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Forscher im Urwald und Labor

Nach 32 Jahren als Professor an der Freien Universität gibt Carsten Niemitz, Leiter der Forschungsgruppe Humanbiologie und Anthropologie, seine „Last Lecture“.

07.07.2010

Vielfältig: Carsten Niemitz beschäftigt sich mit der Wissenschaft von den Halbaffen, Affen, Menschenaffen und Menschen
Die Koboldmakis gehören zu den „Lieblingsaffen“ von Carsten Niemitz. Es sind kleine nachtaktive Baumbewohner, die eine Körpergröße von bis zu 16 cm und eine Schwanzlänge von bis zu 28 cm erreichen können. Bildquelle: Marina Kosmalla
Ein erwachsenes Weibchen des Westlichen Flachlandgorillas im seichten Wasser eines Wasserlaufs des Nouablé-Ndoki Nationalparks in Kamerun
Ein erwachsenes Weibchen des Westlichen Flachlandgorillas im seichten Wasser eines Wasserlaufs des Nouablé-Ndoki Nationalparks in Kamerun Bildquelle: Thomas Breuer

„Erkenne dich selbst! Vom Bemühen um das Wissen über uns selbst“ ist der Titel der Vorlesung, in der Niemitz einen Rückblick auf seine Lehre und Forschung geben wird. Die Veranstaltung findet am Freitag, 9. Juli 2010 um 10.15 Uhr im großen Hörsaal des Instituts für Pflanzenphysiologie in der Königin-Luise-Str. 12–16 statt.

Angst vor Langeweile im Ruhestand hat Carsten Niemitz nicht: „Ich habe zwei Bücher in der Pipeline. Eins über Biodiversität – auch biologische Vielfalt genannt; sie beinhaltet die Vielfalt der biologischen Arten und die genetische Vielfalt innerhalb der Arten sowie die Vielfalt der Ökosysteme – und eins über die Verhaltensentwicklung von Gorillas von der Geburt bis zum Erwachsenwerden. Das sind Bücher, die ich mir, meiner Arbeitsgruppe, den Studierenden und den Probanden – den Gorillas – versprochen habe.“ Außerdem will er sich für Naturschutz engagieren.

„Am meisten Spaß hat mir immer die Vielfalt gemacht“, sagt der Humanbiologe und Anthropologe. So liest sich auch sein Lebenslauf sehr bewegt und abwechslungsreich: Er studierte Biologie, Mathematik, Medizin, Soziologie und Kunstgeschichte, ist Hochschullehrer, Schriftsteller, Radio- und Filmautor und absolvierte  Forschungsreisen von Borneo über das Amazonasbecken und die Virunga-Vulkane im Grenzgebiet zwischen Ruanda, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo bis hin zum Nordpol.

Nach seinem Abschluss als Diplombiologe 1970 verbrachte Niemitz drei Jahre im Urwald von Sarawak auf Borneo, um seine Dissertation vorzubereiten: „Eigentlich wollte ich das Sozialverhalten von nachtaktiven Affen untersuchen. Doch weil das nicht klappte, habe ich verzweifelt das ganze Datenmaterial gesammelt, was es über sie gab. Das war hinterher so umfänglich, dass es bis heute gereicht hat.“ In insgesamt 50 Publikationen wurden im Lauf der Zeit die Ergebnisse dieser ersten Feldforschung veröffentlicht. Die vorerst letzte ist gerade zum Druck angenommen worden.

Zeitgleich Professor und Student

Infiziert mit dem Virus der Primatologie, der Wissenschaft von den Halbaffen, Affen, Menschenaffen und Menschen, schrieb sich Niemitz nach seinem Studienabschluss in Biologie für ein Medizinstudium ein, um unter anderem Humanphysiologie und -anatomie zu studieren. Mit den Grundlagen der menschlichen Anatomie musste er ganz von vorn anfangen.

Nachdem Niemitz im Fach Biologie 1974 promovierte, erhielt er eine Stelle am Anatomischen Institut der Universität Göttingen. „Das war meine erste offizielle, selbstverantwortliche Lehrtätigkeit“, erzählt Niemitz.

Vier Jahre später, im  Alter von 31 Jahren, wurde Carsten Niemitz auf eine Professur für Humanbiologie an die Freie Universität berufen. Er nahm die Stelle an, wechselte gleichzeitig den Studienplatz und wurde an der Freien Universität sowohl Professor für Humanbiologie als auch Student der Medizin.

Ab 1980 übernahm er zusätzlich zur Humanbiologie auch das Fach Anthropologie. Als Professor blieb er der Freien Universität bis zu seiner Pensionierung erhalten. „Besonders gefreut hat mich in meiner Zeit hier der Erfolg der Studierenden. Nur wenige haben nach dem Studium nicht sofort einen Job gefunden. Sehr schön war auch, dass ich viel Freiraum für meine Studien und Forschungen hatte“, sagt Niemitz.

Abenteuer Evolution

Das ein oder andere Abenteuer war auch dabei – ob eine unfreiwillige Übernachtung unter freiem Himmel im Urwald oder die Rettung eines feststeckenden Autos im Okawango-Delta in Botswana. Auf Borneo hatte Niemitz mit Überschwemmungen und mit militärischen Eingriffen am Ende des Vietnamkrieges zu kämpfen, der nach Malaysia überschwappte.

„Dass ich noch lebe, und dass alle meine Mitarbeiter überlebt haben, ist sicherlich ein Glück“, berichtet Niemitz. Doch er hat sich nie abschrecken lassen: „Ich bin immer wieder gern hin gefahren und habe mich immer wieder darauf gefreut. Die Wahrscheinlichkeit im Urwald umzukommen, ist nicht größer als hier. Im Nachhinein sind solche Sachen tolle Erlebnisse.“

Nicht nur von Abenteuern kann Niemitz viel erzählen. Über 360 Publikationen sind über die Ergebnisse seiner Forschung entstanden. Als letzte Bände erschienen 2004 „Das Geheimnis des aufrechten Gangs – Unsere Evolution verlief anders“ und 2006 „Focuses and Perspectives of Modern Physical Anthropology“. In dem ersten der beiden Werke vertritt Niemitz eine „amphibische Theorie“ der frühen Menschwerdung, wonach „es in einer Periode unserer Evolution gerade das Waten und die Ufernutzung waren, die den heutigen Menschen nachhaltig und wesentlich mitgestaltet haben“ und die insbesondere die Entwicklung zum aufrechten Gang vorangetrieben haben.

„Natürlich gibt es auch Leute, die diese Theorie heimlich mit spitzen Fingern anfassen. Aber sie erhält auch oft vehementen Zuspruch, zumal ständig weitere Argumente hinzukommen, die dafür sprechen“, sagt Niemitz. Das Buch war zum Sachbuch es Jahres nominiert, und gerade wurde die Theorie mit neuen, ergänzenden Untersuchungen in einer deutsch-amerikanischen Zeitschrift publiziert. Eine chinesische Übersetzung wird vorbereitet.

Last Lecture

Für seine Abschiedsvorlesung mit dem Titel „Erkenne dich selbst! Vom Bemühen um das Wissen über uns selbst“ hat Carsten Niemitz Beispiele und Illustrationen ausgewählt, die einen Rückblick auf seine Lehre und Forschung geben. Die Veranstaltung findet am Freitag, 9. Juli 2010 um 10.15 Uhr im großen Hörsaal des Instituts für Pflanzenphysiologie in der Königin-Luise-Str. 12–16 statt.