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Was von der Finanzkrise bleibt

Der Luxemburger Yves Mersch, Mitglied des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB), war zu Gast an der Freien Universität

27.04.2011

Yves Mersch, umringt von Journalisten.
Yves Mersch, umringt von Journalisten. Bildquelle: Sara Tormöhlen
Der Glaube an die freie Marktwirtschaft sei durch die Finanz- und Wirtschaftskrise erschüttert worden, sagte Yves Mersch, Mitglied des Rates der Europäischen Zentralbank, an der Freien Universität.
Der Glaube an die freie Marktwirtschaft sei durch die Finanz- und Wirtschaftskrise erschüttert worden, sagte Yves Mersch, Mitglied des Rates der Europäischen Zentralbank, an der Freien Universität. Bildquelle: Sara Tormöhlen

Normalerweise gehört die „Vorlesungsreihe zur Wirtschaftspolitik“, zu der die Volkswirte des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität regelmäßig einladen, nicht zu den wichtigsten Terminen für Hauptstadtjournalisten. An diesem Apriltag ist das anders: Der renommierte luxemburgische Wirtschafts- und Finanzexperte Yves Mersch, Mitglied des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB), spricht über die Krise auf den Finanzmärkten in den letzten Jahren und ihre Konsequenzen für das Zusammenspiel zwischen Markt und Staat.

Die Reihen des Hörsaals im Henry-Ford-Bau an der Dahlemer Garystraße sind mit Journalisten von Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Fernsehanstalten und Online-Magazinen gut gefüllt. Alle erwarten von Yves Mersch zu hören, wie es weiter geht nach dem letzten Zinsschritt der Europäischen Zentralbank. Diese hat soeben die Zinsen für den Euro-Raum angehoben – das erste Mal seit Beginn der Krise. Ein Zeichen dafür, dass der Aufschwung die Eurozone weitgehend erfasst hat. Nun gilt es, die Gefahr der Inflation zu bannen – deswegen steigen die Zinsen.

„Glaube an die freie Marktwirtschaft ist erschüttert“

Aber Yves Mersch spricht heute nicht davon, wie die Krise durch den Aufschwung überwunden wird oder wie ihre Spuren in den Statistiken verblassen. Mersch spricht davon, was von der Krise bleibt. Das Verhältnis zwischen Markt und Staat habe sich verändert, sagt der Jurist, weil der Glaube an die freie Marktwirtschaft erschüttert worden sei. Und auch die Modelle der Volkswirtschaftslehre müssten nach der Krise hinterfragt werden, denn diese sähen allzu oft im freien Markt die alleinige Voraussetzung für gesellschaftliche Wohlfahrt.

Fehlende Regulierungsmechanismen führten zur Finanzkrise

Außerdem habe die Krise institutionelle Defizite offengelegt: Die Finanzmärkte seien zu wenig reguliert gewesen, zu wenige Krisenerkennungs- und bewältigungsmechanismen hätten bestanden. Nun aber, dank der neu geschaffenen Institutionen auf der Ebene der Europäischen Union, werde es besser. Aber so, wie der Aufschwung nun geldpolitisch gebremst werde, um eine Inflation zu vermeiden, warnt Mersch vor einer Überreaktion in Bezug auf den staatlichen Einfluss auf den Markt. Schließlich habe der Zusammenbruch des Ostblocks einen unwiderlegbaren empirischen Beleg dafür geliefert, dass „nur Staat“ wenig hilfreich sei. Das „neue“ Verhältnis zwischen Markt und Staat sei eine Balance im Sinne der sozialen Marktwirtschaft.

Der Euro – ein wirtschaftspolitisches Instrument

Merschs Einschätzung für die Gemeinschaftswährung Euro fällt positiv aus. Die neuen Regeln zur Stabilisierung der Währung seien ausreichend, um etwaiges Fehlverhalten einzelner Länder auf Kosten anderer Mitglieder zu unterbinden. Die Fragen aus dem mehrheitlich aus Ökonomiestudenten bestehenden Publikum  zielen vor allem auf Länder in Staatsschuldenkrisen. Die Probleme von Griechenland und Portugal seien lösbar und überdies gemeinschaftlich zu bewältigen, antwortet Mersch. Er erinnert daran, dass eine rein ökonomische Betrachtung des Euro der Währung nicht gerecht werde. Der Euro sei vielmehr ein politisches Resultat des Europäischen Einigungsprozesses und forme die Eurozone deshalb zu einer politischen Schicksalsunion.