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Vom lebenslangen Deutschlernen

Rosemarie Tietze ist August-Wilhelm-Schlegel-Gastprofessorin für Poetik der Übersetzung

06.11.2012

Rosemarie Tietze mit Laudator Prof. Dr. Georg Witte vom Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin.
Rosemarie Tietze mit Laudator Prof. Dr. Georg Witte vom Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Jan Hambura
Die Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität, Prof. Dr. Doris Kolesch, begrüßte Rosemarie Tietze zu deren Antrittsvorlesung in der Bayerischen Landesvertretung.
Die Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität, Prof. Dr. Doris Kolesch, begrüßte Rosemarie Tietze zu deren Antrittsvorlesung in der Bayerischen Landesvertretung. Bildquelle: Jan Hambura

„Übersetzen. Eine Utopie“. Punkt. Sie habe absichtlich kein Fragezeichen hinter den Titel ihres Vortrags gesetzt, sagte Rosemarie Tietze. Denn Übersetzen sei keine Utopie – sondern realisierbar. Es frage sich nur, unter welchen Bedingungen. Und da mute einen, was „normal“ wäre, schon utopisch an. Die renommierte Übersetzerin aus dem Russischen verband in ihrer Antrittsvorlesung den Appell für bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Honorierung für Übersetzer mit dem Ruf nach einer „Kategorisierung von Zunftwissen“.

Übersetzer sollten bei Musikern in die Lehre gehen, empfahl Rosemarie Tietze. Johann Joachim Quantz, Flötenlehrer Friedrich des Großen, habe es mit seinem Werk „Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen“ vorgemacht. Eine solche Anleitung zum Erwerb grundlegender Fähigkeiten wünscht sie sich auch für ihre Zunft: „Solides handwerkliches Können ist das Fundament des Übersetzens, darauf lässt sich bauen. Der reine Intuitions- und Geniekult führt nicht weit“, sagte die 68-jährige gebürtige Badenerin. Als Übersetzer müsse man üben und Dinge ausprobieren, „wie in anderen Künsten auch“.

Das tut Rosemarie Tietze im Rahmen ihres Seminars „Spielräume des Übersetzens“ seit einigen Wochen mit Studierenden der Freien Universität. Als „Lücken“ bezeichnet sie diese Spielräume und meint damit die verschiedenen Möglichkeiten, die sich dem Übersetzer bieten: „Eine Übersetzung ist kein Spiegel.“ Nicht nur die Sprachen seien verschieden, auch das Denken sei in jeder Sprache ein anderes und müsse übertragen werden.

Übersetzen bedeutet „lebenslanges Deutschlernen“

Zunächst erscheine einem die fremde Sprache als undurchdringbar. Später erkenne man die Fremdheit der eigenen Muttersprache: Sie sei ein tückisches ausgedehntes Niemandsland „diesseits des Sprachgrenzflusses“. Wenn das Übersetzen – „ewige Pfadfinderei!“ – gelinge, entstehe die Utopie, das Wunschbild: keine Kopie des Originaltextes, sondern poetische Nachdichtung.

„Stilistisches Anverwandeln“ und „Mut“ zeichneten Rosemarie Tietzes Übersetzungen aus, sagte Laudator Georg Witte, Literaturprofessor am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität. Er beneide die Studenten ihres Seminars: Bei ihr würden sie lernen, „dass Übersetzung ein Medium der Kernerfahrung von Literatur überhaupt ist: der Erfahrung von sprachlicher Fremde“.

August-Wilhelm-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der Freien Universität Berlin

Die vom Deutschen Übersetzerfonds und der Freien Universität Berlin 2007 ins Leben gerufene August-Wilhelm-Schlegel-Gastprofessur ist die erste Professur für Poetik der Übersetzung im deutschsprachigen Raum. Die Idee geht auf Rosemarie Tietze zurück. Die Gastprofessur wird jährlich im Wintersemester am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft eingerichtet. Rosemarie Tietze folgt  auf Frank Günther, Burkhart Kroeber, Stefan Weidner, Susanne Lange und Olaf Kühl. Die Einrichtung der Gastprofessur wurde durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien ermöglicht. Seit 2009 wird sie aus Mitteln der Kulturstiftung des Bundes gefördert.