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"Ich habe den schlimmsten Chef: mich selbst!"

Interview mit Ariadne von Schirach, Alumna der Freien Universität

15.01.2010

"Musste mich zwischen Magisterarbeit und Buch entscheiden."
"Musste mich zwischen Magisterarbeit und Buch entscheiden." Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Philosophin Schirach: "Wenn Du es nicht erklären kannst, hast Du es nicht verstanden."
Philosophin Schirach: "Wenn Du es nicht erklären kannst, hast Du es nicht verstanden." Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Autorin Schirach: "Freiheit bedeutet, sich nicht im Weg zu stehen."
Autorin Schirach: "Freiheit bedeutet, sich nicht im Weg zu stehen." Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Mit einem Text über Lust und Pornografisierung begann ihre Karriere: Ariadne von Schirach, 31, sprach in WIR, dem Magazin für die Ehemaligen, über ein Leben im Licht der Medien, ihre Arbeit als freie Autorin und ihre Wut auf die „Bild“-Zeitung.

Frau von Schirach, wie oft stöhnt Ihnen jemand auf den Anrufbeantworter?

Nie, meine Nummer steht nicht im Telefonbuch. Aber ich habe immer mal wieder die Erfahrung gemacht, wie meine Arbeit und meine Person das Schlechte im Menschen hervorbringen – ganz abgesehen von den Medien, die ein zumeist verzerrtes Bild von mir gezeichnet haben. Porno verkauft sich eben besser als Kritik.

Sie haben noch während Ihres Studiums einen Essay für den „Spiegel“ geschrieben, „Der Tanz um die Lust“. Daraus entstand das gleichnamige Buch, die Kernthese: „Je pornographischer unsere Gesellschaft wird, desto mehr verliert sie die Lust an der Fortpflanzung.“ Sie schreiben in ziemlich expliziter Sprache auch über Ihre eigenen Vorlieben, Ihre Ängste, Ihren Körper. Was wurde verzerrt dargestellt?

Mich beschäftigte die Frage: Warum müssen wir auf einmal alle sexy sein? Wieso haben sich unsere sozialen Werte verschoben? Es geht um neue Formen des Sexualitätsdiskurses und  eine generelle Kritik an der Pornografisierung der Gesellschaft. In den Medien kam aber eher rüber: mal wieder eine junge Frau, die über Sex schreibt.

Die „Bild“-Zeitung nannte Sie „Porno-Philosophin vom Alexanderplatz“. Trifft Sie so etwas?

Es regt mich auf. Halb Deutschland hat das gelesen, vielen Dank dafür, „Bild“! Ich verachte diese Art von Boulevard-Journalismus zutiefst. Es war schwer, mit einem Bild konfrontiert zu werden, das nicht meiner Person entspricht. Aber ich habe viel gelernt, auch dass ich noch klarer in meiner Kommunikation sein muss.

Hat sie die Heftigkeit der Reaktion überrascht, die Ihre Texte ausgelöst haben?

Teilweise schon. Allein die Kommentare in einigen Internetforen! Gerade schreibe ich zum Beispiel eine Glücks-Kolumne für die „Welt“, die die Leser kommentieren können. Wie dort gepöbelt wird, ist unfassbar. Ich bin mir sicher, dass einige Nutzer meine Texte gar nicht lesen, aber trotzdem die heftigsten Urteile über mich veröffentlichen - die Erfahrung habe ich übrigens auch bei einigen Journalisten gemacht.

Den Verkäufen Ihres Buches hat die Aufmerksamkeit sicher genutzt.

Natürlich muss jeder, der etwas verkaufen will, damit leben, dass die Medien das Komplizierte vereinfachen, dass alles auf eine Schlagzeile, eine Nachricht reduziert wird. Mittlerweile nehme ich das nicht mehr so ernst. Aber das eigentliche Problem ist: Die Position, die ich vertrete, ist in Deutschland kaum besetzt. Eine junge, intellektuelle Frau äußert sich zur Konstruktion der Sexualität in unserer Zeit. Und nicht zu ihren eigenen sexuellen Vorlieben und ihrem letzten Boyfriend.

Die Moderatorin Charlotte Roche hat sich mir ihren „Feuchtgebieten“ auch ziemlich prominent und sehr deutlich zur weiblichen Sexualität geäußert.

Charlotte Roche ist eine kluge und geschäftstüchtige junge Frau, die in diesem greisen Staat wenigstens den Mund aufmacht. Deshalb erkläre ich mich solidarisch. Aber, mit Verlaub, ihr Buch ist von unglaublicher Banalität, bestenfalls eine detailliert beschriebene Perversität. Da lässt sich keine Diskurs-Analyse hineininterpretieren, das ist eine nachträglich konstruierte Intellektualität. Ihr Buch hat mit meinem nichts zu tun.

Selten schafft es 27-jährige Studentin als Autoren in den „Spiegel“. Wie haben Sie das gemacht?

Ein glücklicher Zufall, für den ich immer noch dankbar bin. Meine ganzen Gedanken und Theorien, unter anderem eben zum Thema Pornografisierung und Sexiness, habe ich oft mit einem befreundeten Schriftsteller diskutiert. Der kannte jemanden beim „Spiegel“, und hat gesagt: Schreib doch mal was für den. Monatelang habe ich an dem Text gesessen, ihn immer wieder umgeschrieben. Nach der Veröffentlichung haben sich mehrere Verlage gemeldet und mir vorgeschlagen, ein Buch zum Thema zu schreiben.

Wie haben Sie das neben der Uni geschafft?

Ich war scheinfrei und musste mich zwischen Magisterarbeit und Buch entscheiden. Natürlich entschied mich für das Buch, was für eine Chance! Neun Monate lang, eine klassische Schwangerschaft, hab ich mich gequält. Darauf folgte das schmerzhafte Korrigieren. Jeder kennt das, der aus Nichts etwas macht: Im besten Fall ist es ein glückliches Leiden. Darüber wird kaum gesprochen, aber das sollte man wissen am Ende des Studiums: Jede Art von Erfolg ist harte Arbeit. Davon wird in einer Casting-Show-Gesellschaft wie der unseren kaum noch erzählt. Das ist kein Plädoyer für die protestantische Arbeitsethik, aber ein Appell, sich anzustrengen - für den eigenen Erfolg.

Ihr Studium haben Sie noch abgeschlossen?

Ja, die Magisterarbeit habe ich nach dem Buch geschrieben.

Sie arbeiten als freie Autorin, müssen sich selbst disziplinieren, Texte pünktlich liefern. Gelang Ihnen das schon an der Uni?

Studenten und Freiberufler haben ja eines gemeinsam: den schlimmsten Chef der Welt - sich selbst. Er verschließt nie die Augen, man kann ihm nichts vormachen, jedenfalls nicht auf Dauer. Viele verstehen Freiheit als die Freiheit, nichts zu tun. Das ist nicht mein Freiheitsbegriff. Für mich bedeutet es, mir nicht selbst im Weg zu stehen und nicht jedem Impuls nachzugeben. Schon während des Studiums war ich die Herrin über meine Zeit und meine Kurse, von dieser Fähigkeit zur Selbstorganisation profitiere ich heute noch. Mein Studiengang war noch nicht so überreguliert wie manch ein Bachelor-Fach heute.

Viele Studenten wussten mit der Freiheit nicht so viel anzufangen wie Sie.

Ach kommen Sie! Die Welt da draußen nimmt einen auch nicht an die Hand. Es ist nützlich, wenn man lernt, dass man sich selbst kümmern muss, dass man selbst die Scheine und Nachweise liefern muss, dass man selbst verantwortlich ist, dass nicht alles verschult wird. Wer nicht die Disziplin aufbringt, seinen eigenen Wünschen zu folgen, beraubt sich selbst einer zentralen Erfahrung des Studiums. Es kann doch nicht richtig zu sein, den Leuten nur beizubringen, dass sie Credit-Points sammeln müssen.

Wozu dient ein Studium?

Im besten Fall ist es ein Teil der persönlichen Entwicklung und Selbstdisziplinierung. Zu Beginn des Philosophie-Studiums hab ich gedacht: Ich weiß alles. Ich war ein richtiger Klugscheißer. Das hat nicht ganz aufgehört (lacht). Aber es hat mich sehr bereichert, Demut vor dem Wissen zu lernen.

Als Sie an Ihrem Buch arbeiteten, haben Sie da mit Kommilitonen oder Dozenten über Ihre Thesen und Texte gesprochen?

Nein, ich hatte zwei, drei Leser im Freundeskreis. Beim Schreiben fällt es häufig schwer, die Balance zu finden zwischen dem Vertrauen ins eigene Urteil und der Demut vor dem Blick des anderen. Diese befreundeten Leser haben mir da sehr geholfen. An der Uni war ich eher eine Einzelgängerin, vor allem einige Männer im Philosophie-Studium haben mich genervt. Diese Testosteron-Grüppchen, die kennerisch taten und nach dem Seminar sagten: Das war so kompliziert heute, das kann ich nichtmal meiner Freundin erklären. Ich sagte dann immer: Wenn du es nicht erklären kannst, hast du es auch nicht verstanden. Aber ich habe auch ein paar interessante Leute kennengelernt in meiner Laufbahn, auch einige beeindruckende Professoren.

Wen?

Gunter Gebauer zum Beispiel, bei dem ich meine Magisterarbeit geschrieben hab und bei dem ich promovieren möchte. Ich muss mich nur noch um ein Stipendium kümmern. Schön fand ich an der Freien Universität auch den Campus bei den Philosophen, den kleinen Park und das kitschige Gebäude; ein guter Ort.

Worum wird es in Ihrer Doktorarbeit gehen?

Das Echte - natürlich ein vollkommen größenwahnsinniges Thema. Aber es gibt ein paar Plattformen, von denen aus man untersuchen kann, was ein echtes Ding ist. Was ist echte Freundschaft? Echte Selbstverhältnisse? Und wie verändert sich das zum Beispiel durch das Internet, durch soziale Netzwerke wie Facebook?

Das Thema Pornografisierung ist für Sie erledigt?

Ich hab dazu noch einen letzten Essay für „Cicero“ geschrieben und dabei gemerkt, dass mich Pornografisierung nur als Facette interessiert, als Spielart dessen, was in der Gesellschaft geschieht. Wir versuchen die Sinnfragen - Warum sind wir hier? Wer sind wir? Was machen wir hier? - zunehmend durch Sichtbarkeit zu lösen. Wir zerren jede denkbare menschliche Situation vor die Kamera, um uns zu vergewissern, wer wir sind. Sex ist dadurch über-sichtbar geworden - und verdeckt, dass wir für viele Dinge keine Sprache mehr haben. Gewalt, Vergewaltigung, Blut, Schmerz, all das deuten ja Pornos an. Aber für die Grausamkeit des Aufwachsens, der Pubertät, des ersten Mals, für den ganzen Schmerz des echten Lebens, dafür haben wir keine echte Sprache.

Das Interview führten Oliver Trenkamp und Bernd Wannenmacher