Ein Amoklauf passiert niemals spontan

Die Psychologin Rebecca Bondü hat an der Freien Universität Gründe und Risikofaktoren für School-Shootings ausgewertet

02.04.2012

Gedenken an die Opfer des Amoklaufs von Erfurt.
Gedenken an die Opfer des Amoklaufs von Erfurt. Bildquelle: picture alliance

Es ist zehn Jahre her, dass der Schüler Robert Steinhäuser mit einer Waffe das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt betrat und bei einem Amoklauf 16 Menschen tötete, darunter zwölf Lehrer und zwei Schüler. Die Psychologin Rebecca Bondü hat sich an der Freien Universität Berlin im Rahmen des „Berliner Leaking-Projekts“ zu School-Shootings mit dem Amoklauf von Erfurt und vielen weiteren Schulmassakern befasst. Das Wort „Leaking“, zu Deutsch: durchsickern, geht auf die Theorie zurück, der zufolge ein Amoklauf sich über konkrete Anzeichen ankündigt, etwa durch eine ausgesprochene Drohung oder eine über das Internet verbreitete Gewaltphantasie des späteren Täters.

In ihrer Doktorarbeit hat die 32-jährige Psychologin staatsanwaltschaftliche Akten von Amokläufen in deutschen Schulen zwischen 1999 und 2006 ausgewertet, um ein profundes Bild von den Schützen zu bekommen und zu ergründen, ob zuvor Indizien existierten, die auf die Vorfälle hätten hinweisen können. „Tatsächlich ist zu beobachten, dass es immer Vorankündigen gab. Niemals war es so, dass die Tat spontan ausgeführt worden ist“, sagt Rebecca Bondü.

Obwohl sich die Fälle in ihrem Ablauf und in den Motiven unterscheiden, gab es bei allen Tätern – ob in Erfurt oder in Winnenden – klare Vorzeichen, die das soziale Umfeld hätte stutzig machen können. „Beispielweise fanden verbale Ankündigungen statt, es wurden Zeichnungen und Schriftstücke erstellt. Es gab Filme und Fotos, die verbreitet wurden, teilweise auch über das Internet.“ Diese Art, Vorzeichen zu senden, wird in der Fachsprache als „direktes Leaking“ bezeichnet. „Indirektes Leaking“ finde etwa dann statt, wenn ein Schüler ein besonderes Interesse für sogenannte School-Shootings entwickelt, für Waffen und für Fälle aus der Vergangenheit. „Leaking kann viele Formen annehmen und sich über Jahre erstrecken. Es ist wichtig, dass Lehrer und andere Vertrauenspersonen diese Anzeichen registrieren.“

Trotzdem weist Rebecca Bondü darauf hin, dass es keine eindeutigen Kriterien gibt, um einen potenziellen Amokläufer zu identifizieren. Sie warnt davor, gerade jetzt, wenn sich der Vorfall von Erfurt zum zehnten Mal jährt, pauschale Urteile zu fällen. Vor allem sei es falsch, anzunehmen, dass immer nur ein Motiv einen Menschen zu einem Amoklauf verleiten würde. Meistens seien mehrere Faktoren ursächlich; das müsse man auch bei der Präventionsarbeit berücksichtigen. Das Verbot von aggressiven Computerspielen oder die Verschärfung des Waffengesetzes – all dies seien zwar wichtige Ansatzpunkte, um die subjektive Sicherheit zu erhöhen, seien für sich genommen jedoch zu wenig. Die Ursache für Amokläufe bleibe unberührt.

Doch was ist die Ursache? Eine erste Erklärung drängt sich auf, wenn man die School-Shootings aus Deutschland mit jenen aus den USA vergleicht, wo zwei Drittel aller weltweit bezifferten Vorfälle auftreten. Das hat die Psychologin in ihrer Doktorarbeit getan und dabei festgestellt, dass die vergangenen Schul-Attentate in den USA meistens gegen Mitschüler gerichtet waren. Mobbing unter Schülern könnte also einer der Gründe sein, warum Amokläufer in Amerika vor allem Schüler als ihre Opfer wählen. In Deutschland hingegen waren in erster Linie Lehrer das Ziel der Schützen.

Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass viele der deutschen Täter ehemalige Schüler waren, die an ihre alte Schule zurückkehrten, um den Amoklauf zu vollziehen – mit anschließendem Suizid. Vieles spricht also dafür, dass in den Vereinigten Staaten vor allem Konflikte zwischen den Schülern eine Rolle spielen, während sich die Täter in Deutschland oftmals für ein Ungerechtigkeitsgefühl rächen wollen, für das sie die Lehrer verantwortlich machen. Auch Robert Steinhäuser fühlte sich während seiner Schulzeit ungerecht behandelt, wie die Ermittlungen nach der Tat ergaben. „Es geht hierbei um eine subjektiv empfundene Ungerechtigkeit“, sagt Rebecca Bondü, „sie muss nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmen.“

Die Spezifika bei den Vorfällen zeigen, wo die Defizite in Deutschland liegen: in der Pädagogik. Dies ist wenig verwunderlich, da fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu Risikofaktoren von Amokläufen bislang rar sind und somit noch gar keinen Eingang in die Ausbildung von Lehrern oder Schulpsychologen gefunden haben.

Schablonen, die Schlüsse darauf ermöglichen, wer zum Amokläufer wird, gibt es prinzipiell nicht. Daher ist es wichtig, die individuelle Entwicklung der Schüler genau zu beobachten. Die Arbeit des Berliner Leaking-Projekts hat dazu beigetragen, das Präventionsprogramm „Networks Against School-Shootings“ zu entwickeln, das von Professor Herbert Scheithauer an der Freien Universität betreut wird. Es soll Lehrern dabei helfen, auffällige Verhaltensweisen und Veränderungen bei Schülern frühzeitig zu erkennen und mit Konfliktfällen richtig umzugehen.

Weitere Informationen

Dipl.-Psych. Rebecca Bondü, Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie der Freien Universität Berlin, E-Mail: rbondue@zedat.fu-berlin.de