Forschungsstelle „Entartete Kunst“ startet neue Untersuchungen zur Verstrickung von Kunsthändlern der NS-Zeit in Unrecht

Wissenschaftler ziehen positive Bilanz zehnjähriger Recherche /  Schicksalswege von rund 10.000 verfemten Kunstwerken rekonstruiert

Nr. 245/2013 vom 29.08.2013

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin haben die Schicksalswege von 10.000 Plastiken, Gemälden und Graphiken rekonstruiert, die während der NS-Zeit von einer Kommission des Propagandaministeriums in Museen als „entartet“ beschlagnahmt worden waren. Damit seien die Spuren von etwa der Hälfte der rund 21.000 damals betroffenen Werke nachvollziehbar, sagte Dr. h. c. Andreas Hüneke, Kunsthistoriker der Freien Universität Berlin, aus Anlass des zehnjährigen Bestehens der Forschungsstelle in der Hauptstadt. Die Projektkoordinatorin der Forschungsstelle, Dr. Meike Hoffmann, erklärte, von den Objekten seien nach derzeitigem Stand etwa 4.000 erhalten und nicht vernichtet worden. Bei diesen Kunstwerken, die sich in öffentlichen oder privaten Sammlungen befänden, handele es sich überwiegend um Gemälde und Skulpturen.

Die Wissenschaftler präsentierten die Erweiterung der Datenbank, in der kostenfrei über den Verbleib der Werke nun auch in englischer Sprache recherchiert werden kann. Zu den damals geächteten Künstlern zählen Emil Nolde, Marc Chagall, Otto Müller und Wilhelm Lehmbruck. Viele der Werke sind inzwischen wieder im Bestand von Museen, einige auch dort, wo sie von den Nationalsozialisten entfernt wurden. Ein Schwerpunkt der künftigen Arbeit ist es, zu untersuchen, wie die Händler „Entarteter Kunst“ und die damaligen Behörden in die Aktionen gegen die verfemten Kunstwerke verstrickt waren.

Der Vorstand der Ferdinand-Möller-Stiftung und Initiator der Forschungsstelle „Entartete Kunst“, Wolfgang Wittrock, betonte: "Die Verfemung der Kunst als 'entartet' zeigt, dass man ständig bemüht sein sollte, für Toleranz und Verständnis gegenüber moderner Kunst einzutreten. Die Aktion der NS-Zeit reicht bis in die Neuzeit, Ressentiments gegen zeitgenössische Kunst gibt es bis heute. Bis in die Gegenwart wachen Kulturpolitiker erst auf, wenn Millionenbeträge für früher stigmatisierte Werke bei Auktionen im Spiel sind. Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung durch die Forschungsstelle werden Politik und Öffentlichkeit für ‚entartete Kunst‘ sensibilisiert; es ist vielfach gelungen, ehemals öffentliche Kunstgegenstände der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen."

Zu den Händlern „Entarteter Kunst“ gehörten Hildebrand und Wolfgang Gurlitt. Im „Dritten Reich“ waren beide Cousins – die nach den Nürnberger Rassengesetzen als „Vierteljuden“ galten – über die Abwicklung der „Entarteten Kunst“ hinaus tief in Geschäfte mit sogenannter Raubkunst verstrickt. Die kompliziert miteinander verknüpften Netzwerke des Kunsthandels im Nationalsozialismus sollen in diesem Spannungsfeld zwischen Täter- und Opferrolle beleuchtet werden. Der Forschungsstelle sind dafür umfangreiche Aktenbestände aus Privatbesitz zur Verfügung gestellt worden, die bisher vollkommen unbekannt waren.

Die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ wurde im Frühjahr 2003 auf Initiative der Ferdinand-Möller-Stiftung am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin eingerichtet. Im Mittelpunkt der Forschungen stehen die Methoden der Kunst- und Kulturpolitik im „Dritten Reich“, insbesondere die Geschichte der Beschlagnahme moderner Kunstwerke in deutschen Museen durch die Nationalsozialisten im Jahr 1937. Unter der Leitung von Klaus Krüger ermittelt das Expertenduo Meike Hoffmann und Andreas Hüneke „Auf den Spuren der verloren Moderne“ das damalige Geschehen und veranstaltet in der kommenden Woche, am 5. und 6. September, unter diesem Titel ein Symposium zur Feier des 10-jährigen Bestehens der Institution.

Das Hauptprojekt der Forschungsstelle ist die Anlage einer Datenbank, in der alle im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmten Werke erfasst werden. Seit April 2010 werden die recherchierten Daten nach und nach im Internet publiziert. Bisher gelang es den Mitarbeitern rund die Hälfte der mehr als 21.000 ehemals eingezogenen Werke zu identifizieren und ihre Schicksalswege zu rekonstruieren. Die Online-Version des Beschlagnahme-Inventars steht jedem Nutzer gebührenfrei zur Verfügung. Gerade im Hinblick auf die politisch geforderte Aufklärung aller im „Dritten Reich“ unter Zwang herbeigeführten Besitzerwechsel von Kunstgütern stellt die Datenbank ein unerlässliches Hilfsmittel für Provenienzforscher und Museumsmitarbeiter dar.

Die Arbeit an der Forschungsstelle ist eng verbunden mit der universitären Lehre. Angeboten werden Seminare zu wechselnden Themen aus dem Kreis der Forschungen. Seit Sommer 2011 wird an der Freien Universität Berlin von der Forschungsstelle in Kooperation mit der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung der Staatlichen Museen zu Berlin und dem internationalen Arbeitskreis der Provenienzforscher der weltweit erste akademische Studiengang zur Provenienzforschung angeboten. Neben der Vermittlung historischer Kontexte liegt der Schwerpunkt auf einer praktischen Anleitung zur Auswertung von Archivmaterial. Zahlreiche Absolventen der Forschungsstelle konnten bereits erfolgreich in Stellen zum Berufseinstieg vermittelt werden.

Zur Feier ihres 10-jährigen Bestehens präsentiert die Forschungsstelle drei neue Publikationen: Als erweiterten Service bietet sie von nun an auch eine englische Fassung der Online-Datenbank des Beschlagnahmeinventars an, die von internationalen Fachkreisen dringend erwartet wurde. Ebenso war seit Langem vom interessierten Publikum eine in den Themenbereich einführende Broschüre erwünscht, die pünktlich zum Symposium in einer neuen Gestaltung der Berliner Agentur Stan Hema vorliegen wird und bei der Forschungsstelle bezogen werden kann. Überdies wird in der Schriftenreihe der Berliner Forschungsstelle der Band „Entartete Baukunst“? Zum Umgang mit den neuen Bauen 1933 – 1945 von Anke Blümm im Wilhelm–Fink-Verlag erscheinen. Der Band kann vorab auf dem Symposium bezogen werden, bevor er im Oktober in den Buchhandel kommt.

Die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin trägt mit ihrer systematischen Erforschung der nationalsozialistischen Kunst- und Kulturpolitik zur Vergegenwärtigung deutscher Vergangenheit im „Dritten Reich“ bei. Sie garantiert mit ihrer Nachwuchsförderung Kontinuität und Zukunft der Aufarbeitung. Die Forschungsstelle ist an der Universität als ein langfristiges Drittmittelprojekt angelegt und wird im Wesentlichen von der Ferdinand-Möller-Stiftung (Berlin) finanziert. Die Gerda Henkel Stiftung (Düsseldorf) fördert seit 2005 ausgewählte Projekte. Weitere Unterstützung ermöglichten und ermöglichen die International Music and Art Foundation (Vaduz), die Hermann-Reemtsma-Stiftung (Hamburg) und die Kulturstiftung der Länder (Berlin).

Für weitere Informationen und Interview-Wünsche

  • Dr. Meike Hoffmann, Dr. h.c. Andreas Hüneke, Forschungsstelle „Entartete Kunst“, Kunsthistorisches Institut, Freie Universität Berlin, Koserstraße 20, 14195 Berlin, Telefon: 030 / 838-545 23, E-Mail: fsek@zedat.fu-berlin.de
  • Tobias Teumer,Geschäftsführer der Ferdinand-Möller-Stiftung, Telefon: 03025464340, E-Mail: tobias.teumer@artiscausa.de

Im Internet

http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/khi/forschung/entartete_kunst

Adressen der Datenbank im Internet