Spielend Probleme lösen

Ob als Therapie, Einstellungstest oder Konfliktlösung: Angewandtes Theater gewinnt an Bedeutung

04.10.2013

Angewandtes Theater. Schon Hamlet – hier von Lars Eidinger gespielt in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne – wollte mithilfe einer Theateraufführung am dänischen Hof den Mörder seines Vaters überführen.
Angewandtes Theater. Schon Hamlet – hier von Lars Eidinger gespielt in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne – wollte mithilfe einer Theateraufführung am dänischen Hof den Mörder seines Vaters überführen. Bildquelle: Arno Declair
Auch heute ist Schauspiel Mittel zum Zweck: Akteure des Berliner Unternehmenstheaters Inszenio im Einsatz.
Auch heute ist Schauspiel Mittel zum Zweck: Akteure des Berliner Unternehmenstheaters Inszenio im Einsatz. Bildquelle: Fabian Lempa

Kunst und Funktion – das gilt als keine glückliche Verbindung. Noch heute hat die um 1800 populär gewordene Forderung nach ästhetischer Autonomie großen Einfluss auf Künstler und Publikum.

Dennoch haben in den letzten Jahrzehnten neue Theaterformen an Bedeutung gewonnen, denen das Streben nach zweckfreier Schönheit nicht ferner liegen könnte: Unternehmen testen mit Rollenspielen das Kommunikationsverhalten von Bewerbern, Trauma-Patienten verarbeiten beim Theaterspiel ihre Erlebnisse, Schüler entdecken in Drama-Workshops ihre Kreativität.

Diese und andere Formen des „angewandten Theaters“ untersucht das Projekt „The Aesthetics of Applied Theatre“ unter der Leitung des Theaterwissenschaftlers Professor Matthias Warstat von der Freien Universität Berlin.

Für sein Vorhaben hat Warstat einen hochdotierten Förderpreis erhalten: Der Europäische Forschungsrat finanziert das Projekt über eine Laufzeit von fünf Jahren mit knapp 2,3 Millionen Euro. „Das Feld des angewandten Theaters ist in der Theaterwissenschaft wenig erforscht, bislang haben sich eher Pädagogen oder Soziologen diesen Theaterformen gewidmet“, erläutert der Wissenschaftler.

Das Forschungsteam, zu dem derzeit vier Doktoranden und vier Postdocs gehören, untersucht in den nächsten Jahren die Aufführungssituationen und Darstellungsformen des angewandten Theaters in verschiedenen Ländern und vergleicht diese mit dem Kunsttheater.

Die Idee zu dem Projekt kam Matthias Warstat, während er an seiner Habilitation arbeitete. „Darin habe ich mich mit den Wirkungsversprechungen des Avantgarde-Theaters im 20. Jahrhundert beschäftigt, also Zielen wie Gemeinschaftsbildung, politische Aktivierung und Therapie. Mit dem Projekt haben wir nun die Möglichkeit, die heutige Zeit zu betrachten und Feldforschung zu betreiben.“

Die Forschung ist in vier Themenbereiche unterteilt: Theaterpädagogik, Theater in Konfliktgebieten, Theater als Therapie sowie Unternehmenstheater. Zum Beispiel widmet sich eine Arbeit im Bereich Theaterpädagogik verschiedenen Kulturinitiativen in Mexiko-Stadt, die sozial benachteiligten Jugendlichen neue Perspektiven aufzeigen sollen, um der alltäglichen Gewalt etwas entgegenzusetzen. Ein Thema im Teilprojekt „Theater in Konfliktgebieten“ ist der Einfluss des israelisch-palästinensischen Konfliktes auf das Theater in dieser Region.

Im Forschungsbereich Unternehmenstheater knüpft ein Doktorand Kontakte zu Firmen, die Theater im Rahmen von Assessment-Centern einsetzen. „Die Bewerber müssen dabei in Rollenspielen ihr Kommunikationsgeschick unter Beweis stellen“, sagt Warstat. Eine häufige Übung ist das Gespräch zwischen dem Chef und einem Mitarbeiter, dessen Leistungen zu wünschen übrig lassen. In der Regel übernimmt ein bestens vorbereiteter Schauspieler eine der beiden Rollen, der Bewerber muss sich dann spontan eine Strategie einfallen lassen, um seinen Standpunkt zu verteidigen – eine große Herausforderung.

„Die Funktionalisierung des Theaters ist in diesem Bereich besonders deutlich. Für uns Theaterwissenschaftler ist dabei die Selbstwahrnehmung der Anbieter von Unternehmenstheater von besonderem Interesse“, erläutert Warstat. Die Definition der Tätigkeit variiere stark: Manche der Schauspieler sähen sich als Dienstleister, andere als Künstler.

Während es für die Teilnehmer eines Assessment-Centers um einen Job geht, steht beim therapeutischen Theater ein höheres Gut auf dem Spiel: die psychische Gesundheit. „In der Trauma-Therapie lernen die Patienten durch das Theater, Distanz zu ihrer eigenen Erfahrung herzustellen. Sie spielen zum Beispiel Konfliktszenen aus griechischen Tragödien, die mit ihren eigenen traumatischen Erlebnissen in Verbindung stehen, aber doch nicht die eigenen sind“, sagt Warstat. Der geschützte Raum des Theaters helfe den Patienten, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.

Im Hintergrund der verschiedenen Forschungsprojekte steht immer auch die Frage, inwieweit die wachsende Bedeutung des angewandten Theaters mit der Bewältigung von gesellschaftlichen Problemen zu tun hat.

Zum einen sei es eine Frage der Finanzierung, sagt Warstat: „Wenn man ein bestimmtes Anliegen hat, ist es deutlich leichter, Geld vom Staat oder von anderen Organisationen zu bekommen. In Deutschland wird deshalb Theaterpädagogik immer wichtiger, in manchen afrikanischen Ländern ist angewandtes Theater, wie es zum Beispiel auch in der Aids-Prävention eingesetzt wird, die am meisten verbreitete subventionierte Theaterform.“

Zum anderen gebe es in der Theaterwissenschaft auch die These einer „Performativierung“ der Gesellschaft: „Sich öffentlich darstellen müssen, sich verkaufen müssen, sich neu erfinden müssen – das nimmt in allen Lebensbereichen zu. Und eben diese Handlungsweisen sind für das Theater charakteristisch.“

Angewandtes Theater entspricht demnach den Bedürfnissen der Zeit. Seiner wachsenden Bedeutung begegnen Matthias Warstat und seine Mitarbeiter dennoch mit einiger Skepsis: „Theater wird zum Instrument für eine nicht unproblematische gesellschaftliche Entwicklung, auch damit müssen wir uns auseinandersetzen."

Weitere Informationen

Professor Matthias Warstat, Freie Universität Berlin, Institut für Theaterwissenschaft, E-Mail: matthias.warstat@fu-berlin.de