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Forschen lernen im digitalen Zeitalter

Projekt von Informatiker Christoph Benzmüller mit dem Lehrpreis der Freien Universität Berlin ausgezeichnet

02.05.2016

Ausgezeichnet mit dem Lehrpreis: Informatiker Christoph Benzmüller.
Ausgezeichnet mit dem Lehrpreis: Informatiker Christoph Benzmüller. Bildquelle: Manuel Krane
Diskutierten über forschungsorientierte Lehre: (v.l.n.r.) Felicitas Thiel, Barbara Ischinger, Klaus Hoffmann-Holland, Rainer Haag und Kristiane Hasselmann.
Diskutierten über forschungsorientierte Lehre: (v.l.n.r.) Felicitas Thiel, Barbara Ischinger, Klaus Hoffmann-Holland, Rainer Haag und Kristiane Hasselmann. Bildquelle: Manuel Krane

Die Entscheidung sei in diesem Jahr besonders schwergefallen, sagte Klaus Hoffmann-Holland, Vizepräsident für Forschung und Lehre der Freien Universität Berlin und Mitglied der Jury für den Lehrpreis, anlässlich der Preisverleihung. Deshalb wurde in diesem Jahr nicht nur ein herausragendes Lehrprojekt ausgezeichnet, es wurden auch zwei weitere gewürdigt. Wie groß die Vielfalt der Angebote zur forschungsorientierten Lehre an der Freien Universität ist, zeigte eine Podiumsdiskussion im Anschluss an die Preisverleihung.

„Wir haben uns in dieses Projekt verliebt“, gestand Klaus Hoffmann-Holland in seiner Laudatio auf das ausgezeichnete Projekt „Computational Metaphysics“. Der Titel mag für alle, die mit formaler Logik wenig vertraut sind, zunächst wenig „sexy“ klingen. Doch dass dessen Gegenstand durchaus elektrisieren kann, bewies der Informatiker Christoph Benzmüller, Organisator der prämiierten Lehrveranstaltung, in seiner Dankesrede, in der er durchaus mitreißend in jenen Lehrstoff einführte, den Master-Studierende aus den Fächern Philosophie, Mathematik und Informatik in diesem Sommersemester an der Freien Universität kennenlernen werden:

Es geht um eine revolutionäre Entwicklung im Bereich der Logik: computerbasierte Beweisassistenz-Systeme. Diese Computerprogramme treten zunehmend an die Stelle der Papier-und-Bleistiftmethoden und ermöglichen nicht nur in der Philosophie ganz neuartige Beweisführungen. Mit einem solchen System namens „Isabelle“ war es Christoph Benzmüller 2013 gelungen, gemeinsam mit einem Fachkollegen von der TU Wien den sogenannten Gottesbeweis des österreichischem Mathematikers Kurt Gödel (1906–1978) zu überprüfen und sogar Widersprüche in dessen Prämissen aufzuzeigen.

Das Handwerk der Wissenschaft lernen

Die Studierenden können im Rahmen des Lehrprojekts auch selbst mit „Isabelle“ arbeiten. Wie wichtig es für sie ist, gerade in der forschungsorientierten Lehre selbst Erfahrungen zu machen und ausprobieren zu dürfen, wurde nicht nur in der Diskussion im Anschluss an die Preisverleihung deutlich. Auch bei den beiden gewürdigten Projekten steht das explorative Lernen im Vordergrund: Bei der Internationalen Sommer-Universität zu erneuerbaren Energien, ISUenergy, organisiert von Professorin Martha Lux-Steiner, Leiterin des Instituts für Heterogene Materialsysteme des Helmholtz-Zentrums Berlin und Professorin an der Freien Universität Berlin, gibt es zahlreiche Praxisworkshops. So fährt Katja Liebal, Professorin für Vergleichende Psychologie, mit ihren Studierenden nach einer Vorbereitungsphase in Dahlem im Sommer nach Sambia, um dort Schimpansen im Feld zu beobachten.

Diskussionsrunde

Ob solche Formen des Lernens und Lehrens nur mit kleinen Gruppen funktionieren können, wurde im Anschluss an die Preisverleihung diskutiert. Auf dem Podium waren mit Barbara Ischinger, Bildungsdirektorin der OECD und Mitglied des International Council der Freien Universität Berlin, und Felicitas Thiel, Professorin für Schulpädagogik/Schulentwicklungsforschung, Expertinnen für Lehre und Lernen an Schulen und Universitäten vertreten. Kristina Hasselmann, promovierte Theaterwissenschaftlerin sowie Geschäftsführerin des Sonderforschungsbereichs Episteme in Bewegung, und Rainer Haag, Professor für Chemie an der Freien Universität, berichteten als Praktiker von ihren Erfahrungen. Der SFB „Episteme in Bewegung“ zählt zu jenen Bereichen der Hochschule, in denen das Konzept „FoL“, Forschungsorientierte Lehre an der Freien Universität, im Rahmen eines Pilotprojektes umgesetzt wird. Rainer Haag wurde für sein Lehrprojekt „Trans Pro Idee – Translation von Projektideen in Forschungs- und Startup-Vorhaben“ im vergangenen Jahr mit dem Lehrpreis ausgezeichnet.

Angebote müssen „studierbar sein“

Kristina Hasselmann berichtete, dass die vom SFB angebotenen interdisziplinären Forschungsseminare ein Gewinn sowohl für die Studierenden als auch für die Lehrenden seien. Außerdem habe der SFB erstmals Forschungspraktika angeboten – ein Format, das es bislang nur in den Naturwissenschaften gäbe. „Kleinstformate“ wie diese Praktika seien zwar ebenfalls sehr gut angenommen worden, die Studierenden haben sie jedoch zusätzlich gemacht. Für sie persönlich sei zentral, sagte Kristina Hasselmann, dass Angebote zu forschungsorientierter Lehre für die Studierenden auch anrechenbar seien. Angebote müssten „studierbar sein“, bekräftigte auch Reiner Haag, sonst wäre sie „eine Mogelpackung“.

„Einen Gedanken zu Ende denken“

Barbara Ischinger sagte, langfristig müssten die Betreuungsverhältnisse an den deutschen Universitäten verbessert werden, damit forschungsorientierte Lehre eine Breitenwirkung entfalten könnte. Sie begrüßte, dass Lernen und Lehren wieder einen größeren Stellenwert an den Universitäten habe. Es sei wichtig, Indikatoren für gute Lehre zu entwickeln, um diese sichtbar werden zu lassen. Eine Universität müsse selbstständiges Denken fördern, sagte sie, einen „allgemeinen Lehrstil“ entwickeln.

Dies könne auch in großen Einführungsvorlesungen in den anwendungsorientierten Fächer zumindest punktuell umgesetzt werden, sagte Klaus Hoffmann-Holland, der die Diskussion moderierte. Es gehe darum, einen „einen Gedanken zu Ende zu denken“ und nicht nur Faktenwissen zu vermitteln.

„Scientific Literary“, also die Fähigkeit wissenschaftliche Ergebnissen zu verstehen, ihre Relevanz zu erkennen und sie anzuwenden, werde in vielen Berufen – auch außerhalb der akademischen Welt – immer wichtiger, darin waren sich die Diskutanten einig. Das gelte im besonderen Maß auch für die Digitalisierung: Die Analyse serieller Daten werde in vielen Fächern zunehmend selbstverständlich – nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in den Geisteswissenschaften, sagte Felicitas Thiel.

Hierfür ist das mit dem Lehrpreis ausgezeichnete Projekt ein gutes Beispiel: Es fällt in den Bereich der Digital oder Computational Humanities. Computer unterstützen die Wissenschaftler darin, Beweise in der Logik nachzuvollziehen und zu überdenken. So neu diese Vorgehensweise ist, die die Studierenden an der Freien Universität nun forschend erlernen können, die Idee dazu ist schon mehr als 300 Jahre alt. Bereits Gottfried Wilhelm Leibniz, der sich ebenfalls mit dem Gottesbeweis beschäftigte, schlug vor, zur Lösung philosophischer Fragen Rechenmaschinen einzusetzen.