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Rezepte für das Anthropozän

Wissenschaftler befassen sich in einem Comic mit den Chancen und Gefahren des menschengemachten Erdzeitalters

29.08.2016

Der Wissenschafts-Comic zeigt die kulturelle Vielfalt beim Essen.
Der Wissenschafts-Comic zeigt die kulturelle Vielfalt beim Essen. Bildquelle: Abbildung von Ulrich Scheel aus Leinfelder, Hamann, Kirstein, Schleunitz (Hrsg.): Die Anthropozän-Küche, Springer-Verlag Berlin / Heidelberg 2016
Zehn Protagonisten aus zehn verschiedenen Ländern geben in dem Sachcomic Einblick in ihre momentane Ernährungssituation.
Zehn Protagonisten aus zehn verschiedenen Ländern geben in dem Sachcomic Einblick in ihre momentane Ernährungssituation. Bildquelle: Abbildung von Ulrich Scheel aus Leinfelder, Hamann, Kirstein, Schleunitz (Hrsg.): Die Anthropozän-Küche, Springer-Verlag Berlin / Heidelberg 2016
Wissenschaftliche Hintergründe zu aktuellen Problemfeldern der Nahrungsmittelproduktion werden in dem Comic verdeutlicht.
Wissenschaftliche Hintergründe zu aktuellen Problemfeldern der Nahrungsmittelproduktion werden in dem Comic verdeutlicht. Bildquelle: Abbildung von Ulrich Scheel aus Leinfelder, Hamann, Kirstein, Schleunitz (Hrsg.): Die Anthropozän-Küche, Springer-Verlag Berlin / Heidelberg 2016

Sollte uns da etwas entgangen sein? Ein neues Erdzeitalter ist angebrochen. Das Holozän, die seit 11 000 Jahren anhaltende Warmzeit nach der letzten Eiszeit, wurde abgelöst durch das Anthropozän. Bekommt die Menschheit also ihr eigenes geologisches Zeitalter? Experten diskutieren zwar noch, doch für Forscher wie den Geologen und Paläontologen Professor Reinhold Leinfelder von der Freien Universität Berlin besteht kein Zweifel: Der Mensch ist zu einem wesentlichen Faktor im System Erde geworden.

Eine These, die Klimaforscher Paul Crutzen erstmals im Jahr 2000 aufstellte. Die Fakten sind eindeutig: „80 Prozent der Erde sind keine Ur-Natur mehr. Mensch und Nutztiere machen 90 Prozent der Biomasse aller Säugetiere auf der Erde aus. Wir haben das gesamte Süßwassersystem im Griff, schichten 30 Mal mehr Sedimente um, als Naturgewalten es könnten und produzieren jährlich so viel Plastik, wie es der Biomasse der gesamten Menschheit entspricht“, zählt Leinfelder auf.

Wir produzieren sogar eigene Fossilien: „Techno-Fossilien“ aus Plastikpartikeln, Aluminium und Bauschutt, die sich in Ozeanen und Gebirgsseen ablagern. Kurz: Homo sapiens ist heute eine geologische Kraft – vergleichbar mit Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Kontinentalverschiebungen.

Herausforderungen und Zukunftsszenarien des neuen Zeitalters

An Erdproben lässt sich die Zeitenwende ziemlich exakt ablesen – um 1950 herum war das, sagt Reinhold Leinfelder. „Seit dieser Zeit finden wir Aschen, die nur bei industriellen Verbrennungsprozessen entstehen und den radioaktiven Niederschlägen der Atombombenversuche der 1950er und 1960er Jahre.“

Aber was bedeutet das Anthropozän für uns? Und wie geht es weiter? In der „Anthropozän-Küche“, einem Projekt des Exzellenzclusters „Bild Wissen Gestaltung“ der Humboldt-Universität zu Berlin, identifiziert Reinhold Leinfelder gemeinsam mit Kollegen verschiedener Fachrichtungen die Herausforderungen und entwickelt Zukunftsszenarien für das neue Zeitalter.

„Küche“ ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen, denn anhand der Frage „Wie ernährt sich die Welt?“ lässt sich gleich ein ganzes Büffet voller anthropozän-relevanter Aspekte abräumen. In unser tägliches Essen spielten Globalisierung, Klimawandel, Biodiversität und Ressourcennutzung ebenso hinein wie Energieversorgung, weltweite Stoffflüsse und der ganz persönliche Lebensstil, sagt Reinhold Leinfelder.

Zehn Menschen aus fünf Kontinenten berichten von ihren Essgewohnheiten

Erste Ergebnisse des Experiments, an dem Menschen aus fünf Kontinenten teilgenommen haben, werden nun in einem gleichnamigen Wissenschafts-Comic veröffentlicht. Er wird gemeinsam herausgegeben von Reinhold Leinfelder, der Mediengestalterin Alexandra Hamann sowie Jens Kirstein und Marc Schleunitz, zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern des Instituts für Geologische Wissenschaften der Freien Universität Berlin, die an dem Projekt Anthropozän-Küche beteiligt sind.

Mit Unterstützung des Goethe-Instituts und über persönliche Kontakte fanden die Forscher zehn geeignete Protagonisten auf fünf Kontinenten und fragten sie: Was isst Du? Wo kaufst Du ein? Wie bereitest Du Dein Essen zu? Mit wem isst Du gemeinsam, und was ist Dein Lieblingsrezept? Ein Künstler aus dem jeweiligen Land setzte die Essenz der Gespräche dann in Bilder um. „Wir waren sehr gespannt, ob die kulturelle Vielfalt, die wir beim Essen noch haben, auch in den Zeichenstilen herauskommt“, sagt Leinfelder.

Junkfood, Fettsucht und Fitnesswahn

Das ist definitiv gelungen. Einem Essay und einem einleitenden Comic folgen zehn Geschichten, jede so individuell illustriert wie das Land, von dem sie erzählt. Während die Figuren über ihre Ernährung plaudern, geben sie ganz nebenbei Einblick in eine Herausforderung, die das Anthropozän in ihrer Heimat mit sich bringt. Paloma aus Los Angeles zum Beispiel ernährt sich am liebsten von Junkfood. Fettsucht und Fitnesswahn als Antipoden stehen da zwangsläufig im Raum.

Sophie aus Berlin macht sich Gedanken über den hohen Fleischkonsum, für den andernorts genmanipulierte Futtermittel produziert werden. Wie wär’s mit Insektenproteinen statt Schwein aus Massentierhaltung? Yuko aus Tokio kann nicht ohne ihren Coffee to go im Einweg-Becher, gerät aber beim Einkaufen angesichts der plastikverpackten Lebensmittel schwer ins Grübeln.

Als verbindendes Element bringt sich immer wieder ein kugelrundes Kerlchen ins Spiel, das durch jede Geschichte läuft – das chemische Element Phosphor, meist „in Gesellschaft“ von vier Sauerstoffatomen als Phosphat. Kurz nach dem Urknall war es schon da und vom Urschleim als Ausgangsstoff der belebten Natur bis zur komplexen DNA in den Zellen höherer Lebewesen immer dabei. Als universelle Energiequelle jeder Zelle, als Düngemittel und selbst in Cola-Getränken – Phosphor ist unverzichtbar und wird langsam knapp!

„Weniger ist mehr“

Welchen Weg wird die Menschheit im Anthropozän einschlagen, damit unsere Erde auch in Zukunft lebenswert bleibt? Darüber diskutieren Forscher weltweit. Unter anderem in der Anthropocene Working Group der International Commission on Stratigraphy, deren Mitglied Leinfelder ist.

Kulturwissenschaftler, Architekten, Philosophen und Geologen reden sich dort mit Historikern, Klimaforschern und Biologen die Köpfe heiß. Vier Szenarien hat Leinfelder entworfen. „Weniger ist mehr“ zum Beispiel. Das heißt: Energie sparen, kleinere Häuser bauen. Und beim Essen? Vegetarisch! Vegan! Lokal!

Ein weiteres Szenario heißt: Sich „Die Natur als Vorbild“ nehmen: Algen- und Insektenfood, Biomaterialien, erneuerbare Energien und viele andere Möglichkeiten gibt es. Drittens „Symptome bekämpfen“: Produktivität steigern, robustere Pflanzen züchten, Ressourcen schonen, Verschmutzung der Ozeane stoppen.

Und zuletzt „Future Tech“: Hochhaus-Farming mit Gemüseanbau auf mehreren Stockwerken, Essen aus dem 3D-Drucker, Nanotechnologie und dergleichen mehr. „Ein ausbalancierter Mix aus allem wäre wohl das Beste“, sagt Reinhold Leinfelder, der solche Szenarien auch für das im Aufbau befindliche „Haus der Zukunft“ in Berlin entwickelt, welches er seit September 2014 leitet.

Bewältigen wir die Herausforderungen, kann das Anthropozän sehr, sehr lange dauern, ist Leinfelder überzeugt. „Machen wir es aber schlecht, wird es eine denkbar kurze Epoche in der Erdgeschichte“, mahnt Leinfelder. Wir haben es selbst in der Hand.