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Neue Rechte, neue Belastungen für Chiles Frauen

Verónica Schild hält am 6.11. um 18 Uhr ihre Antrittsvorlesung / erste Inhaberin der „Dahlem International Network Professorship for Gender Studies“

05.11.2013

Die chilenisch-kanadische Politikwissenschaftsprofessorin von der University of Western Ontario besetzt in diesem Semester die an der Freien Universität neu eingerichtete „Dahlem International Network Professorship for Gender Studies“.
Die chilenisch-kanadische Politikwissenschaftsprofessorin von der University of Western Ontario besetzt in diesem Semester die an der Freien Universität neu eingerichtete „Dahlem International Network Professorship for Gender Studies“. Bildquelle: Bianca Schröder

Gesetzlich gleichgestellt, beruflich erfolgreich: In Chile haben Frauen seit dem Ende der Herrschaft von General Augusto Pinochet im Jahr 1990 große Siege errungen. Doch nicht alle gehören zu den Gewinnern der demokratischen Reformen, die mit einer radikalen Umstrukturierung der Wirtschaft und verstärktem internationalen Wettbewerb zusammenfielen. Welche Ideale umgesetzt, wessen Ideen ignoriert werden, das sind Themen, zu denen Verónica Schild forscht. Die chilenisch-kanadische Politikwissenschaftsprofessorin von der University of Western Ontario besetzt in diesem Semester die neu eingerichtete „Dahlem International Network Professorship for Gender Studies“. Am 6. November um 18 Uhr spricht sie in ihrer Antrittsvorlesung über Erfolge und Fehlschläge feministischer Bestrebungen in Lateinamerika.

Frauen sollen frei entscheiden, wie sie leben wollen – das ist eine Überzeugung, für die Verónica Schild sich einsetzt. Seit 30 Jahren untersucht die Politikwissenschaftlerin, wie feministische Ideen und Ziele zur Umstrukturierung des chilenischen Staates begetragen haben. In ihren Analysen des Verhältnisses von Staat und Gesellschaft widmet sie sich vor allem Frauen aus den unteren Gesellschaftsschichten. „Die sogenannte ‚neoliberale Moderne’ hat den Frauen viele Freiheiten gebracht, aber für die Mehrheit hat sie auch zu neuen Belastungen geführt", sagt Schild. "Die Frage, die wir heute stellen müssen, ist: Bedeutet Emanzipation nur, dass Frauen Zugang zu bezahlter Arbeit haben?“.

In ihrer Antrittsvorlesung mit dem Titel „Rethinking Gender and Emancipation Beyond Neoliberal Regulation“ setzt sie sich mit dieser Frage auseinander und argumentiert, dass die Folgen der Neuverteilung der Geschlechterrollen Frauen härter getroffen haben – in Lateinamerika wie auch in Europa.

Auch persönliche Motive

Die Entwicklung der Geschlechterrollen in der chilenischen Gesellschaft hat die 59-jährige Verónica Schild detailliert untersucht. Am Anfang ihrer Forscherkarriere standen aber auch persönliche Motive. Ihr Vater, ein deutsch-chilenischer Geschäftsmann, und ihr aus Spanien stammender Großvater mütterlicherseits hielten nichts von höherer Bildung für Mädchen. Schilds Studium und ihr anschließender Werdegang waren daher auch ein Akt der Rebellion.

Die gebürtige Chilenin besuchte bis zu ihrem 12. Lebensjahr die deutsche Schule in Santiago de Chile. Obwohl sie dann auf eine andere Schule wechselte und im Alter von 16 Jahren mit ihrer Mutter in die USA zog, erhielt sie ihre Deutschkenntnisse aufrecht.

Mentorin Dorothy Smith, eine Mitbegründerin der feministischen Standpunkttheorie

Nach einem Philosophiestudium an der George Mason University in der Nähe von Washington ging Schild nach Toronto, um dort einen Master in Kritischer Theorie und später eine Promotion in Politikwissenschaft zu absolvieren. Dort traf sie ihre Mentorin: Dorothy Smith, eine Mitbegründerin der feministischen Standpunkttheorie. Diese Theorie kritisiert die Idee, dass Forscher eine abstrakte universale Perspektive einnehmen sollen. Tatsächlich seien die vermeintlich objektiven Weltanschauungen historisch von männlichen Normen und Maßstäben geprägt. „Smith forderte, dass wir auf sämtlichen Gebieten, die die besonderen Erfahrungen von Frauen vernachlässigt haben, wissenschaftliche Erkenntnisse hervorbringen müssen. Es war ein feministischer Beitrag anzuerkennen, dass der Standpunkt von Frauen wichtig ist, und dass wir unsere Forschung von diesem Standpunkt aus beginnen sollten“, erläutert die Wissenschaftlerin. Smiths Einsichten inspirieren sie bis heute.

1971 verließ Schild Chile, 1986 kehrte sie zurück

Verónica Schild verließ Chile 1971, kurz nach Salvador Allendes Wahl zum Präsidenten. Sie hatte gerade begonnen, sich politisch zu engagieren. Als Doktorandin kehrte sie 1986 in das Land zurück und untersuchte, ob nach 13 Jahren Militärdiktatur unter den chilenischen Frauen der unteren Gesellschaftsschichten noch etwas von dem Bestreben nach mehr Rechten und Chancen übrig geblieben war.

Was sie vorfand, weckte bei ihr großen Respekt: „Es gab viele Nichtregierungsorganisationen, Suppenküchen zum Beispiel, die von Frauen betrieben wurden und die politisch sehr wichtig waren. Sie machten mit kleinen Aktionen auf ihre Probleme aufmerksam, liefen etwa mit leeren Einkaufstaschen über den Wochenmarkt und riefen, dass sie kein Essen hätten, um ihre Kinder zu ernähren.“

Große soziale Ungleichheit

Den Zielen der Feministinnen aus den oberen Gesellschaftsschichten standen diese Frauen skeptisch gegenüber. Aus gutem Grund, wie sich nach dem Übergang zur Demokratie nach 1990 zeigte. „Während viele junge Frauen Stellen bei öffentlichen Einrichtungen fanden und einige sogar Ministerinnen und Führungskräfte wurden, hatten die Frauen aus den kleinen Nichtregierungsorganisationen, die ich interviewt hatte, keinen Zugang zu besseren Jobs“, erläutert Schild. Für die Mehrheit habe sich der Glaube an Emanzipation durch Berufstätigkeit als Trugschluss erwiesen: „In einem Kontext, in dem Jobs unsicher und schlecht bezahlt sind und Gesundheit, Bildung und Rentenansprüche Waren sind, die man auf dem freien Markt erwirbt, sind die feministischen Siege von Widersprüchen geprägt.“ In Chile wie auch in anderen lateinamerikanischen Ländern sei die soziale Ungleichheit heute besonders stark ausgeprägt.

Wahre Globalisierung der Hochschullandschaft

In den vergangenen 20 Jahren haben einige Frauenbewegungen großen Einfluss auf das Handeln des Staates ausgeübt, besonders auf dem Gebiet der Sozialpolitik. Tatsächlich hätten sie den Staat und das Verhältnis von Staat und Gesellschaft neu definiert, sagt Schild. Wie sich die Unterschiede in Ländern wie Chile, Argentinien und Brasilien manifestieren, ist das Thema eines Seminars, das sie im Rahmen ihrer Gastprofessur am Lateinamerika-Institut der Freien Universität gibt. Dabei stellt sie auch theoretische Überlegungen dazu an, was es bedeutet, die geschlechterspezifische Natur von Reformprozessen in Bezug auf die unteren Gesellschaftsschichten zu betrachten.

Das Lateinamerika-Institut der Freien Universität und das interdisziplinäre Forschungsnetzwerk desiguALdades.net, das sich mit sozialen Ungleichheiten in Lateinamerika befasst, seien eine hervorragende Umgebung für ihre Forschung, sagt Verónica Schild. „Hier wird nicht nur über Lateinamerika geforscht, sondern man sieht Lateinamerika als eine Region, in der Wissen hervorgebracht wird, und pflegt enge Kontakte mit den Wissenschaftlern dort.“ Diese Art von Austausch sei die wahre Globalisierung der Hochschullandschaft, betont die Inhaberin der „Dahlem International Network Professorship“: „Es geht nicht darum, dass alle Englisch lernen, sondern darum, dass diejenigen, die in den verschiedenen Regionen der Welt Wissen hervorbringen, voneinander lernen.“

Weitere Informationen

Antrittsvorlesung von Professorin Verónica Schild

„Dahlem International Network Professorship for Gender Studies“

Als internationale Gastprofessorin für Geschlechterforschung hält Professorin Verónica Schild ihre Antrittsvorlesung an der Freien Universität Berlin. Sie lehrt und forscht an der University of Western Ontario. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts „desiguALdades.net“ wird sie sich am Lateinamerikainstitut (LAI) mit Themen der sozialen Ungleichheit in Lateinamerika beschäftigen.

Zeit und Ort

  • 6. November 2013, 18 bis 20 Uhr
  • Henry-Ford-Bau, Hörsaal A (Theatersaal)