Unabhängig telefonieren

Telefonumfragen sind ein wichtiges Werkzeug für die Wissenschaft – auf dem Campus Lankwitz der Freien Universität ist deswegen eine eigene Telefonzentrale eingerichtet worden

14.07.2016

Christian Strippel (vorn) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Martin Emmer. Er hat die Telefonzentrale auf dem Campus Lankwitz mit eingerichtet.
Christian Strippel (vorn) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Martin Emmer. Er hat die Telefonzentrale auf dem Campus Lankwitz mit eingerichtet. Bildquelle: Jonas Huggins
Martin Emmer ist Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, dort leitet er die Arbeitsstelle Mediennutzung. Rechts sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Christian Strippel.
Martin Emmer ist Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, dort leitet er die Arbeitsstelle Mediennutzung. Rechts sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Christian Strippel. Bildquelle: Jonas Huggins

Eine repräsentative Umfrage zu führen, bedeutet viel Arbeit und setzt eine aufwendige Infrastruktur voraus. Für zahlreiche Forschungsprojekte in verschiedenen Fachbereichen sind solche Erhebungen aber unerlässlich. Um unabhängig von kommerziellen Anbietern – Meinungsforschungsinstituten – Umfragen durchführen zu können, hat die Freie Universität für ihre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ihre Studierenden eine eigene Telefonzentrale eingerichtet.

Zehn Telefonplätze stehen in einem Dachgeschoss auf dem Lankwitzer Campus der Freien Universität zur Verfügung. Wo früher die mineralogische Sammlung eines Geologie-Professors lagerte, steht heute ein Dutzend Computer. An der Wand hängt eine Weltkarte. Martin Emmer, Professor für Mediennutzung am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, hatte sich die Einrichtung einer Telefonzentrale im Rahmen seiner Berufung gewünscht. Seit Anfang dieses Jahres steht sie bereit.

Herkömmliche Telefone findet man hier allerdings nicht. Ein kompliziertes Softwarepaket ersetzt sie: Ein Programm gestaltet Interviewleitfäden, ein anderes wählt automatisch Telefonnummern an und weist die Telefonate den Interviewern zu. Diese sprechen mit Headsets über das Internet und müssen nur noch die Fragen vom Bildschirm ablesen.

Kompletter Durchschnitt der Bundesrepublik

Die korrekte Programmierung einer Umfrage erfordert Expertise. Deshalb läuft nichts ohne Christian Strippel, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Martin Emmer. Strippel hat eine Schulung erhalten und steuert nun die Interviews aus einem Supervisor-Raum heraus. „Man muss die Sprache des Programms sprechen lernen“, sagt er.

Derzeit bereiten Christian Strippel und Martin Emmer eine größere Umfrage vor, mit der sie herausfinden wollen, wie sich die Nutzung von Fernsehen und Internet überschneidet, beispielsweise wenn Zuschauer während einer Fernsehsendung auf Twitter aktiv sind.

„Woher haben Sie denn meine Nummer?“, ist die Frage, die die Interviewer am häufigsten beantworten müssen. Die Antwort lautet: Vom GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, das eine Datenbank mit allen logisch möglichen Telefonnummern in Deutschland unterhält. „So erreicht man einen kompletten Durchschnitt der Bundesrepublik“, sagt Martin Emmer. „Die 90-jährige Oma, die alle Fragen liebevoll beantwortet, ist genauso dabei wie der Jugendliche, der nebenbei am Handy spielt, und der aggressive Mittvierziger, der droht, die Polizei zu rufen.“

Jeder könnte am anderen Ende der Leitung sein – auch die Bundeskanzlerin. Viele rechneten nicht damit, dass Fremde durch Zufall ihre Nummer wählen könnten. Ein Gesprächspartner sei einmal besonders besorgt gewesen, erzählt Emmer, weil er in einem Zeugenschutzprogramm war. Er habe sich Sorgen gemacht, dass seine Nummer bekannt wird. Eine Sorge, die völlig unbegründet sei, sagt der Wissenschaftler, da die Nummern nach der Befragung sofort wieder gelöscht würden.

10.000 zufällige Telefonnummern

Für eine typische Umfrage braucht Martin Emmer etwa 10.000 Nummern. Viele davon sind allerdings nicht zu gebrauchen. Knapp die Hälfte der Nummern ist gar nicht vergeben, viele führen zu Firmen oder öffentlichen Einrichtungen. Einmal, so erzählt Martin Emmer, habe ein Interviewer die Polizei am Apparat gehabt. Etwa 4.000 Nummern führen tatsächlich zu gewöhnlichen Haushalten. Doch nur ein Teil der Personen ist in der Regel erreichbar und damit einverstanden, an der Umfrage teilzunehmen.

Am Ende braucht es etwa 1.000 Antworten, damit eine Studie statistisch repräsentativ ist. Auf dem Weg dahin ist Geduld gefragt. Wenn die Umfrage vor allem diejenigen erreicht, die bereits beim ersten Anruf ans Telefon gehen, kann das die Ergebnisse verzerren. Bei kommerziellen Anbietern für Meinungsforschung sei das wahrscheinlicher, weil es einen hohen Kostendruck gebe, sagt Martin Emmer. Sich von diesen Anbietern unabhängig machen zu können, sei darum wichtig für die Qualität der Wissenschaft. Denn an der Universität gilt die Regel: Bis zu zehn Mal wird versucht, die Person hinter einer Telefonnummer zu erreichen, immer wieder und zu unterschiedlichen Tageszeiten. Das sei langwierig, führe aber zu genaueren Ergebnissen, sagt Emmer.

Angebot für Wissenschaftler und Studierende

Telefonumfragen sind ein wichtiges Werkzeug für viele Wissenschaften, von der Publizistik über die Politikwissenschaft bis hin zur Soziologie und Psychologie. Aber auch für andere Fächer könnte die in Lankwitz eingerichtete Telefonzentrale nützlich werden, zum Beispiel für die Informatik. „Wenn dort mithilfe von Big-Data-Analysen Schlussfolgerungen auf Autoren, Entstehungsbedingungen oder Nutzungsweise von Texten oder Daten gezogen werden sollen, so Emmer, könnten ergänzende Befragungen die Befunde deutlich verlässlicher machen.“

Die Telefonzentrale spielt auch in der Lehre und der Methodenausbildung der Studierenden eine Rolle: So wurde die erste Befragung, die in der Zentrale stattfand, im Januar 2016, von Teilnehmern eines Seminars im Bachelorstudiengang Publizistik- und Kommunikationswissenschaft entwickelt und selbst durchgeführt.