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„Lies zehntausend Bücher und wandere zehntausend Meilen“

Lin Cheng, Promovend für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität, engagiert sich für das kulturelle Verständnis zwischen Deutschen und Chinesen

23.07.2014

Lin Cheng kam vor drei Jahren nach Berlin – nicht zuletzt wegen der literarischen Spuren in der Stadt.
Lin Cheng kam vor drei Jahren nach Berlin – nicht zuletzt wegen der literarischen Spuren in der Stadt. Bildquelle: Annika Middeldorf
Mit Freunden hat Lin Cheng das „Schlachtensee-Kolloquium“ ins Leben gerufen. Hier tauschen sich chinesische Studierende über ihre wissenschaftliche Arbeit und den Alltag in Berlin aus.
Mit Freunden hat Lin Cheng das „Schlachtensee-Kolloquium“ ins Leben gerufen. Hier tauschen sich chinesische Studierende über ihre wissenschaftliche Arbeit und den Alltag in Berlin aus. Bildquelle: Zhaofei Ouyang

Auf die Frage nach seinem Alter zögert Lin Cheng kurz. „In Deutschland bin ich 28 Jahre alt. In China aber schon 29.“ Wie das kommt, ist schnell erklärt: In China zählt man die Lebensjahre statt der Geburtstage, so wie es in Deutschland üblich ist. Die unterschiedliche Zählung des Alters ist nur eines von vielen Beispielen für die kulturellen Unterschiede zwischen China und Deutschland. Um Missverständnissen und Klischees vorzubeugen, engagiert sich der Promovend für Neuere deutsche Literatur als „kultureller Vermittler“: Chinesischen Studierenden möchte er die deutsche Kultur und Literatur näherbringen und mit Europäern die kulturellen Traditionen seines Heimatlandes teilen.

„Ich freue mich immer, wenn sich Deutsche für die chinesische Kultur interessieren“, sagt Lin Cheng, der vor knapp drei Jahren nach Berlin kam. Beim Karneval der Kulturen ist er schon als Drachentanzspieler mitgelaufen. Gemeinsam mit Freunden und mit Unterstützung des Chinesischen Kulturzentrums in Berlin und der Abteilung für Bildungswesen der chinesischen Botschaft organisierte Lin Cheng auch Feierlichkeiten zum chinesischen Frühlingsfest. „Für uns Chinesen ist das Frühlingfest so wichtig wie Weihnachten für die Deutschen. Es ist auch unser Neujahrsfest“, sagt Lin Cheng.

Schlachtensee-Kolloquium für chinesische Studierende

Ebenfalls mit chinesischen Freunden hat Lin Cheng das „Schlachtensee-Kolloquium“ ins Leben gerufen. Bei dem Kolloquium, benannt nach dem See, in dessen Nähe die Freunde damals lebten, treffen sich regelmäßig chinesische Studierende, um sich über ihre wissenschaftliche Arbeit und ihren Berliner Alltag auszutauschen. Mittlerweile findet das Kolloquium im Arbeitsgruppenraum der Philologischen Bibliothek der Freien Universität statt.

Etwa 15 bis 30 Teilnehmer sind es bei jedem Treffen. Fleißig seien seine chinesischen Kollegen, sagt Lin Cheng, „aber manche Chinesen sind ziemlich schüchtern“. Für einige sei es deshalb eine Herausforderung, hier Kontakte zu knüpfen. Lin Cheng versucht, sie zu ermutigen und teilt seine positiven Erfahrungen: „Die Deutschen sind hilfsbereit. Gerade meine Professoren unterstützen mich, wo immer sie können. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Lin Cheng.

Seine Heimatstadt Weifang liegt im Osten Chinas in der Provinz Shandong, fast 8000 Kilometer entfernt von Berlin. Die deutsche Sprache hat Lin Cheng bereits in seinen Bachelor- und Masterstudium der Germanistik und deutschen Literatur an Universitäten in Qingdao und Peking gelernt. Für zwei Auslandssemester in Tübingen kam Lin Cheng vor vier Jahren das erste Mal nach Deutschland. „Ich hatte immer vor, irgendwann nach Berlin zu kommen“, sagt Lin Cheng.

Faible für Phantastische Geschichten

Seine Dissertation an der Freien Universität schreibt er über das Thema „Das Unheimliche der Puppe in der deutschen Literatur um 1800 und 1900“. Bei seiner Themenwahl gibt es auch eine Verbindung zur chinesischen Literatur, wie Lin Cheng erzählt: „In China gibt es viele phantastische Geschichten mit puppenähnlichen Figuren. In meiner Arbeit möchte ich nun untersuchen, welche Funktion die phantastische Figur der Puppe in der deutschen Literatur hat und was das eigentlich ‚Unheimliche‘ an ihr ist.“

Ein chinesisches Sprichwort heißt: „Lies zehntausend Bücher und wandere zehntausend Meilen.“ Dass sich Wissen nicht vom Bücherlesen allein bildet, sondern auch auf praktische Erfahrungen gründet, findet auch Lin Cheng: In Berlin ist es dem Literaturwissenschaftler eine besondere Freude, sich auf die Spuren großer deutscher Autoren zu machen.

Zu seinen Lieblingsorten gehören das Kleist-Grab am kleinen Wannsee und eine Bank Unter den Linden, die in Verbindung zu E. T. A. Hoffmanns Buch „Das öde Haus“ steht. „Berlin ist eine Stadt voller literarischer Spuren“, schwärmt Lin Cheng. Derzeit plant er literarische Spaziergänge durch Berlin, um diese Orte und ihre Geschichte mit seinen chinesischen Freunden zu teilen.