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„Das Hören ist so wichtig wie das Lesen“

Elisabeth Edl, August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessorin, hält am 30. Oktober ihre Antrittsvorlesung / Anmeldung bis 25. Oktober

24.10.2013

Elisabeth Edl freut sich auf die Arbeit  mit den Studierenden der Freien Universität. Das Foto zeigt die Übersetzerin in Paris.
Elisabeth Edl freut sich auf die Arbeit mit den Studierenden der Freien Universität. Das Foto zeigt die Übersetzerin in Paris. Bildquelle: D. P. Gruffot

Worin liegt die Eigenart eines Schriftstellers? Worin die seiner Sprache? Wie hat der Autor gearbeitet? Warum diesen Satz so geformt und nicht anders? Kurz: Was macht Flaubert zu Flaubert? Es sind diese Fragen, die am Anfang jeder Übersetzung stehen und damit vor der eigentlichen Arbeit, sagt Elisabeth Edl. Die Österreicherin, deren Neuübersetzungen von Stendhal und Flaubert große Resonanz gefunden haben, gilt als eine der profiliertesten Übersetzerinnen aus dem Französischen. In diesem Semester übernimmt die Romanistin die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der Freien Universität. Ihre Antrittsvorlesung hält sie am 30. Oktober um 19.30 Uhr im Österreichischen Kulturforum.

Im Grunde passen sie nicht zueinander, das Deutsche und das Französische. In ihrer Struktur und Funktion, im Rhythmus und Klang seien die beiden Sprachen so verschieden, sagt Elisabeth Edl, dass der Weg von der einen in die andere Sprache ein „heikles, kompliziertes Ineinander- und Auseinandergehen“ sei.

„Madame Bovary“ von Flaubert beispielsweise stecke voller Wortspiele, Kalauer und Anspielungen. Dieser ironische Subtext sei aber in vielen alten Übersetzungen verschwunden: „Entweder weil er nicht wahrgenommen wurde oder weil es als zu schwierig erschien, die Zweideutigkeiten im Deutschen wiederzugeben.“ Dabei könne man gerade bei Flaubert, der an seinen Texten unendlich lang gearbeitet habe, davon ausgehen, „dass kein Wort zufällig dasteht“. Und deshalb auch übersetzt werden muss.

Rhythmus und Melodie der Übersetzung müssen dem Original entsprechen

Wie schwer es ist, nicht nur das passende Vokabular zu finden, sondern auch den Stil eines Autors zu treffen, weiß die Übersetzerin. Deswegen ist es ihr wichtig, dass die Studierenden, die in diesem Semester an ihrem Seminar „Die Sprache des modernen Romans. Stendhal – Hugo – Flaubert – Proust und ihre Zeitgenossen“ teilnehmen, auch übersetzen: „Erst durch das Arbeiten stößt man auf die Schwierigkeiten.“ Wie etwa lässt sich ein Satz angemessen formulieren, der durch die Übertragung aus dem Französischen zunächst unter verschachtelten Nebensätzen, angefügten Hilfsverben und abgetrennten Präfixen leidet – „dem ganzen Wortschrott und Kleinkram, der im Deutschen mit dranhängt“?

Mit anderen Worten: Wie gelingt eine Übersetzung? Natürlich klinge ein deutscher Text niemals so wie ein französischer, sagt Elisabeth Edl. Aber das solle er ja auch gar nicht, denn die Übersetzung ist eben ein deutscher, kein französischer Text. Wenn  Rhythmus und Melodie dem Original entsprächen, sei die Übertragung gelungen. Darum sage sie beim Übersetzen immer wieder Dinge laut vor sich hin: „Das Hören ist so wichtig wie das Lesen.“ Das habe sie aus ihrer Anfangszeit beibehalten, als sie das Übersetzen gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang Matz lernte: „Das war eine Art Ping-Pong, bei dem wir uns die Möglichkeiten, Vorschläge und Lösungen hin- und hergespielt haben.“

Victor Hugo und Marcel Proust hat sie bisher noch nicht übersetzt

Fast 20 Jahre ist es her, dass Elisabeth Edl unterrichtet hat: Von 1983 bis 1995 lehrte sie an der Universität Poitiers und der École supérieure de commerce de Poitiers. Seitdem arbeitet und lebt sie in München. Sie freut sich auf die Zeit mit den Studierenden. Vor allem der gemeinsame Blick auf die Autoren, die sie bisher nicht selbst übersetzt hat, Victor Hugo und Marcel Proust, reize sie: „Dadurch werden sich auch für mich neue Blickwinkel eröffnen.“

Weitere Informationen

„Wissenschaft und Kunst. Über die Grenzen der Interpretation in der Literarischen Übersetzung" – Antrittsvorlesung Gastprofessur Elisabeth Edl

Zeit und Ort

  • Mitwoch, 30. Oktober 2013, 19.30 Uhr
  • Österreichisches Kulturforum Berlin, Stauffenbergstraße 1, 10785 Berlin

Anmeldungen bis zum 25.10.2013 bitte per Email an mail@uebersetzerfonds.de

Weitere Informationen finden Sie im Internet.


August Wilhelm von Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung

Die August Wilhelm von Schlegel-Gastprofessur wurde 2007 am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin, nach einer Initiative des Deutschen Übersetzerfonds, eingerichtet. Dieser ermöglicht die Dotation der Professur aus Mitteln des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) und wählt gemeinsam mit Vertretern des Peter Szondi-Instituts den jeweiligen Inhaber der Professur aus. Die Professur wird jeweils zum Wintersemester an renommierte Übersetzer der deutschsprachigen literarischen Öffentlichkeit verliehen und ist die erste Professur für Poetik der Übersetzung im deutschsprachigen Raum. Aufgabe ist die poetologische Reflexion der Übersetzung als literarischem Genre.

August Wilhelm von Schlegel symbolisiert als Namenspatron der Professur diesen poetologischen Anspruch. Er verband in seinem Schaffen philologische Forschung, eigene Dichtung und literarische Übersetzung miteinander. Nicht zuletzt durch seine Übersetzungen aus dem Altindischen (Bhagavad-Gita), dem Italienischen (Dante), dem Spanischen (Calderón, Cervantes) und dem Englischen (Shakespeare) ist er zu einer „Schaltstelle" der romantischen Literaturepoche geworden.