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„Ein Mann des wahrhaft kritischen Denkens“

Der japanische Sozialphilosoph Ken'ichi Mishima ist mit der Ehrendoktorwürde der Freien Universität ausgezeichnet worden

21.02.2011

Professor Ken'ichi Mishima zwischen seinem Laudator, Professor Jürgen Habermas (links), und Professorin Irmela Hijiya-Kirschnereit
Professor Ken'ichi Mishima zwischen seinem Laudator, Professor Jürgen Habermas (links), und Professorin Irmela Hijiya-Kirschnereit Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Dekanin Professorin Verena Blechinger-Talcott überreichte die Ehrenurkunde
Dekanin Professorin Verena Blechinger-Talcott überreichte die Ehrenurkunde Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Der Hörsaal im Henry-Ford-Bau war voll und prominent besetzt, als der japanische Sozialphilosoph mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet wurde
Der Hörsaal im Henry-Ford-Bau war voll und prominent besetzt, als der japanische Sozialphilosoph mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet wurde Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Der japanische Professor für Sozialphilosophie und zeitgenössische Philosophie Ken'ichi Mishima lehrt an der Tokyo Keizai University. Bei einem Festakt im Henry-Ford-Bau der Freien Universität ehrten ihn namhafte Wissenschaftler anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde – die Laudatio hielt der Frankfurter Philosoph und Soziologe Professor Jürgen Habermas.

„Sozialphilosoph, Schriftgelehrter und Intellektueller. Fächer- und disziplinübergreifender Kommunikator, Ideengeber und Querdenker“ – dies alles vereine Kenichi Mishima in seiner Person, sagte Irmela Hijiya-Kirschnereit, Professorin für Japanologie an der Freien Universität.

Zwischen Wissenschaft und gesellschaftlichem Engagement

„Die intellektuelle Vielseitigkeit und hohe Qualität seines wissenschaftlichen Werkes beeindrucken“, betonte Professorin Verena Blechinger-Talcott, Dekanin des auszeichnenden Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften. Sie würdigte den japanischen Wissenschaftler, der sich nicht mit der theoretischen Auseinandersetzung innerhalb seines Faches begnüge, sondern in dem Bewusstsein handele, "ein Teil der Gesellschaft und des gesellschaftlichen Diskurses" zu sein.

Ein Gelehrter, der Brücken baut

Auch Professor Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität, ehrte den "kritischen Intellektuellen" für seine "Einmischung" und sein "Engagement" über die Fachgrenzen hinaus. Als "zeitgenössischer Philosoph" und „Vermittler zwischen Japan und Deutschland“ habe sich Kenichi Mishima nicht nur in seiner angestammten Disziplin einen Namen gemacht, sondern spiele für den gesamten geisteswissenschaftlichen Dialog zwischen Europa und Asien eine wichtige Rolle. Mishima sei „ein Gelehrter, der Brücken baut“, ein Mann, der mit seinem Mut zur Selbstbestimmung, seiner kritischen Rationalität und seiner autonomen Urteilskraft zu „einem der wichtigsten Gesprächspartner für die deutsche Japanforschung“ geworden sei.

Die Laudatio eines großen Wissenschaftlers auf einen zweiten

Zum ersten Mal war der 1942 geborene Sozialphilosoph und Literaturwissenschaftler Ken’ichi Mishima 1970 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Deutschland gekommen. Seitdem hält er engen Kontakt zu Land und Wissenschaft. Laudator Professor Jürgen Habermas kennt Mishima seit den frühen Achtziger Jahren persönlich. Der Tokioter Wissenschaftler hat das Werk des Frankfurter Sozialphilosophen ins Japanische übersetzt. An ihre erste Begegnung erinnert sich Habermas noch gut: „Während meiner ersten, sehr aufregenden fünf Wochen in Japan, dieser undurchdringlich fremden, damals noch sehr förmlichen kulturellen Umgebung, kam ich mit Kenichi Mishima ins Gespräch, und es durchzuckte mich der Gedanke: Der spricht ja besser Deutsch als wir.“

Eine wissenschaftliche Ausnahmeerscheinung

„Im interkulturellen Diskurs stellt Mishima eine Ausnahmeerscheinung dar“, sagte Habermas. Wie kein zweiter verstehe er es, sich in die Köpfe der Deutschen hineinzudenken, ohne dabei jemals seine Herkunft und den japanischen Blickwinkel auf die Dinge zu verlieren. So frage Mishima auch in der sozialphilosophischen Forschung stets nach der Rolle und dem Einfluss einer gewissen kulturellen Mentalität, beispielsweise in seinen Arbeiten zum „Konzept der Moderne“, zur „Kritischen Theorie“ oder der „Deutschen Ideengeschichte“.

Gefeiert würde Habermas zufolge nicht nur ein demokratischer Intellektueller, der über Parallelen und Unterschiede im Nachkriegsjapan und im Nachkriegsdeutschland unterrichte. Vor allem sollte Mishima an diesem Tag auch als Gelehrter der interdisziplinären und komparativen Kulturwissenschaften gewürdigt werden.

„Omohayui“ bedeutet „Verlegenheit vor Lob“

Mishimas Dankesrede war alles andere als „unbeholfen“ – auch wenn er ihr in japanisch-zurückhaltender Manier ebendiese Überschrift gab. In seinem „Thomas-Mann-Deutsch“, das schon Habermas in seiner Laudatio erwähnt hatte, dankte Mishima allen Anwesenden für ihre herzlichen Worte. Ein einziges japanisches Wort könne seine Gefühle fassen, während das Deutsche diese nur zu umschreiben vermöge: „Omohayui“ bedeutet so viel wie „Verlegenheit vor Lob, Ratlosigkeit angesichts vieler Zusprüche, ein ‚Sich-Genieren‘ vor der Ehre, der man sich nicht gewachsen fühlt“, sagte Mishima.

Doppelte Ehrung

„Mishimas Geselligkeit, seine Freude am intellektuellen Austausch und am spritzigen Dialog haben viele Wissenschaftler aus Deutschland und Europa beeinflusst“, sagte Professorin Irmela Hijiya-Kirschnereit. Die Auszeichnung ehre dabei nicht nur Ken’ichi Mishima, sondern schmücke auch die Freie Universität und mit ihr den Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften.