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Originelle Kopien

Wortpiraten und Aneignungskünstler: Lesung und Diskussion zu Appropriationsliteratur am 6. Dezember in der Literaturwerkstatt

04.12.2014

Annette Gilbert nimmt die Werke von Appropriationskünstlern unter die Lupe. Hier eine Abwandlung von Goethes "Werther" durch den russischen Künstler Alexandr Kuz'kin.
Annette Gilbert nimmt die Werke von Appropriationskünstlern unter die Lupe. Hier eine Abwandlung von Goethes "Werther" durch den russischen Künstler Alexandr Kuz'kin. Bildquelle: Bettina Brach

Appropriationskünstler – das sind moderne Materialpiraten, die vor literarischem Recycling nicht zurückschrecken: Sie eignen sich bereits veröffentlichte Texte an und verwerten sie auf unterschiedliche Art und Weise: Indem sie sie verändern, kürzen oder die Worte und Interpunktionszeichen neu anordnen. Daraus ergeben sich faszinierende Werke, die neue Blickwinkel auf bekanntes Material ermöglichen, den Leser provozieren und nicht zuletzt den Originalitätsbegriff in Frage stellen. Annette Gilbert, promovierte Literaturwissenschaftlerin der Freien Universität, führt am Sonnabend, 6. Dezember, in der Literaturwerkstatt Berlin in das Thema ein und bringt Interessierten, unterstützt von vier Appropriationskünstlern, Werke dieser besonderen Literatur näher.

Frau Dr. Gilbert, seit wann gibt es Appropriationsliteratur?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn Zitate in der Literatur gab es schon immer. Trotzdem kann man sagen, dass es sich um ein relativ neues Phänomen handelt, das sich der experimentellen Literatur zuordnen lässt. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind verstärkt solche Appropriationswerke entstanden. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren gab es eine regelrechte Flut von Publikationen.

Dass sich immer mehr Künstler diesem Genre widmen, hat natürlich auch viel mit den veränderten technischen Möglichkeiten zu tun. Heute entstehen mit Hilfe von copy and paste innerhalb kürzester Zeit neue Werke. Die Verwertung von bereits vorhandenem literarischem Material im Umfang ganzer Werke ist mittlerweile gang und gäbe.

Können Sie Beispiele nennen?

Um erst mal einen bekannteren Namen zu nennen: Der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer hat 2010 ein Buch namens „Tree of Codes“ veröffentlicht, das ein Beispiel für die sogenannte Erasure-Poetry ist. Bei dieser Form werden aus einem Ursprungstext Elemente gelöscht, sodass aus den Resten ein ganz neues Werk entsteht.

Safran Foer hat die Geschichtensammlung „The Street of Crocodiles“ (dt. „Die Zimtläden“) des polnisch-jüdischen Autors Bruno Schulz auf diese Weise mit der Schere bearbeitet. Die Geschichte, die in „Tree of Codes“ erzählt wird, war sozusagen in der ursprünglichen Fassung schon enthalten, wird aber erst durch die Löschungen sichtbar.

Als radikaler Fall von Appropriation wäre ein Werk der Künstlerin Sherrie Levine zu nennen. Sie hat 1990 die Erzählung „Ein schlichtes Herz“ von Gustave Flaubert unverändert, also mit Titel und Autorname, übernommen, ihren Namen darüber geschrieben und dann veröffentlicht. Spannenderweise wird dieses Werk bis heute in Bibliotheken zum Teil unter Flaubert katalogisiert. Das zeigt, dass das System auf eine solche Provokation nicht vorbereitet ist.

 Appropriationsliteratur sieht sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt, dass sie nur kopiere und nicht originell sei. Das rückt sie in die Nähe von Plagiat und Fälschung. Inwiefern lässt sich das voneinander abgrenzen?

Fälschung, Plagiat und Appropriation sind drei ganz unterschiedliche Dinge. Zu fälschen bedeutet, im Stile eines Künstlers zu produzieren und selbst als Autor hinter dem Werk zurückzutreten. Beim Plagiat nimmt man das Werk eines anderen und gibt es als das eigene aus. In beiden Fällen täuscht man Dritte.

Appropriation dagegen ist eine demonstrative künstlerische Geste, also eine ganz bewusste Aneignung, die offensiv auch als solche ausgestellt wird. In den Feuilletons ist Originalität noch immer hochgeschätzt, dabei ist in Hinblick auf das literarische Werk sehr schwer zu definieren, was überhaupt ein Original ist. Bücher kommen ja schon als Kopie auf die Welt. Ich finde es wichtig, dass Appropriationen als Literatur anerkannt werden. Man benötigt nur einen erweiterten Literaturbegriff.

Was erwartet die Zuschauer bei Ihrer Veranstaltung in der Literaturwerkstatt?

Wir werden verschiedene Spielarten der Appropriation zeigen. Der Klangkünstler Pär Thörn ordnet zum Beispiel die Worte eines Romans alphabetisch, um ein unlesbares Buch zu produzieren, wie er selbst sagt. Dieses unlesbare Buch liest er dann vor, um den Zuhörern den Klang des Materials näherzubringen.

Der britische Künstler Simon Morris wird etwas zu seiner Arbeitsweise sagen – er hat zum Beispiel Teile von Freuds „Traumdeutung“ zerschnitten, die Schnipsel aus dem Autofenster geworfen und in einer neuen zufälligen Reihenfolge wieder zusammengefügt.

Jérémie Bennequin arbeitet mit Mallarmés „Würfelwurf“ und würfelt aus, welche Silben gelöscht werden. Er versucht damit herauszufinden, ob der Zufall die Poesie auslöscht oder nicht. In der Literaturwerkstatt wird er eine weitere, druckfrische Mallarmé-Appropriation vorstellen.

Michaelis Pichler hat sich auch mit Mallarmé beschäftigt, aber was er an diesem Abend zeigen wird, weiß ich noch nicht genau. Angekündigt sind eine Rilke-Appropriation und „postnaive Manifestationen“.

Die Fragen stellte Nora Lessing

Weitere Informationen

„Original Pirate Material“ – Lesung und Gespräch in der Literaturwerkstatt

Zeit und Ort

  • Samstag, 6. Dezember 2014, 17.00 Uhr
  • Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei), 10435 Berlin. U-Bahnhof Eberswalderstraße (U2)
  • Eintritt 5, ermäßigt 3 Euro

Literatur

  • Annette Gilbert (Hg.): Reprint. Appropriation (&) Literature, Wiesbaden:luxbooks 2014.