„Atlas eines ängstlichen Mannes“

Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr las am 15. Juli aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript

20.07.2010

Christoph Ransmayr vor seiner Lesung
Christoph Ransmayr vor seiner Lesung Bildquelle: Lea Brinkschulte
Christoph Ransmayr (rechts), Professor Oliver Lubrich (links)
Christoph Ransmayr (rechts), Professor Oliver Lubrich (links) Bildquelle: Lea Brinkschulte

Trotz strahlenden Sonnenscheins war der Hörsaal 1b der Freien Universität gut gefüllt, als Christoph Ransmayr mit seiner Lesung begann. Professor Oliver Lubrich, der Initiator des diesjährigen Peter-Szondi-Vortrags, begrüßte den aus Österreich angereisten Schriftsteller, dessen Werke um das Thema des Reisens kreisen – durch die „Schrecken des Eises und der Finsternis“, in die „letzte Welt“ mit Ovid ans Schwarze Meer oder zum „fliegenden Berg“ im Himalaya.

Das Reisen sei, deutete Lubrich an, für Christoph Ransmayr durchaus auch etwas Düsteres: „Verbannung, Verwandlung oder Verschwinden, Leidensweg, Alptraum oder Nahtoderfahrung.” Dann setzte sich Ransmayr an einen Tisch, anstatt ans Rednerpult zu treten, und zwar um „jeden Eindruck einer akademischen Haltung zu vermeiden“, wie er scherzhaft betonte.

Bevor er mit ruhiger und sonorer Stimme zu lesen begann, erklärte Ransmayr das Konzept seines Textes. „Der Atlas eines ängstlichen Mannes“, so lautet der Arbeits- und vorläufige Veröffentlichungstitel des Manuskriptes, ist ein Versuch, die Welt als das darzustellen, was sie ist: eine unbestimmte Anzahl verschiedener Eindrücke und möglicher Erzählungen – willkürlich aneinander gereiht – die an unterschiedlichen Orten spielen.

„Ich sah…“

Das fertige Buch soll später wie ein Atlas funktionieren: Man könne eine beliebige Seite aufschlagen, um in eine Erzählung einzutauchen, die jeweils von einer konkreten Beobachtung ausgeht. In jeder der Erzählungen beschreibt ein Ich- Erzähler verschiedenen Alters seine Eindrücke von Ereignissen, die sich irgendwo auf der Welt zugetragen haben, und zwar immer mit demselben wiederkehrenden Beginn: „Ich sah…“

So erfährt man die Geschichte eines US-amerikanischen Golfers, der am Nordpol 18 Bälle abschlagen will. Man wird Zeuge eines Stierkampfes im spanischen Sevilla. Und man bekommt die Bewegungen einer Walkuh aus der Sicht eines Meeresforschers geschildert.

„Gleichzeitig zwei verschiedene Welten“

Geradezu exemplarisch nutzt Ransmayr dabei das Leitmotiv des Reisens – wie auch schon in seinen vorangegangen Büchern, etwa in „Die letzte Welt“ von 1988 oder „Der fliegende Berg“ aus dem Jahr 2006. Verwunderlich ist es nicht, dass seine Literatur vom Reisen handelt. Ist Ransmayr doch selbst ein begeisterter Reisender, der bereits des öfteren mit Reinhold Messner unterwegs gewesen ist.

Im „Atlas eines ängstlichen Mannes“ verarbeitet Ransmayr seine persönlichen Reiseeindrücke, jedoch handelt es sich bei den Erzählungen nicht um profane Erlebnisschilderungen. Vielmehr bekommen seine Geschichten durch den wortgewaltigen Schreibstil, mit dem er von fernen Ländern und fremden Sitten berichtet, einen tieferen Sinn.

Durch den Klang und Rhythmus seines Vortrags macht Ransmayr seinen Text lebendig, lässt die Zuhörer an einem faszinierenden Hörerlebnis teilhaben und wechselt dabei poetisch zwischen Realität und Fantasie, zwischen Glück und Enttäuschung, zwischen Angst und Entdeckung.

Ein ängstlicher Mann?

Der „ängstliche Mann“ ist Ransmayr nach eigener Aussage selbst. Der sei ihm ähnlicher als der mutige Haudegen. Durch Angst werde alles in der Welt vollkommen, durch sie werde man erst in die Lage versetzt, die Welt zu entdecken. Die Angst sei ein ständiger Begleiter.

Weniger ernsthaft ging es auf dem sich der Lesung anschließenden Sommerfest des Peter-Szondi-Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft zu, das traditionell der Alumni-Verein des Instituts ausrichtet. Hier wurde neben Grill und Kicker bei einem Glas Wein über Neuerscheinungen und natürlich auch über Ransmayrs Lesung diskutiert.

Der 55-jährige Schriftsteller Christoph Ransmayr studierte von 1972 bis 1978 Philosophie und Ethnologie in Wien und arbeitete danach als Kulturredakteur und Autor für verschiedene Zeitschriften, beispielsweise für das österreichische „Extrablatt“ und das deutsche „Geo“-Magazin. Ransmayr hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, darunter den Franz-Kafka-Literaturpreis (1995) und den Bertolt-Brecht-Literaturpreis (2003). Außerdem erhielt er im vergangenen Jahr das goldene Verdienstzeichen des Landes Wien. Ransmayr lebte lange Zeit in Irland, kehrte aber 2006 nach Wien zurück.