche Materialien stützte, um lebensgeschichtliche Perspektiven.

Das Projekt sei „von der Sache von großer Bedeutung und von der Methode wegweisend“, erklärte Professor Peter-André Alt. Für Schulen, Universitäten und Bildungseinrichtungen sollten in den kommenden Jahren neue Zugänge zu den Interviews geschaffen werden: „Die Freie Universität will ihre umfangreichen Kompetenzen bei der Erstellung, Verarbeitung und Nutzung von multimedialen digitalen Materialsammlungen intensiv weiterentwickeln, um diese wertvollen Zeugnisse durch die Nutzung moderner Technologien für die Forschung und Lehre zugänglich zu machen.“ Ergänzend zum Online-Archiv gibt es schon heute multimediale Unterrichtsmaterialien, die seit 2010 bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich sind.

Online-Archiv bewahrt Erinnerungen für eine Zukunft ohne Zeitzeugen

Im Deutschen Historischen Museum gehören zwölf der Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern zur Dauerausstellung. Es sei die Aufgabe des Museums, „historisch relevante Objekte, Dokumente und Zeugnisse sachgerecht zu verwahren und der Öffentlichkeit zu vermitteln“, sagte Professor Alexander Koch. Die Interviews stellten „einen Meilenstein“ für das Verständnis der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus dar. Es gebe in der Geschichtsforschung nur wenige Projekte mit solch klaren Vermittlungszielen.

Wissenschaftler, Studierende, Schüler und eine interessierte Öffentlichkeit arbeiten weltweit mit der Online-Datenbank. Die geplanten Übersetzungen ins Englische und Russische sowie die Angebote für mobile Endgeräte sollen den Kreis der Nutzer noch erweitern. Das Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“ bewahrt die Erinnerungen der Zwangsarbeiter für die Zukunft, in der die Zeitzeugen-Generation keine Auskunft mehr geben können wird.