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Wenn nur das Video bleibt

Internationale Nachwuchswissenschaftler kamen nach Dahlem, um sich in die Arbeit mit den multimedialen Zeitzeugen-Archiven an der Freien Universität einführen zu lassen

16.08.2011

Studierende, Lehrende und Forschende sowie Gastwissenschaftler haben an der Freien Universität Berlin Zugang zu drei bedeutenden digitalen Zeitzeugen-Archiven zum Nationalsozialismus.
Studierende, Lehrende und Forschende sowie Gastwissenschaftler haben an der Freien Universität Berlin Zugang zu drei bedeutenden digitalen Zeitzeugen-Archiven zum Nationalsozialismus. Bildquelle: Center für Digitale Systeme (CeDiS)
Die griechische Doktorandin Anna-Maria Droumbouki schreibt ihre Dissertation über "Erinnerungsorte des Zweiten Weltkriegs". Sie nutzt das Visual Archive in ihren Lehrveranstaltungen.
Die griechische Doktorandin Anna-Maria Droumbouki schreibt ihre Dissertation über "Erinnerungsorte des Zweiten Weltkriegs". Sie nutzt das Visual Archive in ihren Lehrveranstaltungen. Bildquelle: Jan Hambura
Michele Barricelli war bis 2008 Juniorprofessor an der Freien Universität und ist seitdem Professor für Didaktik der Geschichte an der Leibniz-Universität Hannover.
Michele Barricelli war bis 2008 Juniorprofessor an der Freien Universität und ist seitdem Professor für Didaktik der Geschichte an der Leibniz-Universität Hannover. Bildquelle: Jan Hambura

Viele Überlebende der Verbrechen des Nationalsozialistischen Regimes sind heute aufgrund ihres Alters nicht mehr in der Lage, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Um ihre Erlebnisse für zukünftige Generationen zu bewahren, wurden ihre Erinnerungen in Audio- und Video-Interviews festgehalten. Zeugnisse, die auch die Wissenschaft interessieren. 20 Nachwuchswissenschaftler aus 14 Ländern kamen Anfang August an die Freie Universität, um sich während der 3. Summer School des „Visual History Archive“ mit der interdisziplinären wissenschaftlichen Arbeit mit videografierten Zeitzeugen-Interviews vertraut zu machen.

Als Anna-Maria Droumbouki mit ihrer Promotion begonnen hat, konnte sie nur noch schlecht schlafen. Das Thema der Arbeit hat sie zu sehr bewegt. Die Griechin schreibt über Erinnerungsorte des Zweiten Weltkriegs. An der Universität Athen hat sie Neuere Griechische Geschichte studiert und war als Gastwissenschaftlerin bereits drei Monate an der Universität Leipzig. Nun war Anna-Maria Droumbouki eine von 20 internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die kürzlich an die Freie Universität gekommen sind, um sich im Rahmen der Summer School „Stimmen der Vergangenheit – Digitale Oral-History-Archive zur Shoah und NS-Zwangsarbeit als wissenschaftliche Quelle: Geschichte, Gegenwart und Perspektiven“ mit sogenannten Oral-History-Interviews –zu beschäftigen. Oral-History-Interviews sind videografierte Zeitzeugen-Interviews. Die Studierenden, Absolventen, Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler der Sommerschule waren allesamt Alumni deutscher Universitäten.

Zugang zu rund 52.000 Zeitzeugen-Interviews

Durch eine Kooperation mit der Freien Universität Berlin haben auch die Studierenden der Universität Athen – wie Anna-Maria Droumbouki – Zugang zum „Visual History Archive“ des Shoah Foundation Institute for Visual History and Education der University of Southern California (USC). Durch eine Lizenzvereinbarung mit dem Shoah Foundation Institute ermöglicht die Freie Universität ihren Studierenden, Lehrenden und Forschenden sowie Gastwissenschaftlern den Zugang zu dem Material des weltweit größten Video-Archivs seiner Art. Es enthält rund 52.000 videografierte Interviews mit Überlebenden des Holocaust aus 56 Ländern in 32 Sprachen. „Daneben bietet die Freie Universität auch Zugang zu den Archiven ‚Zwangsarbeit 1939-1945‘, einem Archiv mit knapp 600 Interviews ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie ‚Refugee Voices‘, dem Archiv der Association of Jewish Refugees (AJR) in Großbritannien,“ sagt Verena Nägel, Organisatorin der Summer School.

Vorträge, ein Praxisworkshop und Gedenkstättenbesuche

Während der Summer School besuchten die Teilnehmer auch Gedenkstätten, darunter das ehemalige Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Zudem wurden sie in einem eintägigen Praxisworkshop in die interdisziplinäre wissenschaftliche Analyse videografierter Zeitzeugen-Interviews eingeführt. Michele Barricelli, bis 2008 Juniorprofessor an der Freien Universität und seitdem Professor für Didaktik der Geschichte an der Leibniz-Universität Hannover, referierte über Zeitzeugen-Videos als geschichtswissenschaftliche Quelle.

Videos ergänzen Quellentexte

„Die Videos ersetzen in der Geschichtswissenschaft und im Schulunterricht nicht die Arbeit mit Quellentexten“, sagt Barricelli. Da die Zeitzeugen aber mit ihrer Person für ihre Geschichte einstünden, seien sie eine wichtige „Beglaubigungsinstanz“ für Schülerinnen und Schüler. Ein videografiertes Zeitzeugen-Interview könne etwas leisten, was ein Transkript desselben nicht schaffe: Es mache die Mimik, Gestik, einen Unterton oder etwa ein Zögern in der Stimme des Zeitzeugen erlebbar.  Ein weitere Stärke des „Visual History Archive“ sei die Menge an Interviews. Der Umfang des Archivs verdeutliche den Schülern, dass eine Stimme für viele andere stehe und die Geschichte eines Menschen für die vieler anderer, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. „Um die insgesamt rund 52.000 Interviews anzuschauen, bräuchte man 100.000 Stunden bzw. 14 Jahre“, sagt Michele Barricelli. Oft reicht die Zeit im Schulunterricht nur für einen Ausschnitt aus einem Zeitzeugen-Interview. Denn für die Zeit von 1939-1945, die meist im zweiten Halbjahr der neunten Klasse behandelt wird, haben Geschichtslehrer maximal 20 Schulstunden zur Verfügung. Aus diesem Grund hat das Center für Digitale Systeme (CeDiS), das Kompetenzzentrum für E-Learning, E-Science  und Multimedia der Freien Universität, in Zusammenarbeit mit Michele Barricelli und weiteren Fachdidaktikern, multimediale Bildungsmaterialien mit lebensgeschichtlichen Video-Interviews für den Schulunterricht entwickelt.

Die Summer School wird vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gefördert und ist Teil des internationalen Alumniprogramms der Freien Universität Berlin. Organisiert wird sie vom Center für Digitale Systeme (CeDiS).