Tradition wird großgeschrieben

Post aus Großbritannien! Helena Winterhager schildert die „Freshers‘ Week“ an der University of Oxford

09.11.2015

Am Stand der Oxford German Society auf der Freshers‘ Fair 2015: Helena Winterhager zusammen mit Franz Rembart, einem weiteren Vorstandsmitglied der Society.
Am Stand der Oxford German Society auf der Freshers‘ Fair 2015: Helena Winterhager zusammen mit Franz Rembart, einem weiteren Vorstandsmitglied der Society. Bildquelle: Privat
Lincoln College: Der zentrale Innenhof im Herbst – im Hintergrund unsere Autorin im „subfusc“.
Lincoln College: Der zentrale Innenhof im Herbst – im Hintergrund unsere Autorin im „subfusc“. Bildquelle: Privat
Immatrikulation am Lincoln College: Die Gruppe der Studienanfängerinnen und -anfänger Oktober 2014.
Immatrikulation am Lincoln College: Die Gruppe der Studienanfängerinnen und -anfänger Oktober 2014. Bildquelle: Privat
Sheldonian Theatre: der historische Ort der Immatrikulations- und Graduationsfeiern in Oxford.
Sheldonian Theatre: der historische Ort der Immatrikulations- und Graduationsfeiern in Oxford. Bildquelle: Privat

Das war dann doch zu viel des Guten: Am Ende der Woche war mein Postfach überflutet – massenhaft E-Mail-Eingänge, alles Angebote und Einladungen von der Freshers‘ Fair. Erfahrene Oxonians, wie Studierende der University of Oxford genannt werden, kennen das Problem: Von netten Kommilitonen umworben, lässt man sich allzu schnell überreden, seine Adresse in diese oder jene Liste einzutragen, und prompt kommen Rückmeldungen von allen Seiten: der Newsletter der Buddhist Society, der Aufnahmeantrag zum Ultimate Frisbee Club oder die Einladung zur Tea Appreciation Society, bei der man jede Woche exotische Teesorten kosten kann. Zu fast jedem Thema gibt es in Oxford einen Club oder eine Gesellschaft. Da ich selbst auf der diesjährigen Freshers‘ Fair den Stand der German Society mit betreut habe, war ich am Werberummel nicht ganz unbeteiligt: „Hey, wenn ihr mal richtiges deutsches Bier trinken wollt, müsst ihr der German Society beitreten!“

Dabei ist diese Messe nur eine der Attraktionen der Freshers‘ Week, die in Oxford dem Herbsttrimester, dem Michaelmas term, vorangeht. In dieser Auftaktwoche gibt es neben Fächer- und Bibliothekseinführungen jeden Abend soziale Veranstaltungen im College, wie Wine & Cheese oder Pub Crawls, man kann sich aber auch bei einer der Rowing Taster Sessions im für Oxbridge so typischen Rudern ausprobieren. An meinem College gab es dieses Jahr zum Beispiel ein speed meet, bei dem man sich reihum in je dreiminütigen Zweiergesprächen kennenlernt – quasi Speed-Dating ohne den Dating-Aspekt. In einer Woche macht man so womöglich mehr Bekanntschaften als in Berlin in einem Jahr, und aus manchem Kontakt entwickelt sich eine echte Freundschaft.

Im Zentrum der Folgewoche steht dann die feierliche Immatrikulation der neuen Studierenden mit einer Zeremonie auf Latein im altehrwürdigen Sheldonian Theatre – und zwar im obligatorischen subfusc, also dem schwarzen Talar-Umhang samt weißer Bluse mit Schleife und schwarzem Rock für Frauen beziehungsweise Anzug und Fliege für Männer. In dieser Kluft ist man durchaus eine Touristenattraktion – ich wurde letztes Jahr bei meiner matriculation von einem japanischen Ehepaar angehalten, das mit mir einen Urlaubsschnappschuss aus Oxford machen wollte. Im Übrigen ist subfusc als Kleidung auch bei Prüfungen vorgeschrieben; bei einer Urabstimmung im Mai haben erstaunlicherweise mehr als 75 Prozent der Studierenden für die Beibehaltung dieser Tradition gestimmt.

Eine eher unrühmliche Tradition bilden die Einführungsrituale, die es hier und da noch immer bei den Undergraduates gibt. Jüngst erst hat sich ganz England über Berichte amüsiert, wonach Premierminister David Cameron es bei seinem Studienbeginn in Oxford besonders wild getrieben haben soll. Auch in diesem Jahr gab es Aufsehen um ein paar exzessive Szenen im New College. Aber im Ganzen sind das doch Randerscheinungen. Überhaupt: Nicht alles ist nur Spiel, Spaß, Spannung. Bis Weihnachten soll das erste Kapitel meiner Dissertation vorliegen – der Schreibtisch wartet!

Weitere Informationen

In unserer campus.leben-Serie „Post aus...“ berichten sechs Studierende, zwei Doktorandinnen und ein Auszubildender von ihren Auslandsaufenthalten. Hier haben wir die neun Reisenden vorgestellt.