An der Freien Universität werden Absolventen wieder feierlich verabschiedet

"Besser als formlos im Büro"

Nr. 54/1999 vom 07.04.1999

"Auf gewöhnlichem Briefpapier wird das Zeugnis mit dem Bürodrucker ausgedruckt, und abholen kann man es sich dann in irgendeinem Büro", schildern Studenten ihren formlosen Abgang von der Universität. Und das, obwohl man hier über Jahre zu Hause war, gelernt, gelebt und vor allem sehr viel dafür gearbeitet hat. Doch immer mehr Fachbereiche machen vor, daß es auch anders geht: Sie veranstalten für ihre Absolventen akademische Abschlußfeiern.

"Zum ersten Mal seit 25 Jahren bekommen wir wieder ein Zeugnis verliehen, jemand gratuliert uns zu den Leistungen der vergangenen Jahre, und wir haben einen richtigen Abschluß", schreibt Susanne Wesner über ihre Abschlußfeier im Wintersemester 1993/94 in der Zeitschrift der Ehemaligen aus den Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität, die in der Organisation "econet" zusammengeschlossen sind. Sie waren die ersten, die an der Freien Universität eine akademische Abschlußfeier ins Leben gerufen haben, die seitdem jährlich mit bis zu 400 Teilnehmern stattfindet. Ansonsten sind die akademischen Festlichkeiten an der Freien Universität dünn gesät. Von den 12 Fachbereichen begeht etwa ein Viertel die Verabschiedung der Examenskandidaten mit einer Feier. Wurden also die akademischen Abschlußfeiern 1968 als traditioneller Bestandteil der muffigen Ordinarienherrlichkeit hinweggefegt?

"Die Freie Universität war schon immer eine progressive Hochschule", sagt der Universitätsarchivar Dr. Armin Spiller, "Abschlußfeiern sind ein Trend, der erst jetzt auflebt." Und auch Dr. Siegward Lönnendonker, der das Archiv "APO und soziale Bewegungen" leitet, will nicht von einer Tradition von Examensfeiern an der Freien Universität sprechen. Im Gegensatz zu Diplom- und Examensfeiern haben aber Promotionsfeiern vor allem in den Naturwissenschaften Tradition, hier laufen sie meist im privaten Rahmen der Institute ab. Lediglich bei den Medizinern wird seit jeher eine zentrale Doktorfeier veranstaltet. Stanislaw Kubicki, der erste Student der Freien Universität, erinnert sich an die feierliche Verleihung seiner Promotionsurkunde: "Wir haben uns zu einer Feier versammelt und gemeinsam den Eid des Hippokrates geschworen."

Mittlerweile überreicht man jedoch nicht nur in den Wirtschaftswissenschaften und bei den Politologen, sondern auch in der Soziologie, der Publizistik und im Fachbereich Mathematik und Informatik feierlich die Abschlußzeugnisse. Die Hörsäle werden geschmückt, Eltern und Freunde sind dabei, oft werden illustre Ehemalige als Festredner eingeladen. Man schätzt, daß ungefähr 80% der Absolventen eines Jahrgangs an den Feiern teilnehmen. Dem amerikanischen Beispiel einer "Graduation" entspricht dabei am meisten die Feier in Mathematik und Informatik: Diplomanden, frischgebackene Magister, Staatsexamenskandidaten, Doktoranden und Habilitanden treffen sich am Ende des Semesters gemeinsam, um ihre Abschlüsse entgegenzunehmen. Und Blumen, Sekt und Kekse spendieren die Professoren noch dazu. Auf jeden Fall herrscht gute Stimmung bei den Feiern, viele Studierende sind bereits berufstätig und freuen sich deshalb um so mehr, an der Uni die altgewohnte Umgebung und die alten Freunde wiederzusehen.

Doch in den übrigen Fachbereichen ist der Abschied "sang- und klanglos", wie der Biologe Prof. Horst Kreß findet, und er kann gut verstehen, daß sich die Studierenden über den "anonymen Abgang" beklagen. "Durch eine Abschlußfeier könnte man ein Identitätsgefühl erzeugen", meint er. Ähnliche Kritik gibt es auch in der Physik und in der Chemie. "Für die gesellige Note stehen uns allerdings keine Mittel zur Verfügung", sagt der Dekan der Physik, Prof. Helmut Gabriel.

Doch herrscht auf den Feiern auch schon vor dem Umtrunk gute Stimmung: Bei der feierlichen Verleihung der Zeugnisse im OSI gibt Dekan Prof. Axel Zerdick nämlich die Anweisung: "Bitte kommen Sie von rechts - nur von rechts - anschließend quittieren Sie hier ebenfalls auf der rechten Seite." Die Bürokratie scheint unvermeidbar – doch die Absolventen reagieren darauf mit Gelächter.