Ekkehart Krippendorff verläßt die Freie Universität

Abschiedsvorlesungen am John-F.-Kennedy-Institut und Otto-Suhr-Institut

Nr. 137/1999 vom 24.06.1999

Ekkehart Krippendorff verläßt mit 65 Jahren die Freie Universität. Seit 1978 ist er Professor für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien und am Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität. In Forschung und Lehre beschäftigte er sich mit amerikanischer Außenpolitik, Kriegsgeschichte, Theorie der Internationalen Beziehungen und Politischer Philosophie.

Er gehörte zu den "Gründungsvätern" der Friedensforschung in Deutschland. Im letzten Jahrzehnt dehnte er seine Lehr- und Forschungstätigkeit auf die politischen Dimensionen der Ästhetik aus und schrieb Bücher z.B. über Goethe und Shakespeare. Krippendorf spricht in seinem

Abschiedsvortrag
im John-F.-Kennedy-Institut, Raum 340, Lansstr. 5-9, Berlin-Dahlem,am Montag, dem 5. Juli 1999, 18.00 Uhr c.t.,über "Jefferson und Goethe".

In seiner Abschiedsvorlesung mit dem Titel

"Unzufrieden. 40 Jahre Politische Wissenschaft"im Otto-Suhr-Institut, Hörsaal A, Ihnestr. 21, Berlin-Dahlem,am Donnerstag, dem 8. Juli 1999, 18.00 Uhr c.t.,

wird Prof. Krippendorff eine persönliche Bilanz ziehen.

Der Name Krippendorff ist untrennbar mit der Geschichte der Freien Universität verbunden. Die Auseinandersetzungen zwischen dem jungen Assistenten an der Freien Universität im Jahr 1965 und dem Rektor der Freien Universität, Prof. Herbert Lüers, um die Grenzen und die Wahrung der Meinungsfreiheit an der Freien Universität markieren den Wendepunkt im Verhältnis der Studierenden zur Professorenschaft. Bis zur sogenannten "Krippendorff-Affäre" war die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden noch weitgehend von den Erfahrungen und dem Geist der Universitätsgründer geprägt und durch keinen grundsätzlichen Dissens gestört.

Krippendorff hatte sich für die Einladung des Publizisten Erich Kuby zu einem öffentlichen Vortrag an der Freien Universität eingesetzt, den Rektor Lüers mit der Begründung verbot, Kuby habe die Freie Universität beleidigt. Bereits 1958 hatte Kuby die umstrittene These vertreten, daß die Selbstbezeichnung 'Freie Universität‘ "ein äußerstes Maß an Unfreiheit zum Ausdruck bringt". Nur die politisch aufgeheizte Situation Ende der 40er Jahre in Berlin habe die Tatsache verdrängt, "daß in dem Wort 'Freie Universität' eine innere antithetische Bindung an die andere, an die unfreie Universität jenseits des Brandenburger Tores fixiert ist, eine Bindung, die [...] mit den wissenschaftlichen und pädagogischen Aufgaben einer Universität schlechthin unvereinbar" sei. Nachdem Krippendorff öffentlich Kritik am Redeverbot geäußert hatte und er in diesem Zusammenhang Rektor Lüers auch unterstellte, eine Rede des Philosophen Karl Jaspers zum Tag der deutschen Kapitulation hintertrieben zu haben, lief das Faß über: Krippendorff entging nur knapp einem Disziplinarverfahren und der von Lüers geforderten fristlosen Kündigung, weil sich viele Studierende und Professoren mit ihm solidarisierten. Der "Fall Krippendorff" führte an der Freien Universität zu Studierendenprotesten und erstmals auch Rücktrittsforderungen an einen Rektor. Die Affäre löste in der überregionalen Presse eine Grundsatzdiskussion über die Meinungsfreiheit in Deutschland aus.

Krippendorff verließ Deutschland 1968 und ging über die USA nach Italien, wo er bis 1978 in Urbino und Bologna lehrte.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Ulrich Albrecht, Otto-Suhr-Institut, Tel.: (030) 838-2360