Freie Universität Berlin


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„Skills, von denen ich gar nichts wusste“

Was kommt nach der Promotion? Über Betätigungsfelder für Wissenschaftler und den Arbeitseinstieg außerhalb der Universität

09.03.2016

Tiziana Guerra (li.) und Isabelle Schreiber (re.) haben den Karrieretag seitens der Freien Universität mitorganisiert.
Tiziana Guerra (li.) und Isabelle Schreiber (re.) haben den Karrieretag seitens der Freien Universität mitorganisiert. Bildquelle: Manuel Krane
Janis Bode (rechts) vom Spieleentwickler „Gameduell“ im Gespräch mit Besuchern des Karrieretags.
Janis Bode (rechts) vom Spieleentwickler „Gameduell“ im Gespräch mit Besuchern des Karrieretags. Bildquelle: Manuel Krane

„Von 20 Doktoren wird einer später Professor“, sagt die promovierte Biologin Tiziana Guerra von der Dahlem Research School (DRS) der Freien Universität. Die klassische Laufbahn über eine Postdoc-Stelle und Habilitation zu einer Professur steht nur wenigen offen – viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen sich daher nach der Promotion nach anderen Jobs umsehen. Doktoranden der DRS – dem Dach, unter dem die strukturierten Promotionsprogramme der Freien Universität gebündelt werden – und der Humboldt Graduate School (HGS) haben deshalb den Karrieretag ins Leben gerufen.

In Podiumsdiskussionen zu fünf verschiedenen Themenfeldern kamen kürzlich Vertreter von Firmen, Verbänden und Institutionen ins Gespräch, die nach ihrer Promotion eine Karriere außerhalb des universitären Umfelds angesteuert haben. Zunächst ging es um mögliche Betätigungen im Bereich Wissenschaftsmanagement, etwa Stiftungsarbeit. Hier sei es hilfreich, wenn die Absolventen unmittelbar nach Abschluss der Dissertation in die Praxis wechselten, sagt Tiziana Guerra, die den Karrieretag mitorganisiert hat: „Man sollte deutlich machen, dass man rechtzeitig aus der Wissenschaft heraus will und Interesse hat, etwas anderes zu tun.“

Im Bereich der „schriftlichen Kommunikation“ – so war ein zweites Themenfeld überschrieben  –, also etwa im Verlagswesen oder bei Nichtregierungsorganisationen, sei es dagegen durchaus von Vorteil, nach der Dissertation noch eine Weile als Postdoktorand zu arbeiten, um so wissenschaftliche Expertise zu vertiefen.

In weiteren Diskussionsforen stellten sich unter dem Stichwort „Innovation“ Start-up-Unternehmer vor, außerdem ging es um Berufe in den Bereichen Patentrecht, Forensik oder Beschäftigungen in Ministerien sowie in Consulting, Lehre und wissenschaftlichem Vertrieb für Biotech-Unternehmen.

Ungeahnte Fähigkeiten

Außerhalb des wissenschaftlichen Umfeldes unterscheidet sich der Arbeitsmarkt für Doktoranden von dem für Bewerber mit einem Diplom- oder Masterabschluss. Durch die Promotion haben die Nachwuchswissenschaftler neben der wissenschaftlichen Qualifikation auch mehrjährige Berufserfahrung gesammelt – häufig, ohne dass Ihnen das bewusst ist: Arbeit im Team, erste Lehrerfahrungen und die Arbeit an der Dissertation als Form professionellen Projektmanagements seien unterschätzte Qualifikationen, sagt Tiziana Guerra. „Selbstverständlich sind das schon Berufserfahrungen“, erklärt sie. Genau deshalb seien promovierte Wissenschaftler in der Wirtschaft oft gefragt. Auch Janis Bode vom Spieleentwickler Gameduell, der im Diskussionsforum zum Thema „Innovation“ zu Wort kam, kann das bestätigen: „Ich war überrascht, weil ich von manchen Skills gar nicht wusste, dass ich über sie verfüge.“

Gleichzeitig sollten die Absolventen aber darauf achten, sich nicht auf Jobs zu bewerben, für die sie überqualifiziert seien, sagt Tiziana Guerra: „Solche Bewerbungen werden von Arbeitgebern oft gar nicht mehr angeschaut.“ Isabelle Schreiber von der Freien Universität, die ebenfalls an der Organisation des Karrieretags beteiligt war, ergänzt: „Es ist nicht nachhaltig, Leute einzustellen, die aufgrund ihrer Qualifikation eigentlich lieber etwas anderes machen können und wollen.“

Work-Life-Balance

Ein weiteres grundsätzliches Thema auf dem Karrieretag war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Diskussionsforum „Innovation“ saßen Start-up-Unternehmer, die besonders die Zeit unmittelbar nach der Gründung als sehr arbeitsintensiv beschrieben haben. „Anfangs hatte ich eine 65-Stunden-Woche – das hat sich aber mittlerweile verbessert“, sagt Janis Bode von Gameduell. Gründungsberaterin Diane Brüggemann ergänzt: „Ich musste lernen, mir freie Zeit zu nehmen – man muss da auch auf sich selber aufpassen.“ Nach der sehr intensiven Anfangsphase pendele sich das Verhältnis von Arbeit und Freizeit aber in der Regel auf ein gesundes Maß ein. Flexible Dienstzeiten und die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, seien schließlich große Vorzüge, da waren sich die Teilnehmer auf dem Podium einig.

Wie wichtig für die angehenden Doktoranden das Thema Berufseinstieg ist, zeigte sich an der Resonanz auf die Veranstaltung: Bei allen Vorträgen war der Festsaal der Humboldt-Universität bis auf den letzten Platz besetzt, man habe Interessierten wegen fehlender Plätze sogar absagen müssen, sagt Tiziana Guerra. In den Pausen gab es Gelegenheit für Vortragende und Absolventen, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Weitere Informationen

Der nächste Karrieretag findet am 28. Februar 2017 statt, dann richtet ihn die Freie Universität Berlin aus.