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Das Hemd vom anderen Ende der Welt

Wirtschaftswissenschaftlerin Elke Schüßler untersucht, wie sich die Bedingungen im global vernetzten Bekleidungshandel nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch 2013 verändert haben

16.09.2015

April 2013: Bei dem schwersten Unglück in der Geschichte der Textil- und Bekleidungsindustrie starben mehr als 1100 Menschen, 2400 wurden verletzt.
April 2013: Bei dem schwersten Unglück in der Geschichte der Textil- und Bekleidungsindustrie starben mehr als 1100 Menschen, 2400 wurden verletzt. Bildquelle: flickr-rijans

Am 24. April 2013 stürzte in der bangladeschischen Stadt Sabhar die neunstöckige Textilfabrik Rana Plaza ein. Der Betreiber hatte lebensbedrohliche Baumängel ignoriert. Mehr als 1100 Menschen starben, 2400 wurden verletzt. Es war das schwerste Unglück in der Geschichte der Textil- und Bekleidungsindustrie. Juniorprofessorin Elke Schüßler vom Management-Department der Freien Universität Berlin koordiniert eine interdisziplinäre Studie, in die erstmals die Perspektiven aller am Produktionsprozess beteiligten Akteure in der Textilindustrie einfließen. Die Leitfrage: Welche Voraussetzungen müssten Politik, Gesellschaft und Wirtschaft schaffen, um Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern nachhaltig zu verbessern?

Das Unglück von Rana Plaza hat schlagartig in Erinnerung gerufen, unter welchen Bedingungen in Schwellenländern Mode produziert wird. Doch beklagen viele, dass solche Katastrophen immer wieder geschehen, ohne dass sich etwas ändert. Zuweilen aber setzt der Schock nach derartigen Unglücken auch den Willen zur Veränderung frei.

Was sich ändern müsste an den Produktionsstandards in der globalen Wertschöpfungskette des Bekleidunghandels, nimmt das internationale Forschungsprojekt „Changes in the Governance of Garment Global Production Networks: Lead Firm, Supplier and Institutional Responses to the Rana Plaza Disaster“ in den Blick. Es wird mit 800.000 Euro aus dem Programm „Europe and Global Challenges“ gefördert, das gemeinsam von der VolkswagenStiftung, dem Wellcome Trust und dem Riksbankens Jubileumsfond getragen wird. Das internationale Projektteam besteht aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von der London School of Economics (UK), der Universität Göteborg (Schweden), der University of New South Wales (Australien) und der BRAC University (Bangladesch) und wird von Juniorprofessorin Elke Schüßler zusammen mit Professor Stephen Frenkel von der UNSW Business School geleitet. Die Freie Universität Berlin koordiniert und administriert das Projekt.

Den Produktionstunnel durchleuchten

„Wertschöpfungskette“ – das klingt hübsch und ordentlich. Jedes Glied hat seinen Platz und stellt eine sichere Verbindung zum nächsten her. In Wirklichkeit aber verschwindet die Kettenmitte meist in einem langen dunklen Tunnel und verzweigt sich dort. An einem Oberhemd beispielsweise sind bis zu 140 Lieferanten beteiligt. Wer will da garantieren, dass die Arbeit immer nach den Standards der Auftraggeber erledigt wird?

„Den westlichen Firmen fehlen teilweise wichtige Informationen über die tatsächlichen Produktionsbedingungen, und es ist oft unklar, ob sie diese nicht erheben können oder wollen“, sagt Elke Schüßler. „Darüber hinaus produzieren in Bangladesch manche Fabriken für Firmen aus zehn unterschiedlichen Ländern. Jedes Unternehmen kommt mit anderen Anforderungen. Das macht es für die Lieferanten schwer, die Produktion zu organisieren. Und dann bleibt die Frage: Was kommt von den westlichen Produktionsstandards bei den Arbeiterinnen an?“

Rahmenbedingungen bestimmen

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begegnen dem Problem, indem sie qualitative und quantitative Forschungsinstrumente der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an beiden Enden der Wertschöpfungskette anwenden. Oder anders gesagt: Sie stellen auf beiden Seiten des Tunnels starke Lampen auf, um den Weg durch die Röhre auszuleuchten.

Zunächst untersuchen sie die eine Öffnung des Tunnels, nämlich die Praktiken und Rahmenbedingungen der westlichen Firmen und die Frage, inwieweit sich diese seit dem Einsturz von Rana Plaza verändert haben. In Deutschland beispielsweise wurde im vergangenen Oktober das „Bündnis für nachhaltige Textilien“ gegründet, ein Zusammenschluss von 140 Firmen, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und Politikern. Ziel des Bündnisses ist es, gemeinsame Arbeits- und Umweltschutzstandards zu errichten und für transparentere Lieferketten zu sorgen. Außerdem unterzeichnete ein transnationaler Zusammenschluss von Gewerkschaften mit 190 überwiegend europäischen Textilfirmen ein Abkommen über Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch. Und in einer vergleichbaren Allianz taten sich 26 überwiegend US-amerikanische Firmen zusammen.

Wer orientiert sich an welchen Standards?

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen, welche Haltung westliche Unternehmen einnehmen. „Manche ergreifen die Initiative und verändern Arbeitsabläufe und -prozesse unabhängig davon, ob sie einem dieser Bündnisse beitreten. Uns interessiert vor allem, an welchen Standards zur Corporate Social Responsibility (CSR) sich die Unternehmen orientieren und ob sie tatsächlich handeln und etwas an ihrer Lieferantenstruktur verändern,“ sagt Schüßler.

In einer Pilotstudie verglich Schüßler gemeinsam mit zwei australischen Kollegen zunächst deutsche und australische Firmen. Die Studie hat gezeigt: Nicht nur der Firmensitz ist ausschlaggebend für die Veränderungsbereitschaft, sondern auch die Größe der Firma und das Marktsegment.

Große „Player" untersuchen

Die Teilnehmer für einen erweiterten Vergleich zwischen Deutschland, Australien, Schweden und Großbritannien stehen noch nicht fest. Wünsche hat Elke Schüßler schon: „H&M ist ein großes Unternehmen mit einem professionellen CSR, das wir gerne untersuchen würden.“ Es gebe nur eine Handvoll „richtig großer Player“: „Danach geht es schnell runter auf eine mittelständische Größenordnung. Wir unterteilen die Unternehmen nach ihrer Größe und ihren Vertriebswegen in vier Kategorien“, sagt die Wissenschaftlerin.

In jedem der vier Länder sollen in 20 Firmen, deren Daten für die Studie anonymisiert werden, Führungskräfte aus dem Einkauf sowie aus dem CSR-Bereich anhand eines umfassenden Fragenkatalogs zu ihren Produktionsstandards und -abläufen befragt werden. Die Wissenschaftler wollen dabei die Mechanismen verstehen, mit denen unterschiedliche Firmen die Veränderung ihrer Prozesse steuern. Darüber hinaus werden Expertinnen und Experten von Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Verbänden und politischen Institutionen befragt.

Ergebnisse auch auf andere Länder und Branchen übertragen

Auf der anderen Seite der Wertschöpfungskette, in Bangladesch, untersucht die Studie, welche Auswirkungen die im Westen getroffenen Veränderungen auf die Situation in dem Produktionsland haben und wie sie von dortigen Stakeholdern wie Gewerkschaftlern und Politikern sowie von den Fabrikleitern bewertet werden.

Darüber hinaus werden rund 2000 Fabrikarbeiterinnen in ihrem häuslichen Umfeld, wo sie vor dem Druck ihrer Arbeitgeber geschützt sind, zu den Auswirkungen von Rana Plaza auf ihre täglichen Arbeitsbedingungen befragt. Schüßler sagt: „In den Textilfabriken arbeiten überwiegend Frauen. Deren Situation ist sehr ambivalent. Für manche ist die Arbeit ein Akt der Befreiung, selbst wenn die Arbeitsbedingungen schlecht sind. Deswegen wäre es keine Lösung, zu fordern, dass die Bekleidungsfirmen das Land verlassen sollen.“

Einer Lösung für das komplexe Problem will das Team aus 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern 2018 näher gekommen sein. Die Erkenntnisse aus den Reaktionen auf Rana Plaza sollen dann auch auf andere Länder und Branchen übertragen werden. Die Wissenschaftler wollen Empfehlungen aussprechen, und das nicht nur in Fachpublikationen. Die Ergebnisse sollen direkt an die Praktiker aus Politik und Wirtschaft herangetragen werden. Denn von effektiveren Kontrollen auf den globalisierten Märkten profitieren am Ende alle.