Freie Universität Berlin


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„Werner Väth war ein begnadeter Mittler“

Nachruf auf den Vizepräsidenten und Politikwissenschaftler Professor Werner Väth

30.11.2012

Prof. Dr. Werner Väth ist am 19. November 2012 nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Der Politikwissenschaftler war Vizepräsident der Freien Universität Berlin.
Prof. Dr. Werner Väth ist am 19. November 2012 nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Der Politikwissenschaftler war Vizepräsident der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Professor Werner Väth, Vizepräsident der Freien Universität Berlin, ist am 19. November nach kurzer schwerer Krankheit verstorben. Er wurde nur 67 Jahre alt. Ein Nachruf von Professor Hajo Funke auf den renommierten Politikwissenschaftler.   

„Die tiefe Trauer über den frühen Tod unseres Kollegen und Freundes Werner Väth über alle Gruppen hinweg gilt ihm: seiner warmherzigen, großzügigen und fairen Persönlichkeit, seinem freundlichen Umgang mit den Verwaltungsangestellten, den Studierenden und den Kolleginnen und Kollegen gleichermaßen. Schon seine Krankheit hatte Freunde und Kollegen tief berührt.

Wir kennen ihn als klugen Vermittler in den Streitigkeiten der Hochschule seit mehr als 20 Jahren, zunächst als Prodekan am Otto-Suhr-Institut, dann als Vizepräsident der Freien Universität in stürmischen Zeiten und heute einer international vernetzten exzellenten Universität. Er hatte wesentlichen Anteil daran.

Am Otto-Suhr-Institut haben wir die großartige Fähigkeit dieses Mittlers auch in ausweglos erscheinenden Konfliktsituationen erlebt: Die Konflikte der Sechziger- und Siebzigerjahre waren längst zu Ende gegangen, als sie jäh unter anderen Bedingungen im langen studentischen Streik im Wintersemester 1988/89 wieder aufbrachen. Die Studierenden wollten mehr Beteiligung, mehr eigenständiges Studieren und Forschen, etwa in Projekten und zu neuen Themen. Sie stießen auf den entschiedenen Widerstand nicht nur der damaligen Hochschulleitung. Dass diese Forderungen am Ende nach langen Wochen nicht nur mit Polizeieinsätzen beantwortet wurden, sondern es am Institut mit der Anerkennung der berechtigten Wünsche der Studierenden zu einem ernsthaften Kompromiss kam, war vor allem Verdienst des damaligen Prodekans Werner Väth.

Ich erinnere mich wie heute, wie er – die Hände kreisförmig (voran-)rollend – mit seiner leisen, ruhig-bedächtigen Präsenz in stundenlangen Debatten im Hörsaal B des Otto-Suhr-Instituts Kompromisse auslotete und schließlich durchsetzte. Er hat gezeigt, dass er den Dialog in hoch gespannten Zeiten glänzend verstand. Er konnte zuhören, formulierte Vorschläge, ohne sich selbst und den Interessen der anderen Gruppen an der Hochschule etwas zu vergeben. Er war ein begnadeter Mittler.

Diese zugleich faire und integrierende Rolle übte er mit kurzen Unterbrechungen als Vizepräsident über zwei Dekaden aus. Er war zuständig für kleine Fächer, für Fächer, die bedroht waren, und immer auch für die Politik- und Sozialwissenschaften. Er hat sich um sie verdient gemacht. Werner Väth hat sich große Verdienste um die internationale Vernetzung der Freien Universität erworben. Bereits in den Neunzigerjahren hat er internationale Kooperationsprojekte gefördert, etwa der Sinologie mit dem Institut für den Fernen Osten der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau und des Osteuropa-Instituts mit dem Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO-Universität). Er hat dafür gesorgt, dass das kritische Lateinamerika-Institut erhalten blieb, das heute eine herausragende Rolle an der Exzellenzuniversität spielt. Er hat sich in den verschiedenen Kürzungsrunden vehement für den Erhalt der breiten Vielfalt der kleinen Fächer und der Area Studies an der Freien Universität eingesetzt, diese in ihren internationalen Kooperationen unterstützt und mit großem persönlichem Einsatz international vertreten.

Werner Väths außerordentliche Befähigung lag indes nicht nur an seiner Zuverlässigkeit, Fairness und von innen kommenden Großzügigkeit. Auch sein Studium und seine Studien haben ihn dazu prädestiniert. In seiner Lehr- und Forschungstätigkeit hat er die Kerndisziplin der politischen Wissenschaft – die Staats- und Verwaltungswissenschaft – mit einer ökonomischen Perspektive in einer Fülle von Monografien und einflussreichen Aufsätzen eindrucksvoll verknüpft. In seinen Konstanzer Lehrjahren bei Frieder Naschold und Thomas Ellwein und seit 1981 als Nachfolger des großartig-großzügigen Mitbegründers der Nachkriegspolitikwissenschaft, Gert von Eynern, auf dem Lehrstuhl zu den Ökonomischen Grundlagen der Politik.

Werner Väth hat noch in Konstanz Projekte zur Finanzplanung des Bundes sowie zu den regionalen Auswirkungen der Forschungs- und Technologiepolitik des Bundes miterarbeitet, er erstellte Analysen zur Kommunalpolitik und Regionalplanung und wurde mit einer Arbeit zur Raumplanungspolitik des Bundes promoviert. Er vertiefte diese wissenschaftliche Kompetenz in Analysen zur Industriepolitik, etwa zur Krise der Stahlindustrie in Deutschland und Europa. Die soziale Dimension – Fragen sozialer Gerechtigkeit – und die politische Gestaltung und Kontrolle ökonomischer Prozesse, insbesondere in Krisenzeiten, waren sein normativer Bezugspunkt.

Die wissenschaftliche Maxime, Verwaltungsabläufe zu studieren und sie auf die politische Gestaltbarkeit im Sinne der eigenen sozialen und politischen Normen zu beziehen, bildete die Grundlage seines hochschulpolitischen Handelns. Seine hochschulpolitische Heimat fand er im sozialliberal orientierten Dienstagskreis, mit dem er jene großen Koalitionen schmiedete, ohne die er seine wirksame Politik eines Mittlers und Versöhners nicht hätte so erfolgreich betreiben können."

Hajo Funke ist Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität und Mitglied des Dienstagskreises. Er ist seit 2010 emeritiert.