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„Mit denen leben lernen, die wir nicht kennen“

Judith Butler, amerikanische Philosophin und eine der herausragenden Intellektuellen der Gegenwart, hielt die Hegel-Lecture am Dahlem Humanities Center der Freien Universität

04.02.2009

Die amerikanische Philosophin Judith Butler hielt im Audimax des Henry-Ford-Baus die diesjährige Hegel-Lecture, Titel ihres Vortrags "Frames of War"
Die amerikanische Philosophin Judith Butler hielt im Audimax des Henry-Ford-Baus die diesjährige Hegel-Lecture, Titel ihres Vortrags "Frames of War" Bildquelle: Stephan Töpper
Bild: Über 2000 Gäste kamen ins Max-Kade-Auditorium zu Judith Butler und in die umliegenden Hörsäle, in die die Veranstaltung übertragen wurde
Bild: Über 2000 Gäste kamen ins Max-Kade-Auditorium zu Judith Butler und in die umliegenden Hörsäle, in die die Veranstaltung übertragen wurde Bildquelle: Stephan Töpper
Judith Butler kam auf Einladung des Dahlem Humanities Center an die Freie Universität
Judith Butler kam auf Einladung des Dahlem Humanities Center an die Freie Universität Bildquelle: Stephan Töpper

Die Nachricht, dass die renommierte Philosophin und Postfeministin Judith Butler, Professorin für Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of California, Berkeley, die diesjährige Hegel-Lecture des Dahlem Humanities Center halten würde, hatte sich wie ein Lauffeuer in den Seminarräumen und Hörsälen der geisteswissenschaftlichen Fakultäten verbreitet. Der Titel ihres Vortrags: "Frames of War".

Tatsächlich gibt es wohl kaum Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften, die nicht die bahnbrechenden Schriften von Judith Butler kennen oder zumindest mit diesen in Berührung gekommen sind. Denn Butler beeinflusst mit ihrer postfeministischen Theorie, die im Geist des Dekonstruktivismus die Konzepte von Jacques Derrida und Michel Foucault weiterdenkt, die zeitgenössischen Philosophie-Diskurse bis in ihre  Verästelungen hinein. In den Jahren 1978/1979 studierte sie an der Universität Heidelberg bei Hans-Georg Gadamer Philosophie mit dem Schwerpunkt: Deutscher Idealismus. 1982 schloss sie ihr M.A.–Philosophie-Studium in Yale ab; 1984 folgte ihre Dissertation „Recovery and Invention: The Projects of Desire in Hegel, Kojève, Hyppolite and Sartre (1987 veröffentlicht unter dem Titel: „Subjects of Desire. Hegelian Reflections in Twentieth Century France“)."

Butler stellt die Frage nach dem Verhältnis von Subjekt, Körper und Macht

Berühmt wurde die Philosophin mit dem 1990 veröffentlichten Buch „Gender Trouble“ –  einer forschen Provokation, mit der sie die Geschlechterrollen zwischen Mann und Frau radikal in Frage stellte. „Frau und Mann“ seien keine biologisch zwingenden Begriffe, so Butler, sondern eine Kategorisierung zu Machtzwecken. Unter dem  bahnbrechenden Titel verlangte sie eine Neubestimmung der sozialen Kategorie „gender“ in ihrem Verhältnis zur vermeintlich determiniert gedachten Kategorie des biologischen Geschlechts. Mit dieser Auflösung der Geschlechtergrenzen trieb Judith Butler den von Michel Foucault in „Überwachen und Strafen“ dargestellten Zusammenhang von Sexualität und Macht auf die Spitze. Auch deshalb war ihr Berliner Vortrag mit Spannung erwartet worden: Mit welcher Grenzüberschreitung würde Butler diesmal aufwarten, da sie vor dem aktuellen Hintergrund des Militäreinsatzes im Gazastreifen, dem ungelösten Afghanistan-Konflikt und der ungeklärten Irak-Frage über Krieg und Kriegswahrnehmung sprechen wollte.

Hegel-Lecture „Frames of War“

Das Interesse war so groß und die Anmeldungen so zahlreich, dass der Vortrag ins Max-Kade-Auditorium des Henry-Ford-Baus verlegt und in mehrere angrenzende, ebenso gut gefüllte Hörsäle übertragen wurde. Eingeführt wurde die Hegel-Lecture von Professorin Ursula Lehmkuhl, Erste Vizepräsidentin der Freien Universität, und Professor Joachim Küpper, Sprecher des Dahlem Humanities Center und Organisator der Veranstaltung. Beide dankten Judith Butler für ihr Kommen und freuten sich über den großen Zuspruch, den die amerikanische Philosophin im Auditorium fand. Butler eröffnete ihre Hegel-Lecture, die ein Vorgeschmack war auf ihr Buch „Frames of War. When Is Life Grievable?“, das im April erscheinen wird, mit einer Einsicht, die längst nicht mehr überraschen sollte: Wir, die wir uns im Alltag fern von kriegerischen Konflikten in Sicherheit wissen, konstruieren unser Weltbild über und durch die Medien. Nichts mehr ist unvermittelt, wir nehmen alles durch das Prisma der Berichterstattung wahr.

Mit dem Rückgriff auf die Anerkennungsdialektik im „Herrschaft und Knechtschaft“-Kapitel aus Hegels „Phänomenologie des Geistes“ bezog sich Butler auf Hegels Philosophie. Leben sei, so Butler, immer ein perspektivischer Begriff und eine Konstruktion jener, die bemächtigt seien, zwischen „wertvollem“ und „weniger wertvollem“ Leben zu unterscheiden. Als Beispiel nannte sie die Schreckensbilder von Abu Ghraib, die, dadurch, dass sie im Internet kursierten, grenzüberschreitend wirkten und die gewöhnlichen „frames“ sprengten. Dadurch sei der Öffentlichkeit ein neues, ein erschütterndes Bild der gefolterten irakischen Gefangenen geliefert worden. Diese und andere "human animals" hätten vorher quasi nicht existiert, weil sie kein Bestandteil der öffentlichen  Wahrnehmung waren.

Auf der Grundlage der von ihr entwickelten „sozialen Ontologie“ – einer sozialen Seinsweise, die auf dem Wert des anderen Lebens als beklagenswertem beruht – will Butler das Bewusstsein schärfen für „das Andere“, mit dem wir – ob wir wollen oder nicht – immer in Beziehung stehen. In der politischen Realität minimalisierten die Privilegierten das eigene Leid, um das Leid „der Anderen“ zu steigern, dabei außer Acht lassend, dass die Armen im Kampf um das Überleben aufbegehren. Butler verknüpfte ihren Vortrag mit der Überlegung, wie sich die hierarchisierte Normierung menschlichen Lebens aufbrechen lasse bis hin zu einer Aufwertung oder Gleichstellung. So ließe sich in Anbetracht der Situation in Afghanistan oder Irak schlussfolgern, dass es eben nicht egal sei, wie wir auf die von uns mitverantworteten „prekären“ Zustände dieser Krisengebiete und Länder reagieren. Um das Risiko der Bedrohung – so das flammende Postulat Butlers – zu schmälern, „müssen wir lernen, mit denen zu leben, die wir nicht kennen, niemals kennen lernen können.“