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Wie die Kunst hilft zu überleben

4. Juli, 18 Uhr: Literaturwissenschaftler Jürgen Brokoff spricht in seiner Antrittsvorlesung über Herta Müllers „Atemschaukel“ / Anschließend liest die Nobelpreisträgerin aus ihrem Roman

29.06.2016

Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ zeige, wie man trotz leidvoller Erlebnisse die menschliche Würde wiedererlangen könne, sagt Professor Jürgen Brokoff. In seinem Vortrag am 4. Juli geht es daher vor allem um die Beziehung von Moral und Kunst.
Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ zeige, wie man trotz leidvoller Erlebnisse die menschliche Würde wiedererlangen könne, sagt Professor Jürgen Brokoff. In seinem Vortrag am 4. Juli geht es daher vor allem um die Beziehung von Moral und Kunst. Bildquelle: math1as / photocase.de
2005 erhielt Herta Müller den Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung und trat die mit der Auszeichnung verbundene Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität an.
2005 erhielt Herta Müller den Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung und trat die mit der Auszeichnung verbundene Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität an. Bildquelle: Freie Universität Berlin
Jürgen Brokoff ist Professor für Neuere deutsche Literatur am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin.
Jürgen Brokoff ist Professor für Neuere deutsche Literatur am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

„Jede Schicht ist ein Kunstwerk“ – das Zitat stammt aus Herta Müllers 2009 erschienenem Roman „Atemschaukel“, in dem die Autorin die Lagererfahrungen des Schriftstellers, ihres Freundes, Oskar Pastior, verarbeitet. Es ist auch der Titel der Antrittsvorlesung, die Jürgen Brokoff, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin, am kommenden Montag hält. Nach dem Vortrag liest Herta Müller, Berliner Literaturpreisträgerin 2005 und im selben Jahr Heiner-Müller-Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin – aus ihrem Roman. Campus.leben sprach vorab mit Jürgen Brokoff über Krieg und Kriegserfahrungen als literarisches Thema und ein begonnenes Gespräch, das bis heute andauert.

Herr Professor Brokoff, Sie forschen und publizieren zu Krieg, Kriegserfahrung, Kriegsverbrechen und Literatur. Wie haben Sie zu diesem Forschungsschwerpunkt gefunden?

Der Forschungsschwerpunkt hat sich zum einen aus der intensiven Beschäftigung mit dem Werk des österreichischen Schriftstellers Peter Handke ergeben. Handke gehörte in den 1990er Jahren und auch danach zu den wenigen literarischen Autoren, die sich für den Zerfall Jugoslawiens und die aus ihm hervorgegangenen Bürgerkriege interessiert haben. Dabei war es mir vor allem wichtig, die Position Handkes kritisch zu hinterfragen, auch deshalb, weil Kontroversen, Meinungsstreit und Debatten ein wichtiges Strukturmerkmal der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1989 sind.

Hinzu kam die Arbeit mit Studierenden, die gezeigt hat, dass die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen nicht nur juristisch und historisch-politisch, sondern auch aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive interessant ist. Exkursionen mit Studierenden zum „Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien“ (ICTY) in Den Haag haben uns die große Bedeutung des Themas auch für die Geisteswissenschaften verdeutlicht. Studierende, die ich noch während meiner Bonner Zeit unterrichtet habe, haben einen eigenen Sammelband zum Thema „(Post-)Jugoslawien“ erarbeitet – für mich persönlich ein gelungenes Beispiel für die Verbindung von Forschung und Lehre.

In den letzten Jahren ist die Beschäftigung mit Kriegserfahrungen in Osteuropa und Südosteuropa dazugekommen. Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ (2009) ist ohne den Zweiten Weltkrieg nicht zu denken. Er thematisiert ein vergleichsweise unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte: das Schicksal der deutschsprachigen Minderheiten im rumänischen Staat, der erst an der Seite von Nazi-Deutschland gekämpft hat und dann auf die Seite der Sowjetunion gewechselt ist. Die Deportation von Angehörigen der deutschen Minderheiten in sowjetische Zwangsarbeiterlager war gleichsam der Tribut, den man von den sogenannten Volksdeutschen für die im Namen von Nazi-Deutschland angerichteten Verbrechen und Kriegsverbrechen gefordert hat.

In diesem Semester unterrichten Sie ein Seminar zur rumänien-deutschen und postjugoslawischen Literatur – die Werke von Herta Müller und Oskar Pastior spielen hier eine Rolle. Wie ist der Kontakt zu Herta Müller entstanden?

Der Kontakt zu Herta Müller ist im vergangenen Jahr im Rahmen der Strategischen Partnerschaft der Freien Universität Berlin mit der Hebrew University Jerusalem entstanden. Ein Interview mit Herta Müller und eine Lesung aus ihrem Werk bildeten im Frühjahr 2015 den feierlichen Abschluss einer zweisemestrigen Vorlesungsreihe in Israel. Daraus hat sich ein Gespräch ergeben, das bis heute anhält.

Sie überschreiben Ihre Antrittsvorlesung mit einem Zitat aus Herta Müllers Atemschaukel: „Jede Schicht ist ein Kunstwerk“ – worüber werden Sie sprechen?

In meinen Vortrag werde ich die zuweilen anrührende, zuweilen verstörende Verbindung von ethischen und ästhetischen Fragen das heißt die Beziehung von Moral und Kunst in Müllers Roman „Atemschaukel“ genauer beleuchten. Der Roman, der auf den leidvollen Erlebnissen des aus Siebenbürgen stammenden Schriftstellers Oskar Pastior (1927-2006) basiert, ist auch ein literarisches Zeugnis des Versuchs, trotz der deprimierenden Erfahrung von Lager und Zwangsarbeit so etwas wie menschliche Würde wiederzuerlangen. Wie ich zeigen möchte, spielt die Kunst dabei eine überaus wichtige Rolle.

Was erwarten Sie und was erhoffen Sie sich von der gemeinsamen Veranstaltung mit Herta Müller?

Die Idee zu der gemeinsamen Veranstaltung mit Herta Müller ist im Grunde sehr einfach. Literaturwissenschaft – unabhängig von Sprache und methodisch-theoretischer Ausrichtung – ist angewiesen auf den Dialog mit der Literatur, sie hat die Existenz dieser Literatur gleichsam zur Voraussetzung. Das gilt in besonderer Weise für eine Literaturwissenschaft, die sich mit Gegenwartsliteratur, also mit Texten noch lebender Autorinnen und Autoren beschäftigt. Für mich ist es reizvoll und spannend, Gegenwartsliteratur und Wissenschaft in immer wieder neuen Konstellationen in ein Gespräch zu bringen.

Weitere Informationen

„Jede Schicht ist ein Kunstwerk“ – Ethik und Ästhetik in Herta Müllers „Atemschaukel“

Antrittsvorlesung von Professor Jürgen Brokoff

Zeit, Ort und weitere Informationen

  • 4. Juni 2016, 18 Uhr
  • Hörsaal 1b, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin
  • Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei
  • Zum Programm