Ausbildungskapazität in der Informatik

Erklärung des Präsidenten der Freien Universität Berlin

Nr. 48/2000 vom 09.03.2000

Seit der öffentlichen Ankündigung des "Greencard-Programms" des Bundeskanzlers auf der CeBIT ist das Problem fehlender Computer-Spezialisten für die Wirtschaft – seit der neuesten Prognose des IBM-Chefs Staudt sind es nun schon 150.000 bis Ende 2002 – Gegenstand intensiver Debatte. Eine Problemlösung nur durch Expertenimport dürfte auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen und kann nicht die Notwendigkeit ersetzen, auch im Inland verstärkte Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Hierzu ist festzustellen:

  1. Trotz erheblicher Haushaltsengpässe infolge wachsender Pensionslasten, weiter zu finanzierender Personalüberhänge, unabwendbarer Maßnahmen von Bauerhaltung und -ausstattung sowie steigender Einnahmedefizite bei Immatrikulationsgebühren hat das Präsidium der Freien Universität folgende Maßnahmen zur Steigerung des Ausbildungsangebots in der Informatik beschlossen:

    - Stellen im wissenschaftlichen Mittelbau der Informatik werden auf Kosten anderer Studiengänge – vor allem der Naturwissenschaften – zu 100% besetzt.
    - Die freie Professur Technische Informatik wird umgehend besetzt.
    - Lehrkapazität in geeigneten Nachbarfächern, die wegen zu geringer Nachfrage nicht voll genutzt ist, wird zur Ausbildung von Studierenden der Informatik eingesetzt.
    - Der hohe Schwund von Studierenden der Informatik (etwa ein Drittel schon nach dem ersten Semester!) muß verhindert werden - wer seine mangelnde Eignung für die Informatik erst nach Studienbeginn entdeckt, blockiert Lehrkapazität, die für andere genutzt werden könnte. Daher wird die Möglichkeit geprüft, dies durch geeignete Maßnahmen (Eignungsprüfungen oder Einführungsveranstaltungen vor Studienbeginn) zu verhindern.
    - Die Entwicklung eines BA-Studiengangs wird beschleunigt vorangetrieben.
    - Das Präsidium weist darauf hin, dass auch eine Verbesserung der technischen Ausstattung der Informatik erforderlich wäre, jedoch ohne Anhebung der seit Jahren abgesenkten investiven Zuschüsse nicht zu realisieren sein wird.

  2. Die Berliner Universitäten dürfen angesichts des ohnehin massiven Abbaus von Studienplätzen nicht gezwungen werden, die Ausbildung in ebenfalls stark nachgefragten (z.B. Wirtschaftswissenschaft), aber auch in weniger unmittelbar mit der Wirtschaft verknüpften Disziplinen noch weiter zu reduzieren. Es gibt auch andere Ziele der Universitätsausbildung als die unmittelbare Verwertbarkeit von Absolventen in der Wirtschaft und auch die Absolventen anderer Studiengänge finden ihren "Markt": Die Arbeitslosigkeit der Universitäts-Absolventen ist mit durchschnittlich nur 2% deutlich geringer als in nicht-akademischen Berufsgruppen.
  3. Das Präsidium erwartet auch ein deutliches Engagement des Landes Berlin und unterstützt insoweit im Grundsatz die Forderung der Berliner Informatik-Dekane nach einem "Sonderprogramm Informatik", das allerdings nicht durch Kürzung der Hochschulfinanzierung an anderer Stelle realisiert werden darf. Das Bundesland Bayern finanziert durch ein zusätzliches Übergangsprogramm die durch Umwidmung von Professuren zur Informatik entstehenden Kosten der Universität, während in Berlin der Landesanteil des Bund-Länder-Programms für Multimedia-Entwicklung von den Universitäten selbst getragen werden muss.
  4. Die Zulassungsbeschränkungen an den Fachhochschulen sind eine der Ursachen der überlaufenden Studiennachfrage an den bisher nicht zulassungsbeschränkenden Universitäten. Das Land Berlin könnte die Zulassungsbeschränkungen an den Fachhochschulen deutlich lockern, indem es die Mittel aus dem HSP-III-Nachfolgeprogramm, die für den Ausbau der Fachhochschulen reserviert sind, nur oder vorwiegend für die Steigerung der Ausbildungskapazität in der Informatik einsetzt.
  5. Das Präsidium erwartet auch ein deutliches Engagement der Wirtschaft. Da der Staat den Universitäten keine zusätzlichen Finanzmittel gewährt und auch Studiengebühren nicht zulässt, muss sich auch die "boomende" Informatikbranche im Interesse ihrer eigenen Ertragslage engagieren. Das Präsidium der Freien Universität ist jederzeit bereit, auch größere Förderbeträge von Informatikunternehmen entgegenzunehmen, damit mehr Ausbildungskapazität (Mittelbaustellen oder befristete Professuren) geschaffen, die technische Ausstattung ergänzt und ggf. zusätzliche Kurse veranstaltet werden können. Auf diese Weise ließen sich auch kurze Zusatzstudiengänge mit Intensivschulung für Studierende z.B. der Geistes- und Sozialwissenschaften anbieten und dringend erforderliche Weiterbildungsveranstaltungen finanzieren.
  6. Für die Universitätsausbildung sind in erster Linie die Länder zuständig. Da der Bundeskanzler aber augenscheinlich an einer möglichst schnellen Lösung des Fehlens von Computerspezialisten interessiert ist, könnte er doch eine Befreiung der Informatik-Studierenden von der Wehrpflicht herbeiführen – in anderen Ländern waren solche Maßnahmen im Interesse der Zukunftsfähigkeit des Landes durchaus üblich. Studierende der Informatik würden dann erheblich früher mit ihrer Ausbildung fertig, statt Zeit zu verlieren, ein nützliches Interesse brachliegen zu lassen und womöglich berufsfremde Talente zu pflegen.

Prof. Dr. Peter Gaehtgens, Präsident der Freien Universität Berlin

Weitere Informationen

In Abwesenheit des Präsidenten (11. – 27. März) der Erste Vizepräsident der FU, Prof. Dr. Dieter Lenzen (Tel. 030/838-73110) und Vizepräsident Prof. Dr. Gerhard Braun (Tel. 030/838-73140). Prof. Braun ist im FU-Präsidium u.a. für den Fachbereich Mathematik und Informatik zuständig.