Drei geisteswissenschaftliche Forschungsprojekte der Freien Universität erhalten EU-Förderung

Nur 18 von 605 Anträgen erfolgreich / Ergebnisse sollen breiter Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden

Nr. 282/2016 vom 22.08.2016

Gleich drei Forschungsprojekte der Freien Universität erhalten im Rahmen des Förderprogramms „Humanities in the European Research Area“ (HERA) finanzielle Unterstützung: Im Projekt „After Empire: Using and Not Using the Past in the Crisis of the Carolingian World, c.900‒c.1050“ untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Rückbezug auf die Traditionen des Karolinger-Reiches im Europa des 10. Jahrhunderts. Bei „Deploying the Dead: Artefacts and human bodies in socio-cultural transformations“ geht es um Zusammenhänge, in denen die Überreste von Toten für gesellschaftliche, kulturelle und politische Zwecke vereinnahmt werden. Und unter dem Titel „Accessing Campscapes: Inclusive Strategies for Using European Conflicted Heritage“ befassen sich Forscherinnen und Forscher mit der Transformation von ehemaligen nationalsozialistischen und stalinistischen Zwangs- und Vernichtungslagern zu umstrittenen oder vergessenen Erinnerungsorten. HERA ist ein europäisches Förderprogramm, das anteilig von den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union finanziert wird. Europaweit haben in diesem Jahr nur 18 von 605 eingereichten Anträgen eine Förderung erhalten. Bei den Projekten handelt es sich um Verbundprojekte, in denen mindestens vier europäische Partner zusammenarbeiten. Die drei Verbundvorhaben werden mit jeweils bis zu 1,2 Millionen Euro gefördert.

Die geförderten Projekte im Einzelnen:

After Empire: Using and not using the past in the crisis of the Carolingian world, c.900‒c.1050
(Nach dem Imperium: Gebrauch und Nichtgebrauch der Vergangenheit in der Krise der karolingischen Welt, ca. 900‒ca.1050)

Projektkoordination: Prof. Dr. Stefan Esders von der Freien Universität

In dem auf drei Jahre angelegten Projekt “After Empire: Using and not using the past in the crisis of the Carolingian world, c.900‒c.1050”, dessen Leitung am Arbeitsbereich Geschichte der Spätantike und des Frühen Mittelalters der Freien universität Berlin angesiedelt ist, untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Freien Universität Berlin, der Universitäten Barcelona, Exeter und St. Andrews sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die Geschichte Europas im 10. und früheren 11. Jahrhundert, indem der Rückbezug auf die Traditionen des Karolinger-Reiches in der rechtlichen, liturgischen und historiographischen Überlieferung herausgearbeitet wird. Ausgangsüberlegung ist dabei, dass in Zeiten nachlassender Staatlichkeit und Sicherheit dem autoritäts- und legitimitätsstiftenden Rückgriff auf die Vergangenheit eine gesteigerte Bedeutung zukommt. Ziel ist es, das 10. Jahrhundert nicht als Kapitel in bereits vorbestimmten nationalen Narrativen („Die Anfänge Deutschlands und Frankreichs“) zu betrachten, sondern als ein Beispiel dafür, wie Menschen in einer Übergangszeit mit Krisen und raschen Veränderungen in der politischen Ordnung umgingen und dabei in der gemeinsamen karolingischen Vergangenheit eine höchst bedeutsame Legitimitätsressource aktivierten und ausbeuteten. Im Rahmen des Projekts werden Aufsätze und Monografien zu verschiedenen Aspekten des 10. und früheren 11. Jahrhunderts entstehen; erarbeitet wird zudem eine öffentlich zugängliche Online-Plattform, die Bilder sowie Übersetzungen wichtiger Texte als Lehrmaterialien zur Verfügung stellt. Zur Verwirklichung dieser Ziele werden die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Schulen, Museen und Handschriftenarchiven in Deutschland, Österreich, Spanien und Großbritannien zusammenarbeiten. Zudem wird eine öffentliche Ausstellung in Katalonien konzipiert und durchgeführt, die am Beispiel einer einzelnen Region die untersuchten Phänomene exemplarisch vor Augen führen wird.

Deploying the Dead: Artefacts and human bodies in socio-cultural transformations (DEEPDEAD)
(Der Toten gedenken: Artefakte und menschliche Körper in Prozessen sozio-kultureller Transformation)

Partner an der Freien Universität: Prof. Dr. Andrew James Johnston

Das auf drei Jahre angelegte Projekt „Deploying the Dead: Artefacts and human bodies in socio-cultural transformations“ (DEEPDEAD) untersucht Zusammenhänge, in denen die Überreste von Toten für gesellschaftliche, kulturelle und politische Zwecke vereinnahmt werden. Unter Leitung der Wissenschaftler der University of Exeter, gehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) in Österreich, der Freien Universität Berlin, der Czech University of Life Sciences, das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie      und des Naturhistorischen Museums Wien der Frage nach, auf welche Weise und warum Tote und die mit ihnen assoziierten Artefakte zu Objekten der Faszination sowie Gegenstand öffentlicher Kontroversen und Identitätsaushandlungenwerden. In interdisziplinärer Kooperation zwischen Literaturwissenschaftlern und Archäologen werden in dem Projekt historische und prähistorische Begegnungen mit menschlichen Überresten und den mit diesen in Zusammenhang stehenden Artefakten in England und Mitteleuropa beleuchtet werden. Ziel ist es deren kulturelle und gesellschaftliche Wirkmacht sichtbar zu machen und Erkenntnisse für aktuelle Formen des politischen und kulturellen Umgangs mit sterblichen Überresten zu gewinnen.

Die Untersuchungsergebnisse werden auf vielfältige Weise einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden: in wissenschaftlichen Publikationen und öffentlichen Ausstellungen (in Exeter, Wien und auf der Projekt-Website), in einer öffentlichen Ringvorlesung (im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Offener Hörsaal“ an der Freien Universität Berlin), in öffentlichen Konferenzen (unter anderem im Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle) und durch den Einsatz sozialer Medien. Die Untersuchungsergebnisse sollen sowohl für den Denkmalschutz als auch in der politischen Diskussion neuer Funde und Ausgrabungen hilfreich sein und dazu beitragen, mit den möglichen öffentlichen Reaktionen umzugehen, die Funde historischer menschlicher Überreste nach sich ziehen können. Darüber hinaus sollen die Ergebnisse einen sinnvollen und sensiblen Umgang mit der Suche nach und Exhumierung von menschlichen Überresten fördern.

Accessing Campscapes: Inclusive Strategies for Using European Conflicted Heritage
(Lagerlandschaften zugänglich machen: Inklusive Strategien für eine angemessene Nutzung umstrittener europäischer Gedächtnisorte)

Partner an der Freien Universität: Dr. Cord Pagenstecher und Prof. Dr. Nicolas Apostolopoulos

Im Projekt „Accessing Campscapes: Inclusive Strategies for Using European Conflicted Heritage“ wird die Transformation von ehemaligen nationalsozialistischen und stalinistischen Zwangs- und Vernichtungslagern zu umstrittenen oder vergessenen Erinnerungsorten analysiert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Universitäten aus sechs Ländern unter Leitung der Universität von Amsterdam erforschen die kulturelle Dynamik von ‚Lagerlandschaften‘ wie Westerbork (Niederlande), Jasenovac (Koratien) oder Jáchymov (Tschechische Republik). Sie untersuchen die Darstellung der umstrittenen Vergangenheit in Gedenkstätten, Ausstellungen und Zeitzeugen-Interviews. Zudem fragen sie nach den Erkenntnismöglichkeiten zeitgenössischer Archäologie und den Vermittlungschancen digitaler Medien an überformten Erinnerungsorten fast ohne sichtbare Relikte der früheren Lagerkomplexe. Die Freie Universität Berlin beteiligt sich durch das Center für Digitale System (CeDiS), das die Rolle von Audio- und Video-Interviews bei der Bewahrung, Interpretation und Repräsentation dieser Lager-Standorte untersucht. Dazu wird ein Katalog von einschlägigen Interviews erarbeitet. In Fallstudien erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Nutzung von Interviews in Ausstellungen, Webseiten, Bildungsmaterialien und Gedenkveranstaltungen. Darauf basierend werden Empfehlungen für ihre angemessene Verwendung erarbeitet und ein Prototyp einer Online-Anwendung mit Überlebenden-Interviews entwickelt.

Weitere Informationen

  • Projekt „After Empire“: Prof. Dr. Stefan Esders, Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838 56823, E-Mail: esdersst@zedat.fu-berlin.de
  • Projekt „Deploying the Dead“: Prof. Dr. Andrew James Johnston, Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-723 53, E-Mail: ajjohnst@zedat.fu-berlin.de
  • Projekt „Accessing Campscapes“: Prof. Dr. Nicolas Apostolopoulos, Center für Digitale Systeme der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-520 50, E-Mail: nicolas.apostolopoulos@cedis.fu-berlin.de und Dr. Cord Pagenstecher, Center für Digitale Systeme der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-53673, E-Mail: cord.pagenstecher@cedis.fu-berlin.de