Studie: Bürger der EU-Staaten sind auch in Wirtschaftskrise solidarischer als angenommen

Soziologen der Freien Universität Berlin und der Universität Hamburg werten Umfrage aus vier Ländern aus

Nr. 087/2013 vom 22.04.2013

Die Solidarität zwischen den Bürgern in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ist nach einer Studie von Wissenschaftlern der Freien Universität und der Universität Hamburg ungeachtet der Wirtschaftskrise deutlich höher als öffentlich wahrgenommen. Wie die Untersuchung der Soziologie-Professoren Jürgen Gerhards von der Freien Universität und Holger Lengfeld von der Universität Hamburg weiter ergab, ist die Bereitschaft in den wirtschaftlich stabilen Staaten groß, den Krisenländern auch dann zu helfen, wenn es zu eigenen finanziellen Einbußen führt. Grund dafür sei, dass Werte wie Chancengleichheit und das Gelingen sozialer Integration über Ländergrenzen hinweg unumstritten seien, fanden die Wissenschaftler heraus. Für die Studie „Wir, ein europäisches Volk?“ hatten sie im Jahr 2009 Umfragen mit insgesamt mehr als 4000 Bürgern in den drei EU-Staaten Spanien, Polen und Deutschland sowie im Beitrittskandidaten Türkei geführt.

Die Wissenschaftler fanden unter anderem heraus, dass die befragten Bürger kaum noch einen Unterschied zwischen den eigenen Staatsbürgern und EU-Ausländern machen. So werde die Freizügigkeit auf dem europäischen Arbeitsmarkt in den EU-Staaten von nahezu drei Vierteln (knapp 74 Prozent) gutgeheißen. Eine ähnlich hohe Akzeptanz (knapp 73 Prozent) finde die Vorstellung, dass EU-Ausländer Zugang zu den Sozialleistungen eines anderen Mitgliedslandes der EU haben sollen. Etwas geringer ausgefallen sei in den EU-Staaten die Zustimmung zur politischen Gleichheit – Indikatoren waren dafür die Akzeptanz des aktiven Wahlrechts (Zustimmung in den drei EU-Staaten etwa 66 Prozent) und des passiven Wahlrechts (Zustimmung in den drei EU-Staaten bei 57 Prozent). Anders sehe es allerdings beim Beitrittskandidaten Türkei aus. Die türkischen Befragten lehnen die Idee der europäisierten Gleichheit überwiegend ab. Anders als die EU-Bürger blieben die Türken damit mehrheitlich einem nationalen Konzept von Gleichheit verhaftet.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Jürgen Gerhards, Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin, Professur für Makrosoziologie, Telefon: 030 / 838-57653, E-Mail: j.gerhards@fu-berlin.de

Literatur

Gerhards, Jürgen & Holger Lengfeld. 2013. Wir, ein europäisches Volk? Sozialintegration Europas und die Idee der Gleichheit aller europäischen Bürger. Wiesbaden: Springer VS.