Freie Universität Berlin


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Vera oder nicht Vera?

„Lauben-Lecture“ über das Für und Wider von Vergleichsarbeiten an Schulen / Nächste Veranstaltung: 17. Januar, 18.15 Uhr

16.01.2012

Im Rahmen der „Lauben-Lectures“ am Zentrum für Lehrerbildung der Freien Universität wird über Schul- und Bildungsthemen diskutiert.
Im Rahmen der „Lauben-Lectures“ am Zentrum für Lehrerbildung der Freien Universität wird über Schul- und Bildungsthemen diskutiert. Bildquelle: photocase/luxuz

Sind sie ein Instrument der Unterrichtsentwicklung oder lediglich eines der Kontrolle? Um Potenziale und Probleme der Einführung von Bildungsstandards an Berliner Schulen, etwa in Form der Vergleichsarbeiten VERA, ging es in der diesjährigen Auftaktveranstaltung der „Lauben-Lectures“ des Zentrums für Lehrerbildung der Freien Universität.

Die Beiträge von Holger Gärtner, promovierter wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Institut für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg (ISQ), sowie der Berliner Grundschullehrerin Gundula Meiering waren die Ausgangsbasis für eine lebendige Diskussion. Rund 40 Interessierte – Vertreter der universitären Lehrerbildung und Studierende der Freien Universität, Lehrkräfte und Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung – waren vergangene Woche an die Freie Universität gekommen. Die „Lauben-Lectures“, eine Vortragsreihe am Zentrum für Lehrerbildung der Freien Universität, tragen in diesem Semester den Titel  „Kompetenzorientierter Unterricht – Potenziale und Probleme eines neuen Paradigmas“ – ein Thema, das für Forschung, Praxis und Politik von aktuellem Interesse ist.

Nach der ersten PISA-Studie im Jahr 2000

Hoger Gärtner stellte seinem Vortrag einige Fragen voran: Was ist Kompetenzorientierung, und wie hängt diese mit der Einführung von Vergleichsarbeiten an Schulen zusammen? Dahinter steht, Gärtner zufolge – angeregt durch die Veröffentlichung der Befunde der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 – ein neues Verständnis schulischer Bildung. Vermittelt und getestet werden sollten nach diesem Verständnis nicht mehr Bildungsinhalte, sondern konkret definierte Kompetenzen für eine konkret definierbare Anwendung. „Wichtige Punkte aus einem Text wiedergeben“ könnte beispielsweise eine solche Kompetenzerwartung lauten. Mit den Vergleichsarbeiten VERA sollen in der 3. und der 8. Klasse die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern in bestimmten Fächern getestet werden: in den dritten Klassen die Fächer Deutsch und Mathematik, in den achten Klassen die erste Fremdsprache und Mathematik.

Chancen und Gefahren

Holger Gärtner stellte dar, welche Chancen sich für die Unterrichtsentwicklung durch Vergleichsarbeiten ergeben. So erhielten Lehrkräfte eine genaue Rückmeldung darüber, wie bei ihren Schülern die jeweiligen Kompetenzbereiche ausgeprägt sind und inwieweit das mit ihrer eigenen Einschätzung als Lehrer übereinstimmt. Sie können die Ergebnisse ihrer Klasse mit denen ihrer Fachkollegen vergleichen und sich bei interessanten Abweichungen darüber austauschen, wie welche Kompetenzbereiche gezielt gefördert werden können – das ISQ baut derzeit zu diesem Zweck eine öffentlich zugängliche Aufgabendatenbank auf. Gärtner verwies gleichzeitig auf die Schwierigkeiten und Probleme, die sich durch VERA stellen: etwa die Gefahr der Manipulation der Ergebnisse und der Ausrichtung des Unterrichts auf ein einseitiges „Teaching to the test“.

Gundula Meiering, Lehrerin an der Joan Miró Grundschule und abgeordnete Lehrerin am Institut für Schulqualität, beschrieb in ihrem Vortrag, wie sie als Lehrerin mit den Ergebnissen einer Vergleichsarbeit umgeht. Sie sei zu Beginn selbst skeptisch gewesen und habe vermutet, dass die Arbeiten keinen nennenswerten Beitrag zur Unterrichtsentwicklung leisten könnten. Mittlerweile sei sie jedoch davon überzeugt, dass es sich um ein Erfolgskonzept handle. Meiering machte an Beispielen aus der schulischen Praxis und den einzelnen Arbeitsschritten deutlich, dass gute Information und die Expertise der Lehrkräfte der Schlüssel für den erfolgreichen Umgang mit Vera 3 und Vera 8 seien. Allerdings wies sie auch darauf hin, dass sich die positiven Effekte, wie die Steigerung der Diagnosekompetenz der Lehrkräfte, der sichere Umgang mit den einzelnen Kompetenzstufen und die Erfolge im Sinne der Unterrichts- und Schulentwicklung, nur dann einstellen könnten, wenn die Lehrkräfte von der Schulleitung ausreichend unterstützt würden und im Kollegium eine Atmosphäre des Vertrauens herrsche.

Praktische Umsetzung der Erkenntnisse aus VERA

Die lebhafte Diskussion, die auf die beiden Vorträge folgte, zeigte, wie umstritten Nutzen und Erfolg der Vergleichsarbeiten nach wie vor sind – bezogen auf die Forschung und die Praxis. Kritisiert wurden vor allem der entstehende Arbeitsaufwand, die hohe Wahrscheinlichkeit der Manipulation der Ergebnisse und die Möglichkeit des Missbrauchs der Arbeiten als Kontrollinstrument. Darüber hinaus wurde kritisch ein neues professionelles Selbstverständnis und Miteinander im Lehrerkollegium angeregt: Indem man die Ergebnisse diskutiert und sich darüber austauscht, wie die unterschiedlichen Resultate in den Parallelklassen zustandekommen, ließen sich anschließend Verbesserungen im Unterricht beschließen.

Weitere Informationen

Nächste „Lauben-Lecture“-Termine

Dienstag, 17. Januar, 18.15 Uhr

  • Raum KL 24/222, Silberlaube, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin, U-Bhf. Thielplatz, U3)

Referenten

  • Prof. Dr. Caspari, Freie Universität Berlin, Didaktik der romanischen Sprachen und Literaturen: „Vom kommunikativen zum kompetenzorientierten Fremdsprachenunterricht“
  • Dr. Christian Neumann, Fachseminarleiter Französisch, Lehrer an der John-F.-Kennedy-Schule: „Kompetenzorientierung im Französischunterricht“

Dienstag, 7. Februar, 18.15 Uhr

  • Raum KL 24/222, Silberlaube, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin, U-Bhf. Thielplatz, U3)

Referenten:

  • Dr. Gabriele Grieshop, Universität Vechta: „Wege durch den Dschungel kompetenzorientierter Mathematikaufgaben – Lernort „Aufgabenwerkstatt“ in der Lehrer(aus)bildung"
  • Dr. Rico Emmrich, Institut für Schulqualität: „Daten aus Vergleichsarbeiten zur Kompetenzförderung nutzen – die Aufgabendatenbank des Instituts für Schulqualität