Freie Universität Berlin


Service-Navigation

Gastfreundschaft und -feindschaft zugleich?

Der Umgang mit dem Fremden in Literatur und Literaturwissenschaft ist Thema der Jahrestagung der Friedrich Schlegel-Graduiertenschule am 10. und 11. November

05.11.2015

Freund oder Feind? Zu Beginn ist Neues immer fremd. In der Literatur ist der Versuch, im Vertrauten das Fremde zu entdecken und im Fremden Vertrautes zu suchen, ein verbreitetes Motiv.
Freund oder Feind? Zu Beginn ist Neues immer fremd. In der Literatur ist der Versuch, im Vertrauten das Fremde zu entdecken und im Fremden Vertrautes zu suchen, ein verbreitetes Motiv. Bildquelle: Morguefile / quicksandala

Welche Wege findet Literatur, um die ausweglosen Diskrepanzen überwinden, die sich aus der Begegnung mit dem Fremden ergeben? Kann Literatur sogar vermittelnd wirken und Veränderungen in der Wahrnehmung der Leser herbeiführen? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich die diesjährige Jahrestagung der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien der Freien Universität (FSGS): „Gastfeindschaft? Aporien des Umgangs mit dem Anderen in Literatur und Literaturwissenschaft“ lautet der Titel der Veranstaltung. Campus.leben sprach mit Johannes Kleine, Stipendiat der FSGS und Mitorganisator der Tagung.

Herr Kleine, im Titel der Jahrestagung taucht der Begriff „Gastfeindschaft“ auf. Was ist damit gemeint?

Der französische Philosoph Jacques Derrida war der Meinung, dass Gastfreundschaft nicht nur bedeute, einem Fremden die Tür zu öffnen, sondern gleichzeitig auch nicht zu wissen, wer der Gast sei: ob er „Gast ist und nicht Mörder“. Um diese Gleichzeitigkeit von Gastfreundschaft (hospitalité) und -feindschaft (hostilité) auszudrücken, schlug er den Begriff „hostipitalité“ vor, den wir mit Gastfeindschaft übersetzt haben.

Dieser sehr auf den Punkt gebrachte Terminus macht auf das Phänomen aufmerksam, das wir im Rahmen der Tagung diskutieren wollen: Wie begegnet man dem Fremden gastfreundlich? Wie kann man ihm so unvoreingenommen entgegentreten, dass man eine Veränderung des Eigenen zulassen kann? Wir denken, dass die Literatur als eine Art verlangsamte gesellschaftliche Selbstvergewisserung etwas über die derzeitige Migrationsentwicklung und Fluchtbewegung sagen kann, was andere Diskurse vielleicht nicht können.

In welchen literarischen Ausprägungen wird das Verhältnis von Gastfreundschaft und dem Fremden behandelt?

Die Tagung ist breit gefächert. Sie nimmt historische Diskussionen auf, die auch in der Literatur stattfinden, und fragt, was sie uns zur heutigen Situation sagen können oder wie sie aktuelle Betrachtungsweisen auf bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen – insbesondere die Fluchtbewegung – schärfen und reflektieren können.

In den verschiedenen Diskussionsrunden werden etwa Reise- und Exilliteratur untersucht, aber es sind auch andere Genres vertreten. Esther von der Osten vom Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität beschäftigt sich beispielsweise in einem Filmvortrag mit dem „Theater der Gastfreundschaft“. Der Film „Le dernier Caravansérail“ des „Théâtre du Soleil“ behandelt die Situation der Flüchtlinge, die in der Nähe von Calais darauf warten, nachts heimlich durch den Eurotunnel zu fliehen. Es ist ein sehr eindrucksvolles Stück und mit Sicherheit eine interessante Veranstaltung.

Inwieweit nimmt die Tagung außerdem Bezug auf die derzeitige Flüchtlingsbewegung?

Besonders die Diskussionsrunde „Flüchtlinge in der deutschen Gegenwartsliteratur“ ist sehr aktuell. So etwas hat es bisher als dezidiertes Thema in der Germanistik noch nicht gegeben. Anfang der 1970er und 80er Jahre hat sich zwar die Forschungsrichtung der Migrationsliteratur entwickelt, die sich vor allem mit Gastarbeitern und deren Literatur über ihre Arbeitswelt befasst. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden auch verschiedene Migrationsbewegungen in den Blick genommen. Aber Flucht im Besonderen – wie sie gerade in Völkerwanderungsdimensionen geschieht – wurde wissenschaftlich selten thematisiert und neugermanistisch noch gar nicht intensiv aufgearbeitet. Das wird im Rahmen der Veranstaltung erstmals stattfinden und soll anschließend auch mit einer weiteren Tagung ausgebaut werden.

An wen richtet sich die Veranstaltung? Ist spezielles Wissen bestimmter Literatur Voraussetzung, um folgen zu können?

Die Vorträge sind für alle Interessierten offen. Wir haben uns extra dafür entschieden, die Konferenz auf Deutsch zu halten – und nicht wie sonst üblich auf Englisch –, weil wir ein größeres Publikum in Berlin ansprechen wollten, auch über die Literaturwissenschaft hinaus.

Wenn der Literaturwissenschaftler Anselm Haverkamp die Tragödie „Antigone“ des antiken griechischen Dichters Sophokles sowie bestimmte Denkfiguren im Lauf der Kulturgeschichte bespricht, ist es sicherlich von Vorteil, mit dem Stück vertraut zu sein. Aber bei vielen Vorträgen – wie die zu Flüchtlingen in der Gegenwartsliteratur – sind keine besonderen Grundvoraussetzungen nötig. Man wird auch so gut verstehen, wovon die Romane handeln und warum sie für uns heute interessant sind.

Die Fragen stellte Marina Kosmalla

Weitere Informationen

„Gastfeindschaft? Aporien des Umgangs mit dem Anderen in Literatur und Literaturwissenschaft“

Zeit und Ort

  • 10. und 11. November 2015, Beginn: 9 Uhr
  • ICI Kulturlabor Berlin, Haus 8, Christinenstraße 18–19, 10119 Berlin (U-Bahnhof Senefelderplatz, U2)
  • Die Tagung ist öffentlich, der Eintritt frei
  • Konferenzsprache ist Deutsch
  • Programm