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Nicht leichter, nicht schwerer – aber anders

Promovieren 1990 und 2015 – was hat sich verändert? Vor und auf der Feier zur Silbernen Promotion trafen sich Sonja Longolius und Christian Freigang

03.06.2015

Christian Freigang, Professor für Kunstgeschichte an der Freien Universität, berichtete von seiner Promotionszeit.
Christian Freigang, Professor für Kunstgeschichte an der Freien Universität, berichtete von seiner Promotionszeit. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Rund 150 Jubilarinnen und Jubilare feierten ihre Silberne Promotion an der Freien Universität und trafen hier auch frühere Promotionsbetreuer.
Rund 150 Jubilarinnen und Jubilare feierten ihre Silberne Promotion an der Freien Universität und trafen hier auch frühere Promotionsbetreuer. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Fast auf den Tag genau ein Vierteljahrhundert liegt zwischen der Promotion von Sonja Longolius und jener von Christian Freigang, Professor für Kunstgeschichte an der Freien Universität. 25 Jahre, in denen sich die akademische Kultur gewandelt, an die Veränderungen in der Gesellschaft angepasst hat. Dem Gesetz folgend, dass sich großer Wandel auch stets im Kleinen widerspiegelt, heißt das auch: Longolius und Freigang haben zwar beide an der Freien Universität Berlin ihren Doktorgrad erworben, beide in den Geisteswissenschaften, und sie haben jeweils vier Jahre dafür benötigt, aber damit enden die Gemeinsamkeiten. Was sich geändert hat in den vergangenen 25 Jahren, darüber sprachen Sonja Longolius und Christian Freigang vor und auf der Feier zur Silbernen Promotion am vergangenen Sonnabend.

„Vor 25 Jahren bedeutete eine Promotion ein fast mönchisches Leben, in der Einsamkeit des Elfenbeinturms“, sagt Christian Freigang. Um nicht „im eigenen Saft zu kochen“, suchte er sich auf eigene Faust eine Arbeitsgruppe aus Doktoranden und schloss sich ihr an. „Wir haben uns gegenseitig bekocht, aber auch und vor allem die Arbeit der anderen in der Sache äußerst hart kritisiert – im Interesse der Qualität.“

Sonja Longolius indes erwarb ihren Doktortitel im Rahmen einer Graduiertenschule am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien. Solche Einrichtungen gab es in den späten 1980er Jahren in Deutschland noch gar nicht. In dieser Graduiertenschule lernte, lehrte und forschte Longolius im Verbund mit elf anderen Doktoranden ihres Jahrgangs. Um die Finanzierung musste sie sich während dieser Zeit nicht sorgen.

Christian Freigang hingegen stellte sich in den ersten Jahren seiner Promotion um 5 Uhr morgens bei den Heinzelmännchen an – der studentischen Arbeitsvermittlung –, um einen Tagesjob für 80 DM zu bekommen. Erst nach getaner Arbeit saß er dann, schon leicht ermattet, am Nachmittag über den Büchern. Später kamen ein Stipendium und eine Assistentenstelle hinzu, und Christian Freigang konnte sich hauptsächlich auf seine Promotion konzentrieren.

Das wiederum war Sonja Longolius nicht vergönnt: Auch wenn die Graduiertenschule finanzielle Unabhängigkeit für vier Jahre gewährte, auch wenn sie dank regelmäßiger Gutachten über den Fortschritt ihrer Arbeit motiviert und diese strukturiert wurde, bringt das Promovieren an einer Graduiertenschule andere Verpflichtungen mit sich: eine Konferenz war zu organisieren, Vorträge zu halten, möglichst früh wissenschaftliche Paper zu veröffentlichen.

Welchen Stellenwert hat der Lebensabschnitt Promotion in der Gesellschaft?

All das sind Pflichten, von denen Christian Freigang sagt, er sei froh, dass sie ihm während seiner Dissertationszeit nicht auferlegt waren. So kommt es, dass sich Longolius und Freigang ein wenig beneiden und ein bisschen denken: Gut, dass das bei mir anders war. „Promovieren ist nicht schwerer oder leichter geworden, die Vor- und Nachteile haben sich über die Zeit zwar verändert, aber insgesamt ist die Promotion noch immer eine Herausforderung“, bringt es Freigang auf den Punkt. Er kennt inzwischen beide Seiten, denn er betreut am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität natürlich auch Doktoranden. Dort spüre er immer wieder, dass die gesellschaftliche Akzeptanz des Lebensabschnitts Promotion abgenommen habe.

Die Ökonomisierung der Gesellschaft mache auch vor der Wissenschaft nicht halt, viele begabte Studierende würden gern promovieren, sehen sich aber mit Vorbehalten konfrontiert: Ist der Titel karrierefördernd? Lohnt sich die Investition in vier Jahre akademische Arbeit, in der andere vielleicht schon im Beruf vorankommen? Lohnt es sich in Zeiten, in denen junge Wissenschaftler oft nur noch Zeitverträge bekommen und Professorenstellen heiß umkämpft sind, den langen und steinigen Weg einer universitären Karriere einzuschlagen? Viele Studierende, die Freigang gern hielte, beantworten eine oder mehrere dieser Fragen für sich mit „nein“.

Sonja Longolius sekundiert sofort: Genau diese Fragen habe sie sich auch gestellt, und sie seien ihr auch von Freunden und Verwandten gestellt worden – insbesondere vor dem Hintergrund, dass sie zwei Kinder hat. „Ich habe ,ja‘ zur Promotion und ,nein‘ zur universitären Karriere gesagt“, lautete Longolius‘ Kompromiss. Sie möchte gern in einem Museum oder einer Stiftung arbeiten, da ist ein Doktortitel oft schon Voraussetzung, um überhaupt nur ein Volontariat zu bekommen.

Alumni reisten auch aus Nord- und aus Südamerika an

Wie sich das Promovieren über die Jahre geändert hat, das war auch das Thema einer Podiumsdiskussion auf der Feierstunde zur Silbernen Promotion am vergangenen Sonnabend, an dem sich Sonja Longolius und Christian Freigang unter der Gesprächsleitung von Markus Edler, stellvertretender Leiter der Dahlem Research School, erneut trafen und vor rund 150 ehemaligen Promovenden sprachen. Die Jubilarinnen und Jubilare waren nicht nur aus Deutschland und Europa, sondern auch aus Südamerika und den USA eigens zu dieser Veranstaltung an die Freie Universität zurückgekehrt. In feierlicher Atmosphäre überreichte Präsident Professor Peter-André Alt die Jubiläumsurkunden. Im Anschluss gab es Gelegenheit, gemeinsam alte Erinnerungen aufleben zu lassen und neue Kontakte zu knüpfen.

Die Einrichtung der Silbernen Promotion hält Christian Freigang für „höchst lobenswert“, zeige sich darin doch eine vorbildliche Alumni-Kultur. „Der Gedanke der Internationalen Netzwerkuniversität, dem sich die Freie Universität verschrieben hat, wird auch auf diese Weise gelebt.“ Sonja Longolius rechnet: „In einem Vierteljahrhundert bin ich 61. Das wird ein Spaß, dann die Kollegen aus der Graduiertenschule zu treffen.“ Sicher ist eines: Bis dahin wird sich das Promovieren wieder etwas verändert haben, so, wie die Gesellschaft. Es wird nicht schwerer sein und nicht leichter, aber anders.

Weitere Informationen

  • Dieser Text ist ein Vorabdruck aus dem in Kürze erscheinenden WIR-Magazin für die Ehemaligen der Freien Universität.
  • Haben Sie, Ihre Freunde oder Bekannten ebenfalls an der Freien Universität Berlin promoviert und möchten an einer der kommenden Jubiläumsveranstaltungen zur Silbernen oder Goldenen Promotion teilnehmen? Dann melden Sie sich bitte im Alumni-Büro der Freien Universität unter der E-Mail-Adresse alumni@fu-berlin.de.