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Den Weg frei machen für Open Access

Interview mit Katja Mruck und Albert Geukes vom Center für Digitale Systeme (CeDiS)

28.12.2011

Albert Geukes und Katja Mruck haben am Center für Digitale Systeme (CeDiS) langjährige Erfahrung mit Open Access gesammelt
Albert Geukes und Katja Mruck haben am Center für Digitale Systeme (CeDiS) langjährige Erfahrung mit Open Access gesammelt Bildquelle: Gisela Gross

Wissenschaftliche Texte und Forschungsdaten sollen grundsätzlich frei im Internet zugänglich sein – das ist das förderpolitische Ziel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Mehrere erfolgreiche Open-Access-Projekte an der Freien Universität Berlin belegen, warum Publizieren nicht unbedingt an Verlage gebunden sein muss. Campus.leben sprach mit Katja Mruck und Albert Geukes, die am Center für Digitale Systeme (CeDiS) langjährige Erfahrung mit Open Access gesammelt haben.

Frau Mruck, die DFG hat das 1999 von Ihnen mitbegründete E-Journal „Forum qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research“ (FQS) als Musterbeispiel für Open Access hervorgehoben. Welchen Hintergrund hat das Projekt?

Mruck: Wir haben mit der Zeitschrift angefangen, als im Internet allenfalls rudimentäre Angebote aus Nordamerika zu qualitativer Sozialforschung existierten. Ziel von FQS war es, national wie international einen Austausch zwischen Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen herzustellen. Den Begriff ‚Open Access‘ gab es damals noch nicht, aber wir wussten, dass das Projekt nur funktionieren würde, wenn die Zeitschrift frei zugänglich ist und die Qualität stimmt.

Dafür brauchten wir ein anonymisiertes Begutachtungsverfahren und ein aufwändiges muttersprachliches Lektorat in Deutsch, Englisch und Spanisch. Heute ist FQS mit circa 15.000 registrierten Lesern die größte Zeitschrift in dem Bereich der internationalen qualitativen Sozialforschung.

Wie funktioniert die Zeitschrift technisch?

Mruck: Zu Beginn mussten wir alles manuell machen: den Einreichungs- und Begutachtungsprozess, die Erstellung der Webseiten. Dann fing ich beim CeDiS an und erfuhr von der kanadischen Open-Source-Software Open Journal Systems (OJS), mit der man wissenschaftliche Fachzeitschriften verwalten kann. Damit regeln wir heute alle redaktionellen Abläufe. Die Software unterstützt die Einreichung der Texte, die Verteilung an Gutachter und Korrektoren und die Veröffentlichung in den Formaten PDF und HTML.

Eine Art Wiki?

Geukes: Es ist eher ein spezifisches Content-Management-System, mit dem das Redaktionsteam Abläufe organisieren und ordnen kann. Wir haben die Software auch dahingehend weiterentwickelt, dass sie automatisiert die Metadaten der Artikel an andere Systeme übermittelt, etwa an die Deutsche Nationalbibliothek, an VG Wort und Suchmaschinen.

Das Pilotprojekt des Exzellenzclusters Topoi mit dem DeGruyter-Verlag ist ebenfalls DFG-gefördert. Es vereint eine hochwertige Druckfassung und den Open-Access-Zugang – welche Tendenzen sehen Sie in diesem Bereich?

Geukes: Die Topoi-Reihe ist ein gutes Beispiel dafür, dass Open Access und Print kein Widerspruch sind. Diese Zwischentöne kommen künftig vermehrt zum Tragen. Wir wollen ja nicht das Gedruckte abschaffen, das zeigen auch Print-on-Demand-Formate, wo jedem Leser frei steht, was er sich leisten will.

Mruck: Generell denken die großen Verlage um, seit die DFG Universitäten bei der Finanzierung von gebührenpflichtigen Open-Access-Artikeln („author pays“) unterstützt. Sie haben eigene Open-Access-Zeitschriften eingerichtet – dort eingereichte Artikel können gegebenenfalls Förderung erhalten. Die DFG ist damit nicht unbedingt glücklich, weil das eigentliche Ziel ja war, die Inhalte der etablierten Zeitschriften frei zugänglich zu machen.

Mit ihren Schilderungen widerlegen Sie Argumente von Open-Access-Kritikern, die einen Qualitätsverlust befürchten. Wie erleben Sie die Stimmung in der Wissenschaft generell?

Mruck: Was das Sicherstellen von Qualität anbelangt, gibt es im Kern keinerlei Unterschied zwischen Print und Open Access. Wissenschaftler werden durch öffentliche Gelder bezahlt: Sie forschen, schreiben, begutachten und geben im Falle kostenpflichtiger Zeitschriften druckfertige Texte beim Verlag ab, die die Universitäten dann zurückkaufen – das ist ein völlig anachronistischer Prozess, den auch zentrale Akteure wie die Hochschulrektorenkonferenz, die Max-Planck-Gesellschaft, die Helmholtz Gemeinschaft, die Fraunhofer Gesellschaft und die DFG ablehnen.

Denn öffentlich finanzierte Forschung muss auch öffentlich zugänglich sein. Außerdem treten Autoren noch immer meist ihr ausschließliches Nutzungsrecht an Verlage ab, sie dürfen den Text nicht einmal auf ihre Webseite stellen. Die Policy der Freien Universität fordert, dass Autoren das einfache Nutzungsrecht an ihrer Arbeit behalten und eine digitale Kopie auf dem Uni-Server bereitgestellt wird.

Geukes: Generell bekommen wir immer mehr Anfragen, seitdem die DFG kaum noch Druckkostenzuschüsse für Zeitschriften vergibt. Dafür unterstützt sie Print-Zeitschriften, die in das digitale Open-Access-Format wechseln. Die Förderrichtlinien der DFG nehmen natürlich direkten Einfluss auf die drittmittelfinanzierten Aktivitäten. Und die DFG honoriert durchaus, dass die Freie Universität sich seit Jahren erfolgreich mit dem Thema auseinandersetzt und dass viele Projekte mit Substanz entstanden sind.

Die Fragen stellte Gisela Gross