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„Wenn sich der Konflikt beruhigt hat, wird die eigentliche Arbeit anfangen"

Mediziner der Charité bilden arabische Psychologen und Psychiater für die Behandlung traumatisierter syrischer Flüchtlinge aus / Ein Interview mit Psychiatrie-Professor Malek Bajbouj

02.10.2013

Eine Familie im Flüchtlingscamp im syrischen Atmeh (Qatma), die aus der Provinz Idlib geflohen ist. Mediziner vom Campus Benjamin Franklin der Charité setzen sich für die psychologische Betreuung syrischer Flüchtlinge ein.
Eine Familie im Flüchtlingscamp im syrischen Atmeh (Qatma), die aus der Provinz Idlib geflohen ist. Mediziner vom Campus Benjamin Franklin der Charité setzen sich für die psychologische Betreuung syrischer Flüchtlinge ein. Bildquelle: istockphoto/ jcarillet
Psychiatrie-Professor Dr. Marek Bajbouj leitet das Projekt „CharitéHelp4Syria"
Psychiatrie-Professor Dr. Marek Bajbouj leitet das Projekt „CharitéHelp4Syria" Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Der Bürgerkrieg in Syrien hat nach Schätzungen bislang mehr als 100.000 Menschen das Leben gekostet. Den Vereinten Nationen zufolge suchen fast zwei Millionen Flüchtlinge in umliegenden Ländern Schutz. Sie alle haben furchtbare Erfahrungen gemacht, viele leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Ärzte der Charité-Universitätsmedizin Berlin, dem gemeinsamen medizinischen Fachbereich von Freier Universität Berlin und Humboldt-Universität, bilden nun in Jordaniens Hauptstadt Amman zehn arabischsprachige Psychologen und Psychiater in der Therapie von Traumafolgen aus. Sie sollen syrische Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien behandeln. Ein Gespräch mit Professor Malek Bajbouj von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin, der das Projekt „CharitéHelp4Syria“ koordiniert.

Herr Professor Bajbouj, wie wird „CharitéHelp4Syria“ umgesetzt?

Zunächst werden wir ein Expertenteam von der Charité nach Jordanien senden, das die zehn Kollegen aus Syrien, Jordanien und dem Libanon in einem dreiwöchigen Intensivtraining zu Trauma-Therapeuten ausbildet. Diese werden dann in Flüchtlingscamps und medizinischen Grundversorgungszentren tätig sein und dabei von uns auf zwei Ebenen unterstützt: Für die Bewältigung der alltäglichen Arbeit stehen einerseits vor Ort unsere lokalen Partner zur Verfügung, beispielsweise die American University in Beirut. Andererseits besprechen wir von hier aus in wöchentlichen Videokonferenzen das Vorgehen bei der Behandlung und besuchen die Kollegen einmal im Monat. Das Projekt wird vom Auswärtigen Amt mit rund 700.000 Euro gefördert und ist zunächst auf zwölf Monate angelegt.

Wie wählen Sie die Ärzte aus?

Wir haben Anzeigen geschaltet, nutzen akademische Kanäle und soziale Netzwerke. Zurzeit erhalten wir pro Tag etwa zehn Bewerbungen aus der ganzen Welt. Viele erreichen uns aus dem Nahen Osten, die meisten aus dem Libanon. Die Bewerber sollten im Idealfall schon psychiatrisch und psychologisch vorgebildet sein. Eine Kollegin aus der Psychologie, die bereits viele Jahre in London als Trauma-Therapeutin gearbeitet hat, kommt mit der besten Vorbildung ins Team. Es nehmen auch ein Neurologe teil, der sich bislang um Schlaganfälle gekümmert hat, oder Kollegen, die frisch von der Uni kommen. Letztendlich wird jeder in einem Feld arbeiten, auf dem er oder sie seine bisherige Erfahrung am besten einbringen kann. Wichtig ist, dass man persönlich sehr robust ist.

Wie vielen Flüchtlinge werden Sie so helfen können?

Mit dem Auswärtigen Amt haben wir uns auf einen Meilenstein von 2000 Patienten innerhalb von zwölf Monaten geeinigt. Die Zahl klingt zunächst hoch, aber bei mehr als zwei Millionen Flüchtlingen gehen wir davon aus, dass die Zahl behandlungsbedürftiger Menschen im sechsstelligen Bereich liegt. Mindestens ein Drittel der Flüchtlinge wird an Traumafolgenstörungen leiden. Es besteht also ein riesiger Bedarf.

Wie lange dauert die Behandlung?

Es gibt verschiedene Formen von Folgeerkrankungen. Die einfachste Form sind Schlafstörungen, die können wir sehr rasch behandeln: Es gibt medikamentöse Strategien, klare Vorgaben, was man wann macht. Es gibt aber auch sehr komplexe PTBS, bei denen die Behandlung recht langwierig sein kann. Bei solchen Patienten können die Symptome allerdings innerhalb eines Jahres deutlich reduziert werden. Trotzdem wird es einige Fälle geben, in denen die Behandlung notwendigerweise länger dauern wird.

Was können Sie für diese schweren Fälle tun?

Wir versuchen, Anfangsstrukturen zu schaffen. Wir wollen nicht wie ein Hubschrauber landen, Staub aufwirbeln und dann wieder verschwinden. Das ist häufig ein Problem solcher Hilfsprojekte. Es besteht fast eine Form von Tourismus. Ich möchte das nicht verurteilen; bei begrenzten Mitteln fließen sie dahin, wo die Not am größten ist. Das war vor zehn Jahren der Irak, jetzt sind es Syrien und Umgebung. Es ist aber wichtig, dass wir hier einen nachhaltigen Beitrag leisten und die Arbeit auch weitergeführt werden kann. Aus diesem Grund werden unter den zehn Kollegen auch Syrer sein, die für den Aufbau von Trauma-Zentren in Syrien ausgebildet werden. Und wir hoffen darauf, dass die Kollegen, die wir ausbilden, wiederum andere Kollegen ausbilden. Erst wenn sich der Konflikt beruhigt hat, wird die eigentliche Arbeit anfangen.

Die Fragen stellte Mirko Lux