Ein Männerclub in Kriegs- und Friedenszeiten

Physikerin und Politikwissenschaftlerin von der Freien Universität analysierte „Männlichkeitsstrukturen in der Physik“ / Mittwochs, 18.15 Uhr: Diversity-Vorträge im „Offenen Hörsaal“

28.11.2012

Die Kernphysikerin Lise Meitner  – hier mit ihrem Kollegen Otto Hahn auf einem Foto von 1913 – im Labor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie, dem heutigen Institut für Biochemie der Freien Universität Berlin in Dahlem.
Die Kernphysikerin Lise Meitner – hier mit ihrem Kollegen Otto Hahn auf einem Foto von 1913 – im Labor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie, dem heutigen Institut für Biochemie der Freien Universität Berlin in Dahlem. Bildquelle: Wikipedia / Department of Energy. Office of Public Affairs
Die Physikerin und Politikwissenschaftlerin Elvira Scheich betreibt Geschlechterstudien in der Physik und Physikgeschichte.
Die Physikerin und Politikwissenschaftlerin Elvira Scheich betreibt Geschlechterstudien in der Physik und Physikgeschichte. Bildquelle: Bianca Schröder

Die Jacketts hängen über den Stuhllehnen, der Seminarleiter hat lässig einen Fuß auf den Tisch gelegt, ein Teilnehmer hält eine Zigarette in der Hand: So dokumentiert ein Foto aus den Fünfzigerjahren ein Seminar des amerikanischen Physikers Robert Oppenheimer am „Institute for Advanced Study“ der Princeton University. Elvira Scheich, die am Fachbereich Physik der Freien Universität sowie am Centre for Gender Research der schwedischen Universität Uppsala lehrt und forscht, sprach im Rahmen der Vortragsreihe im Offenen Hörsaal „Diversity und sexuelle Vielfalt als Herausforderung für die pädagogische Praxis“ zum Thema „Männlichkeitsstrukturen in der Physik“.

Vergnügt und jungenhaft sehen die Physiker auf dem Schwarz-Weiß-Foto aus, offen und lebhaft wirkt ihre Diskussion. „Der traditionelle Typus des Gelehrten wurde damals ersetzt durch eine modernisierte hegemoniale Männlichkeit“, sagt Elvira Scheich. Die Wissenschaftlerin analysierte das veränderte Ideal von Männlichkeit in der Physik anhand der Fotoausstellung „The Family of Man“, die erstmals 1955 im Museum of Modern Art in New York gezeigt wurde. Die Ausstellung wurde von dem amerikanischen Fotografen Edward Steichen kuratiert und bestand aus 503 Fotos aus 68 Ländern. Sie wurde in 38 Ländern gezeigt und hatte mehr als neun Millionen Besucher. Mittlerweile ist sie von der UNESCO als Weltdokumentenerbe anerkannt und dauerhaft im Schloss Clervaux in Luxemburg zu sehen.

"Verschränkungen der Physik mit den ebenfalls männlich dominierten Machtbereichen von Militär und Politik"

Steichen zielte darauf ab, das menschliche Leben in all seinen Facetten darzustellen, von Geburt, Liebe und Freude bis zu Krieg, Krankheit und Tod. Ein Themenkomplex widmete sich dem Lernen und der Wissenschaft, zu ihm gehören auch mehrere Bilder von Oppenheimer, Einstein und anderen Physikern.

Bedeutende Physikerinnen aus dieser Zeit, wie Lise Meitner oder Melba Phillips, sind nicht abgebildet. Einen Grund hierfür sieht Elvira Scheich in den Verschränkungen der Physik mit den ebenfalls männlich dominierten Machtbereichen von Militär und Politik. Statt an die Spitze von Forschungsinstitutionen aufzurücken, hätten Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem an den Rechnern gesessen und ihren männlichen Kollegen zugearbeitet – wie Fotos aus der Ausstellung dokumentieren.

„Weibliche Figuren haben keinen rechten Platz in dieser Erzählung von einer Wissenschaft, die zugleich machtvoll und unschuldig (in dem Sinne, dass Physiker zwar die Atombombe entwickelt haben, aber nicht die Verantwortung für die Folgen von deren Einsatz übernehmen wollten, Anm. d. Red.) sein soll", sagt die Physikerin und Politikwissenschaftlerin Scheich. „Bei Lise Meitner gibt es das 'Problem' ihrer Emigration, Melba Phillips weigerte sich während der McCarthy-Ära, vor einem der Sicherheitsausschüsse auszusagen und verlor daraufhin ihre Stelle.“

Scheich: "Unzulänglich vollzogener Übergang vom Krieg zum Frieden"

Obwohl sich die Ausstellung seinerzeit Werte wie Humanismus und Gleichheit auf die Fahnen geschrieben habe, mache sie den nur unzulänglich vollzogenen Übergang vom Krieg zum Frieden deutlich, sagte Scheich: Ein Dia, das in New York am Ende der Ausstellung zu sehen war, zeigte die Explosion einer Wasserstoffbombe, das einzige Farbbild der gesamten Ausstellung und eine eindrucksvolle Mahnung bezüglich des zerstörerischen Potenzials von Nuklearwaffen. Dieses sei damals jedoch von Physikern generell nicht als ihr eigenes Problem, sondern als das der Anwender betrachtet worden, sagte Scheich. Als die Ausstellung damals nach Tokio und Paris weiterzog, wurde das Bild ersetzt durch eine Schwarz-Weiss-Aufnahme eines Atompilzes, später wurde es ganz entfernt.

Neuer Entwurf für das Selbstbild von Physikern – und Physikerinnen

An ganz anderer Stelle der Ausstellung, unter der Rubrik „Technik“, wurden Bilder gezeigt, die die friedliche Nutzung der Kernenergie als Grundlage für Wohlstand und Frieden propagierten. Dieses Thema habe 1955 Physiker aus aller Welt wieder zu einer Gemeinschaft zusammengeführt, sagte Scheich. Bei der UN-Konferenz „Atoms for Peace“ in Genf trafen Teilnehmer, Opfer und Kritiker des Krieges aufeinander.

Die Gemeinschaft der Konferenzteilnehmer sei sehr heterogen gewesen, vor allem durch deren Erfahrungen aus der jüngsten Vergangenheit, als viele Physiker vom Nationalsozialismus bedroht und aus Deutschland vertrieben worden waren. Dabei sei es nicht zuletzt der moderne Habitus und die Offenheit im Stile Oppenheimers gewesen, der die Neugründung einer internationalen scientific community ermöglicht habe, indem er einen neuen Entwurf für das Selbstbild lieferte, der das Fach nachhaltig geprägt habe.

Weitere Informationen

Vorlesungsreihe „Diversity und sexuelle Vielfalt als Herausforderung für die pädagogische Praxis“

Zeit und Ort

  • jeweils mittwochs von 18.15 bis 20 Uhr
  • Raum L 116 (Seminarzentrum gegenüber der Mensa)

Im Internet

Programm Offener Hörsaal