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„Fachlicher Unterricht nicht mehr möglich“

Der Grundschulpädagoge Hauke Straehler-Pohl erhält an diesem Mittwoch für seine Dissertation über Mathematikunterricht in Problembezirken einen Tiburtius-Preis

16.12.2015

Hauke Straehler-Pohl hat Mathematikunterricht an Hauptschulen untersucht.
Hauke Straehler-Pohl hat Mathematikunterricht an Hauptschulen untersucht. Bildquelle: flickr / Friedemann W.-W. / CC-BY-NC flic.kr/p/4yfKsS
Hauke Straehler-Pohl wird mit einem Tiburtius-Preis ausgezeichnet.
Hauke Straehler-Pohl wird mit einem Tiburtius-Preis ausgezeichnet. Bildquelle: Manuel Krane

Hauke Straehler-Pohl wollte selbst einmal Lehrer werden, deshalb hat er an der Freien Universität im Bachelor Grundschullehramt und Mathematik studiert. Während seines Masterstudiengangs war er als studentische Hilfskraft beschäftigt. Damals begann er, den Mathematikunterricht an Hauptschulen in Problembezirken zu beobachten. Er erhob erste Daten, wollte nach dem Master aber erst einmal sein Referendariat absolvieren. Schnell wurde ihm jedoch klar, dass er seine Zukunft in der Forschung sah. Anstelle des Referendariats nahm er an der Freien Universität eine Dissertation in Angriff. Für seine Arbeit wird er an diesem Mittwoch mit einem Tiburtius-Preis der Berliner Hochschulen ausgezeichnet.

Hauke Straehler-Pohl wollte herausfinden, warum Schüler aus sozial schwachen Familien im Mathematikunterricht schlechtere Chancen haben als Kinder aus bessergestellten Familien. Dazu wollte Straehler-Pohl den Unterricht in einer siebten Klasse einer Berliner Hauptschule filmen, vom ersten Tag nach den Sommerferien an. „Wir haben damals erwartet, dass sich schnell ein Leistungsgefüge in der Klasse konstituieren würde“, sagt Straehler-Pohl.

„Fachliche Leistung komplett abwesend“

Der Unterricht verlief jedoch völlig anders als erwartet. Denn was Straehler-Pohl nicht bedacht hatte: Das Beobachten des Entstehens von Leistungsunterschieden setzt voraus, dass die Schüler überhaupt nach fachlicher Leistung streben. Die Schüler schienen aber wenig daran interessiert, die Ihnen gestellten Aufgaben zu lösen. Von da an ging es dem Doktoranden darum herauszufinden, warum an manchen Schulen Fachunterricht offenbar so schwer zu realisieren ist. Seine Beobachtung: Alle Beteiligten – Schüler und Lehrer – entwickelten gemeinsam eine Kultur der eingeschränkten Erwartungen. So bekamen die Schüler oft Arbeitsbögen, die den Stoff der Vorjahre abfragten, sie aber nicht herausforderten, Neues zu lernen. Damit seien die Schüler unterfordert gewesen und ihnen sei die Möglichkeit genommen worden, die Erwartungen der Lehrer zu übertreffen, erläutert Straehler-Pohl. Die Schüler wiederum verarbeiteten ihre Resignation mit einer Mischung aus Leistungsverweigerung und Widerstand – und bestätigten so die niedrigen Erwartungen.

Problem innerhalb des Systems

„Die Lehrkräfte an Hauptschulen in Problembezirken erwarten oft gar nicht, dass mehr als zwei bis drei Schüler pro Klasse am Ende den Abschluss schaffen“, sagt Straehler-Pohl. Die Schüler wiederum rechneten damit, dass sie sowieso keinen Ausbildungsplatz bekommen. So entstehe eine Dynamik, die schwer zu durchbrechen sei. Straehler-Pohl sieht das Problem nicht bei den Lehrern, sondern innerhalb des Systems Schule: Es sei in den Hauptschulen Konsens, dass man sich fachlich nahezu auf Grundschulniveau bewege, nach außen traue sich jedoch kaum ein Lehrer, dies offen auszusprechen.

„Wenn aber tatsächlich kein fachlicher Unterricht möglich ist und es nur auf Erziehung hinausläuft, dann gäbe es bessere Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen als Schulunterricht – beispielsweise soziale Arbeit“, sagt Straehler-Pohl. Seiner Ansicht nach müsse man über Unterricht in bestimmten sozialen Kontexten ganz neu nachdenken: „Wir müssen mehr Bewusstsein dafür schaffen, was an Schulen geschieht. Ein offenerer Umgang mit dem Scheitern wäre hilfreich.“

Straehler-Pohl regt an, das deutsche Bildungssystem in einem größeren Zusammenhang zu betrachten: „Innerhalb eines kapitalistischen Systems ist es ein idealistischer Anspruch, dass alle Schüler gleiche Bildungschancen erhalten“, sagt er. Manchmal frage er sich, ob es in dem System überhaupt eine reale Möglichkeit gebe, diesen Anspruch einzulösen, denn eine Hierarchisierung sei „Teil des Systems“. Aktuell forscht Straehler-Pohl dazu, wie sich Wandel an Schulen vollzieht – die Ergebnisse werden in seine Habilitation einfließen.

Tiburtius-Preis große Ehre

Dass seine Dissertation mit dem Tiburtius-Preis ausgezeichnet wird, freut ihn ganz besonders: „Das bedeutet mir sehr viel, weil ich mich in meiner Arbeit weniger mit der Frage befasst habe, wie Inhalte fachlich aufgearbeitet werden können, als mit der Frage der politischen Rahmenbedingungen. Das unterscheidet sich stark von dem, was sich viele unter konventioneller wissenschaftlicher Forschung vorstellen.“


Alle Preisträger der Freien Universität

Fünf der sechs Tiburtius-Preise der Berliner Hochschulen für herausragende Dissertationen sind in diesem Jahr an Wissenschaftler und eine Wissenschaftlerin der Freien Universität gegangen:

  • Dr. Jana de Wiljes, Fachbereich Mathematik und Informatik: Data-driven discrete spatio-temporal models: problems, methods and an arctic sea ice application – Betreuer: Prof. Dr.-Ing. Rupert Klein
  • Dr. Hauke Straehler-Pohl, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Arbeitsbereich Grundschulpädagogik: Mathematikunterricht im Kontext eingeschränkter Erwartungen – Beiträge zu einer soziologischen Theorie des Unterrichts – Betreuer: Prof. Dr. Uwe Gellert
  • Dr. Falko Pientka, Fachbereich Physik: Signatures of Majorana bound states in one-dimensional topological superconductors – Betreuer: Prof. Felix von Oppen Ph.D.
  • Dr. Johannes Schöneberg, Fachbereich Mathematik und Informatik: Reaction-Diffusion Dynamics in Biological Systems – Betreuer: Prof. Dr. Frank Noé
  • Dr. Christoph von Tycowicz, Fachbereich Mathematik und Informatik: Concepts and Algorithms for the Deformation, Analysis, and Compression of Digital Shapes – Betreuer: Prof. Dr. Konrad Polthier

Weitere Informationen

Der Tiburtius-Preis, benannt nach Professor Joachim Tiburtius, der von 1951 bis 1963 das Amt des Senators für Volksbildung in Berlin innehatte, wird jährlich von den Rektoren und Präsidenten der Berliner Hochschulen für herausragende Abschluss- und Promotionsarbeiten verliehen. In diesem Jahr werden jeweils drei Masterarbeiten und drei Dissertationen ausgezeichnet; drei Dissertationen erhalten Anerkennungspreise.