Freie Universität Berlin


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Die Schüler, der Teufelspakt und die Bibliothek

Auf der Suche nach alt- und mittelhochdeutscher Literatur / Kooperation zwischen dem Berliner Lilienthal-Gymnasium und der Freien Universität

28.07.2016

Wie findet man in einer wissenschafltichen Bibliothek ein bestimmtes Buch? Die Schülerinnen übten in der Philologischen Bibliothek, was sie als Studentinnen wissen müssen.
Wie findet man in einer wissenschafltichen Bibliothek ein bestimmtes Buch? Die Schülerinnen übten in der Philologischen Bibliothek, was sie als Studentinnen wissen müssen. Bildquelle: Peter Schraeder
Wie lautet der Originaltitel des mittelalterlichen Faust?
Wie lautet der Originaltitel des mittelalterlichen Faust? Bildquelle: Peter Schraeder
Gesucht, gefunden: Die Literaturrecherche in einer Bibiliothek ist zunächst eine Wissenschaft an sich.
Gesucht, gefunden: Die Literaturrecherche in einer Bibiliothek ist zunächst eine Wissenschaft an sich. Bildquelle: Peter Schraeder
Johannes Traulsen mit dem Deutsch-Leistungskurs des Lilienthal-Gymnasiums. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Arbeitsbereich Ältere deutsche Literatur der Freien Universität diskutiert mit den Jugendlichen über ihre Rechercheergebnisse.
Johannes Traulsen mit dem Deutsch-Leistungskurs des Lilienthal-Gymnasiums. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Arbeitsbereich Ältere deutsche Literatur der Freien Universität diskutiert mit den Jugendlichen über ihre Rechercheergebnisse. Bildquelle: Peter Schraeder

„Wer weiß, wie diese Bibliothek auch genannt wird?“, fragt Literaturwissenschaftler Johannes Traulsen in die Runde des Deutsch-Leistungskurses. „The Brain?“, sagt jemand vorsichtig. Richtige Antwort – den Spitznamen verdankt die Philologische Bibliothek der Freien Universität vermutlich ihrer Form: Die gewölbte äußere Hülle mit den gefalteten, in zwei Halbkugeln angeordneten Gebäudeebenen im Inneren erinnert an ein Gehirn. Den meisten Schülern des Lilienthal-Gymnasiums in Berlin-Lichterfelde ist das neu: Sie sind zum ersten Mal auf dem Campus der Freien Universität und in der Philologischen Bibliothek.

Zu Besuch sind sie, um mehr über vormoderne Literatur zu lernen, Johannes Traulsens Fachgebiet. Der Altgermanist arbeitet am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie in Dahlem und kennt die Lehrerin des Kurses, Ursula Reichelt, persönlich. „Wir wollen unsere Schüler und Studierende miteinander in Kontakt bringen und so mögliche Angst vor der Universität abbauen“, sagt die Deutschlehrerin. Vier Germanistik-Studentinnen betreuen die Oberstufenschüler bei ihrem Gang durch die Bibliothek.

Literaturkenntnisse fördern

„Es geht aber auch darum, die Schülerinnen und Schülern an die vormoderne Literatur heranzuführen“, sagt Traulsen. Dazu war er mit einigen Studierenden im vergangenen Dezember am Lilienthal-Gymnasium. Dort haben sie eine Unterrichtsstunde zum Hildebrandslied gegeben. In der berühmten althochdeutschen Heldensage aus dem 9. Jahrhundert begegnen sich Vater und Sohn auf dem Schlachtfeld; Hadubrand, der seinen Vater für tot hält, glaubt Hildebrand dessen Identität nicht, es kommt zum Duell. Hier bricht der Originaltext ab. „Wir haben die Schüler aufgefordert, selbst ein Ende für das Heldenlied zu schreiben“, erzählt Antonia Murath, Lehramtsstudentin an der Freien Universität. „Bei den meisten hat der Sohn den Vater getötet.“

Am Tag des Bibliothekbesuchs geht es jedoch nicht um Hildebrand und Hadubrand, sondern eine andere literarische Figur: um Faust, den vielbewanderten Magier, der in Goethes berühmter Tragödie ein Gelehrter ist und einen Pakt mit dem Teufel schließt. Die Ursprünge der Legende finden sich in mittelalterlichen Volksbüchern, frühen Prosawerken, und auf diese setzt Traulsen die Schülergruppen an. Zu viert oder fünft verteilen sich die Jugendlichen mit jeweils einem Begleiter in der Bibliothek. Dabei lernen sie schnell, was viele Erstsemester auch herausfinden müssen: wie man im Onlinekatalog Buchtitel recherchiert, wie man eine Signatur im Regal ausfindig macht und in Büchern entscheidende Informationen findet.

Sich in einer Bibliothek zurechtfinden? Kein Hexenwerk!

Wie lautet der Originaltitel des mittelalterlichen Faust? Vier Schülerinnen sitzen mit gebeugten Köpfen über dem aufgeschlagenen Buch, undeutliches Geflüster ist zu hören. Nach kurzer Zeit werden sie fündig. „Zuerst hat unsere Suchanfrage sehr viele Ergebnisse ausgeworfen, nicht leicht, da durchzublicken. Aber wenn man weiß, wo die Bücher stehen, ist es einfach“, sagt Lea Rauen.

Nach dem Bibliotheksbesuch ist Zeit für einen ersten Eindruck. „Ich fand die Bibliothek beeindruckend, echt riesengroß“, meint Schüler David Hecht. Traulsen macht mit dem Kurs noch einen Rundgang durch die Rost- und Silberlaube, in der viele geisteswissenschaftliche Fächer angesiedelt sind, die man an der Freien Universität studieren kann. Dann setzen sich alle noch einmal zusammen, um die Ergebnisse der Bibliotheksrecherche zu besprechen.

Der Deutsch-Leistungskurs hat Faust I bereits gelesen und erkennt schnell: Der mittelalterliche Faust gilt vor allem als verwerflicher Charakter, zur tragischen Figur wird er erst bei Goethe. Dann ist der Kurzbesuch in Dahlem auch schon vorbei. Das nächste Treffen zwischen Studierenden und Schülern ist für das kommende Schuljahr geplant. „Vielleicht besucht ja jemand von Ihnen demnächst mal selbstständig die Bibliothek, um zu einem Thema zu recherchieren“, gibt Johannes Traulsen am Ende in die Runde. Und vielleicht werden sich nach dem Abitur einige der „Philosophie, Juristerei und Medizin“ zuwenden – wie Goethes Faust, der die Fächer „mit heißem Bemühn“ studiert hat.